Wiedererstarkter MSV Duisburg Man wird ja wohl noch träumen dürfen

Vom Zwangsabstieg zum seriösen Zweitligaklub: Die vergangenen Jahre beim MSV Duisburg gleichen einer Achterbahnfahrt. Nun scheint sogar die Bundesliga-Rückkehr möglich. Was ist passiert?

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Von Christian Woop


Es ist die im Moment vielleicht überraschendste Geschichte der Zweiten Liga: das Wiedererstarken des MSV Duisburg. Nach schweren Jahren und Existenzangst bei dem Traditionsklub dürfen nun bei Fans des MSV wieder erste Träume erwachen. Träume von der Bundesliga, deren Gründungsmitglied der Ruhrgebietsklub im Jahr 1963 gewesen ist. Der MSV ist vor seinem Spiel gegen Nürnberg (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nah dran an den Aufstiegsplätzen, steht drei Zähler hinter dem Relegationsrang.

Dabei ist es fast überraschend, dass an der Wedau überhaupt noch professioneller Fußball gespielt wird. Vermutlich weiß das niemand besser als Linksverteidiger Kevin Wolze, der seit 2011 im Verein ist.

Der Rückblick: Im Sommer 2013 stand der MSV vor dem wirtschaftlichen Totalschaden. In der Kritik standen Geschäftsführer Roland Kentsch und Präsident Walter Hellmich. Der Funktionär und Bauunternehmer hatte zehn Jahre zuvor das Wedaustadion abgerissen und eine neue Arena bauen lassen: eine Millionenbelastung für den Klub. 2014 wurden drei Viertel des Baukredits in Höhe von 17,6 Millionen Euro durch mehrere Gläubiger erlassen. Der Verein war zerstritten.

Der Tiefpunkt: Im Jahr 2013 kam es zum Debakel, nämlich dem Lizenzentzug und dem Zwangsabstieg aus der zweiten Liga.

Die Gegenwart: Duisburg ist Tabellensechster der zweiten Liga, hat sieben Spiele in Folge nicht verloren. Wolze ist einer von nur noch drei Spielern aus dem aktuellen Kader, die beim Zwangsabstieg 2013 schon im Verein waren. Mittlerweile ist der 27-Jährige Kapitän.

Kevin Wolze (r.)
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Kevin Wolze (r.)

"Wir wussten nicht, wie es weitergeht", sagt Wolze über die damalige Zeit: "Als der Zwangsabstieg endgültig war, haben sich sofort die ersten Spieler verabschiedet." Auch Sportdirektor Ivo Grlic war damals schon dabei und stand vor einer großen Herausforderung: "Wir hatten nur elf Tage bis zum ersten Spieltag, um einen Kader zusammenzustellen und einen Trainer zu verpflichten. Für mich war das eine extreme Erfahrung", erinnert sich Grlic.

Die Verhandlungsposition der neuen Verantwortlichen war in der sportlich unattraktiven dritten Liga schlecht. Einige Spieler besaßen aufgrund des Abstiegs entweder keinen Vertrag oder mussten weit unter Marktwert verkauft werden. "Das war der Totalcrash", sagt Geschäftsführer Peter Mohnhaupt. Den Schuldenschnitt im März 2014 hat man damals dankend angenommen.

Ein Jahr später gelang Duisburg mit älteren Spielern die Zweitliga-Rückkehr, unterlag in der folgenden Saison aber den Würzburger Kickers in der Relegation - und stieg wieder ab. Mittlerweile ist der MSV wieder zweitklassig und sogar die erste Liga scheint nun greifbar. Träumt der Klub bereits von der Bundesligarückkehr? Zumindest nicht offiziell. Die magische 40-Punkte-Marke, die den Klassenverbleib quasi garantiert, sei das Ziel. Sechs Punkte fehlen dem MSV dafür noch. Und dann?

Trainer Ilia Gruev
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Trainer Ilia Gruev

"Wenn irgendwann der Weg mal nach oben führen sollte, würde sich sicher niemand dagegen wehren", sagt Mohnhaupt. Einerseits wäre ein Aufstieg eine gute Gelegenheit, Verbindlichkeiten weiter abzubauen. Andererseits scheint der Klub sportlich noch nicht gefestigt. Ein warnendes Beispiel dafür ist der SC Paderborn, der 2014 überraschend in die Bundesliga aufgestiegen war und mittlerweile Drittligist ist. Der Klub will sich also erst einmal wirtschaftlich stabilisieren und eigene Spieler für das Profiteam ausbilden.

Schneller Erfolg vs. langfristige Entwicklung

Vor allem aber wünschen sich die Duisburger ein weiterhin ruhiges Umfeld: "Wir haben in Duisburg des Öfteren erlebt, was passiert, wenn Unruhe herrscht", sagt Grlic. Und das gilt auch für andere Traditionsklubs im Ruhrgebiet. Rot-Weiß Essen spielt nur noch Regionalliga, und der VfL Bochum gibt ebenfalls ein schlechtes Bild ab. Fünf Trainer standen beim VfL in dieser Saison bereits an der Seitenlinie. Sportvorstand Christian Hochstätter musste Anfang Februar ebenfalls gehen, weil er dem Verein keine nachhaltige sportliche Zukunft geben konnte.

Solche Verhältnisse will der MSV nicht. Hier stehen zwei Gesichter für Konstanz: Grlic ist das eine, der Sportdirektor leitet den Klub seit 2011. Das andere ist Trainer Ilia Gruev, der seit 2015 im Amt ist. Im Profibereich ist auch das schon eine längere Zeit. Mit Verantwortlichen langfristig zu planen, hat schon andere Vereine erfolgreich gemacht: Mainz und Dortmund unter Jürgen Klopp, Freiburg unter Christian Streich und Volker Finke, Köln unter Peter Stöger oder Bremen unter Thomas Schaaf.

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Von Zwangsabstieg bis zweite Bundesliga: Die Geschichte des MSV Duisburg

In Duisburg sollen nun Grlic, Mohnhaupt und Gruev Ähnliches leisten und den Verein wieder groß machen. Ob das gelingt? Auch ein Peter Stöger konnte in Köln nicht ewig in Ruhe arbeiten. Und der mögliche Duisburger Aufstieg würde viel verändern: In der Bundesliga würden der Verein und seine Verantwortlichen im Rampenlicht stehen.

Die kontinuierliche Stabilisierung in Liga zwei würde dem Verein vielleicht eher helfen - so wie Langfristigkeit auch Kevin Wolze geholfen hat. In den vergangenen Jahren hat er sich bei den Fans einen guten Ruf erarbeitet. "Ich erhalte eine andere Wertschätzung", sagt er. Sechs Tore hat Wolze als Linksverteidiger bereits seit Dezember erzielt - eine bemerkenswerte Marke.

Und sollten solche Leistungen doch schon am Ende dieser Saison für einen der ersten drei Plätze reichen, wird das im Duisburger Umfeld zumindest zu Beginn eher für Aufgeregtheit als für Unruhe sorgen.

insgesamt 6 Beiträge
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Besserwisser12345 18.02.2018
1. Relegation das Ziel
Vor der Saison hatte ich die Hoffnung, dass mein MSV die Relegation schafft. Allerdings war ich überzeugt, dass es die zur 3. Liga wird. Ich nehme aber auch die andere :-)
Teigkonaut 18.02.2018
2. Kontinuität kein Erfolgsrezept
Die Entwicklung freut mich erst mal. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen der MSV als Bayern-Schreck auftrat. Das waren spannende Heimspiele in Liga 1. Lang ist`s her und die Gegenwart sieht anders aus. Aber mal im Ernst: warum sollte eine Kontinuität als graue Maus des Profifußballs besser sein als ein überraschender Aufstieg in Liga 1? Klar sind Paderborn und Ulm dabei krachend gescheitert. Es gibt aber auch andere Beispiele wie der SC Freiburg oder der FC Augsburg. Also nur Mut ihr Zebras, ich freue mich über jeden Traditionsverein, der sich gegen die sterilen Sponsorklubs behaupten kann.
LapOfGods 18.02.2018
3. "Die kontinuierliche Stabilisierung in Liga zwei würde dem Verein ..:"
Es kann uns keiner garantieren, dass wir nächste und übernächste Saison nicht mit 2 Siegen weniger auf Platz 11 oder 12 stehen. Sportlich ist das praktisch dasselbe, würde aber nicht als Stabilisierung sondern als Stagnationoder gar Rückschritt begriffen werden. Dann kommen wieder die üblichen Parolen von der fehlenden Entwicklung und Konzepten. Nee, man muss die Chance nutzen wenn sie da ist.
tombrok 18.02.2018
4.
Die Überraschung der 2.Liga diese Saison ist und bleibt Holstein Kiel, hinter dem MSV aufgestiegen und steht auf dem 3.Platz vor dem MSV.
tobih 18.02.2018
5. Einmal Chaos, immer Chaos
Ich gehe mal davon aus, daß der Schreiberling Fan des MSV ist, ansonsten kann ich mir so einen Bericht nicht erklären: mir fallen auf den Schlag 3-4 Vereine ein, die, trotz schlechterer Voraussetzungen nachhaltiger und schon länger genauso erfolgreich arbeiten und daher eher mal so eine Story verdient hätten, wie ein Verein, der seit Jahrzehnten von einem Chaos ins andere stürzt: jetzt ist der MSV mal eine halbe Saison halbwegs solide unterwegs und schon bekommt dieser Verein so eine Lobhudelei. Aber ich verstehe schon: ist halt so ein kultiger Ruhrpottverein, man lebt, liebt und leidet halt mit seinem Malocherclub... Da reicht eine halbe erfolgreiche Saison schonmal aus, um eine wohlige Homestory im SPON zu veröffentlichen Ich kann das glorifizieren des Versagens bei diesen Vereinen nicht mehr ertragen: die Ruhrpottvereine haben in den letzten Jahren (wenn nicht Jahrzehnten) fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann und werden immer wieder in den Medien hofiert, warum ist das so? Außerhalb Bochums oder Duisburgs interessieren sich die allerwenigsten Menschen für diese Vereine, also: warum nicht mal eine Story über die richtigen Underdogs wie Regensburg, Heidenheim, Aue oder Sandhausen? Bei diesen Vereinen ist ein Konzept zu erkennen, sie beschäftigen innovative Trainer und machen schlichtweg aus viel weniger viel mehr... Was Duisburg betrifft: ich gönne dem Verein den Erfolg, ich kann mir aber nicht vorstellen, daß hier irgendwas nachhaltig ist: es reichen in der Regel 5-6 schlechte Spiele, um in diesen Traditionsvereinen erneut das Chaos ausbrechen zu lassen, das konnte man in der Vergangenheit immer wieder beobachten...
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