Nachruf Erst am Bosporus wurde Jupp Derwall ein Held

Er war der Bundestrainer zwischen Helmut Schön und Franz Beckenbauer: Jupp Derwall taugte als Coach der DFB-Elf nicht zur Legende. Er holte zwar einen EM-Titel, verantwortete jedoch auch die "Schande von Gijon". Erst in der Türkei wurde er gefeiert.

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Hamburg - Er musste erst nach Istanbul gehen, um Anerkennung zu finden. 1984 war es, in Deutschland hatte man ihn nach der verkorksten Europameisterschaft in Frankreich mit dem Vorrunden-Aus unter medialen Dauerbeschuss genommen und aus dem Amt des Bundestrainers gejagt, da unterschrieb Jupp Derwall einen Vertrag bei Galatasaray Istanbul. Und das, was erst wie eine Art Flucht aussah, entwickelte sich zu einem Erfolgsmodell: Zwei Meistertitel und einen Pokalsieg holte er am Bosporus in vier Jahren, die Fans verehrten ihn als "Fußballpascha vom Bosporus", und er legte den Grundstein für die vielen deutschen Trainer, die nach ihm in die Türkei kamen: Christoph Daum, Joachim Löw, Holger Osieck oder derzeit wieder Karl-Heinz Feldkamp. Einen lebenslangen Vertrag boten sie ihm an, doch 1989 kehrte er nach Deutschland zurück.

Immerhin hatte er in seiner Heimat noch viel größere Erfolge gefeiert: Als Assistent von Helmut Schön holte er den Europameistertitel 1972 und die Weltmeisterschaft 1974, nebenbei trainierte er die "Amateurmannschaft" des DFB bei den Olympischen Spielen 1972. In seinem Team standen Ottmar Hitzfeld und Uli Hoeneß. Nach der WM 1978 übernahm er folgerichtig den Posten des Bundestrainers von Schön und feierte gleich bei seinem ersten Turnier einen großen Erfolg: Im Endspiel der EM erzielte Horst Hrubesch in Rom seine ersten beiden Länderspieltore und verhalf dem Team und Derwall zum Titel. Am Ende hieß es 2:1 gegen Belgien. Hrubesch sollte der Lieblingsspieler von Derwall bleiben.

Zwei Jahre später reichte es bei der WM in Spanien immerhin zum Vizeweltmeistertitel nach einem 1:3 im Finale gegen Italien, doch schon damals überwogen die Negativ-Schlagzeilen. Das Vorbereitungs-Trainingslager am Schluchsee wurde wegen zahlloser Trinkgelage in "Schlucksee" umgetauft, dazu kam die "Schande von Gijon", der Nichtangriffspakt im letzten Gruppenspiel gegen Österreich (1:0, Tor Hrubesch) und die Kung-Fu-Einlage von Torwart Toni Schumacher im Halbfinale gegen den Franzosen Patrick Battiston. Der Stern von Derwall begann zu sinken.

Endgültig verglühte er bei der EM 1984 in Frankreich. Die Titelverteidigung war das Ziel, doch nach schwachen Auftritten wurde die DFB-Elf kurz vor dem Abpfiff des letzten Gruppenspiels gegen Spanien durch ein Gegentor aus dem Turnier geworfen. Derwall dachte trotzdem nicht an Rücktritt, doch die Stimmung war umgeschlagen. "Franz: 'Ich bin bereit!'" titelte die "Bild"-Zeitung und hatte somit schon den designierten Nachfolger im Köcher. Derwall trat zurück, Beckenbauer übernahm.

Die Vorwürfe, er habe den Spielern zuviele Freiräume gelassen, ließ Derwall nicht gelten. "Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu meinen Spielern. Auch wenn man mir die lange Leine oft vorgeworfen hat, würde ich es heute nicht anders machen. Man muss das Vertrauen der Spieler haben", sagte er später einmal. Mit einem der besten Spieler seiner Zeit kam er allerdings kaum klar: Bernd Schuster bezeichnete Derwall mal als "Ahnungslosen" und beendete seine Karriere in der Nationalelf nach 20 Einsätzen.

Fünf Pokalendspiele - fünf Niederlagen

Doch der Ahnungslose hatte schon als Spieler überzeugt. Zwei A-Länderspiele absolvierte er, kickte für Rhenania Würselen, Alemannia Aachen, Fortuna Düsseldorf und war später als Spielertrainer in der Schweiz beim FC Biel und FC Schaffhausen erfolgreich. Wenn es um Endspiele ging, klebte ihm das Pech jedoch an den Stiefeln: Dreimal stand er als Spieler im Pokalfinale, dreimal ging er als Verlierer vom Platz. 1953 schoss er beim 1:2 von Aachen gegen Rot-Weiss Essen das Tor für sein Team, später unterlag er mit Düsseldorf gegen Bayern (1957) und Stuttgart (1958). Auch als Trainer verlor der Träger der Ehrendoktorwürde der Unis Aachen und Ankara als "Architekt der Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei" zwei Pokalendspiele.

Im Stillen hat Derwall auch an seinen verborgenen Talenten gefeilt: 1980 brachte er das Buch "Der Nationalmannschaft in den Kochtopf geguckt" heraus. "Chicoree im Schinkenmantel" sei sein Lieblingsessen, verrät er darin. Nach einem Herzinfarkt 1991 zog er sich zurück, arbeitete noch als Kolumnist für den "Kicker". Heute starb Jupp Derwall nach kurzer und schwerer Krankheit. Er wurde 80 Jahre alt.



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Boone 16.11.2006
1.
Der Weg führt uns zum Sieg, denn was auch kommen mag, wir werden kämpfen bis die Hölle zu friert und anschliessend kämpfen wir auf dem Eis weiter.
zockererwin 16.11.2006
2.
Die Nationalmanschaft kann sicher wieder zur Weltspitze aufrücken. Ich hab den Eindruck, es herrscht ein neuer Geist in diesem Team. Das Zypern-Spiel gestern war sicher nicht berauschend. Aber solche Spiele hat es schon früher gegeben.
Knecko 16.11.2006
3. Hochleistungsgetriebe ?
---Zitat von sysop--- Die beste Länderspiel-Bilanz aller Zeiten im Rücken, die EM-Qualifikation vor Augen - Wohin führt der Weg der DFB-Elf? ---Zitatende--- Trotz alledem, nach dem gestrigen Spiel behaupte ich : Wir sind wieder am Boden der Realität - also auf der Ebene 1 - angelangt. Die Bilanz in diesem Jahr ist tatsächlich erstaunlich gut : 2 Niederlagen (beide gegen Italien....) 2 Unentschieden 16 Siege (inkl. dem 13:0 einem der höchsten Siege überhaupt) Aber man hat gegen Zypern sehr genau gesehen, dass "The Mannschaft" nur funktioniert, wenn alle ersten 11 an Bord sind. Bzw. - um hier mal meine wirklich sehr gut analytisch denkende und mit gutem Fußball-Sachverstand ausgestattete Frau zu zitieren - alle bis auf Ballack, der mehr schadet, als nutzt! Aber mal der Reihe nach : Bernd Schneider : Ohne ihn geht es einfach nicht. Er ist das wichttigste Bindeglied von unserer Elf. Nur durch Bernd ist "The Mannschaft" zu einer Einheit geworden. Er ist der Rackerer, der allen anderen die nötigen Freiräume verschafft, die sie zur Entfaltung ihres Spieldranges auch benötigen. Frings und Schweinsteiger profitieren am meisten von der Omnipräsenz von Bernd S. Timo Hildebrand : Er ist nicht wirklich die Nr. 2 im deutschen Tor. Solche Fehler - wie gestern - dürfen einem Torwart der Nationalelf nicht passieren. Wir haben schon immer schwierige Charaktere, als Torwart gehabt. Aber alle wirklich guten Torhüter waren auch immer der Rückhalt und die Stütze der gesamten Verteidigung. Ein etwas besserer 0815-Torwart wie Herr Hildebrand, der - kaum ist seine Position als Nr. 2 mal vakant - gleich anfängt zu weicheiern, der ist nicht dafür geboren. Michael Ballack : Regisseur ???? Niemals !!!! Auch wenn alle jetzt sagen, dass wir ohne Ballack verloren hätten. Aber das ist nicht so. Was haben wir denn von ihm als Regisseur gesehen ? Ballkontakte von ihm, außer nach Standardsituationen, waren eher selten zu verzeichnen. Gegen Spielende hat er sich als (Kopfball-)Torjäger probiert. Dabei aber leider dabei vergessen, dass er auch einen Fuss zum Flanken schlagen und schießen hat. Borowski hätte das besser gelöst. Fazit : Unsere Elf ist ein gut funktionierendes Hochleistungsgetriebe, mit allen dazugehörigen Schwächen. Sobald ein Rädchen nicht mehr ordnungsgemäß arbeitet, steht das Getriebe still ! Gruß Knecko
isidorus, 16.11.2006
4.
---Zitat von sysop--- Die beste Länderspiel-Bilanz aller Zeiten im Rücken ---Zitatende--- Zählt das Zypern-Spiel eigentlich dazu? :-) Nein, ernsthaft: Wohin soll der Weg schon führen? Deutschland qualifiziert sich für EMs bzw. WMs und ist jedesmal Titelanwärter. 2008 traue ich Ihnen den Titel zu. Und bei allem Gejammere: Das ist Meckern auf höchstem Niveau! Bitte mal den Blick zu uns nach Österreich werfen, wo die Klubs international keine Rolle mehr spielen und die Nationalmannschaft gegen Kanada nicht mehr nur im Eishockey verliert, sondern neuerdings auch beim Fußball.
DJ2002dede, 16.11.2006
5.
---Zitat von sysop--- Die beste Länderspiel-Bilanz aller Zeiten im Rücken, die EM-Qualifikation vor Augen - Wohin führt der Weg der DFB-Elf? ---Zitatende--- Zur Weltspitze fehlt doch noch so einiges.
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