Nachspiel in Brandis Ein fast normaler Fußballabend

Im vergangenen Oktober hatten Neonazis aus Brandis noch Jagd auf Fans und Spieler von Roter Stern Leipzig gemacht. Beim Wiederholungsspiel waren die anderen in der Übermacht. Roter Stern machte den Abend zum Happening - und vergaß den politischen Anlass nicht.

Aus Brandis berichtet

Demonstration in Brandis: Hundertschaften in der Kleinstadt
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Demonstration in Brandis: Hundertschaften in der Kleinstadt


Brandis in der milden Aprilsonne ist ein friedliches ostdeutsches Städtchen. Es gibt einen Bioladen und eine Landmetzgerei, die Volkshochschule bietet Tiffany-Glasbearbeitung an, und die Freiwillige Feuerwehr vermeldet in ihrem Schaukasten bereits das vierte Neumitglied in diesem Jahr.

Nur die kleinen Aufkleber, überall im Ort an Schaufenstern und Litfaßsäulen verteilt, verraten, dass da etwas ist jenseits der Beschaulichkeit.

"Treue um Treue - im Gedenken an die gefallenen deutschen Soldaten", heißt es dort oder "Das abgewrackte System abschaffen: Nationale Sozialisten!" oder "Nationalisten gegen Kinderschänder." Über dem Bild einer türkischen Frau mit Kopftuch höhnt der Spruch: "Gute Heimreise." Brandis, knapp 20 Kilometer östlich von Leipzig gelegen, hat eine aktive rechte Szene. Im vergangenen Oktober hatten 50 Neonazis bei dem Bezirksklassespiel des gastgebenden FSV Brandis gegen Roter Stern Leipzig mit Eisenstangen, Holzlatten und Steinen Hetzjagd auf Fans und Spieler der Leipziger gemacht. Zwei Menschen waren dabei schwer verletzt worden, das Spiel wurde abgebrochen.

Die Menge jubelt: "Auswärtssieg"

Im Dezember entschied das zuständige sächsische Sportgericht zur Empörung der Leipziger, dass die Partie wiederholt werden müsse und Roter Stern noch einmal den Gang nach Brandis anzutreten habe. Die Polizei setzte aus Sicherheitsgründen allerdings durch, dass stattdessen im Nachbarort Beucha zu spielen sei. Die Fans des Roten Sterns machten daraus am Mittwochabend ein Happening - und eine politische Demonstration.

Auf dem Sportgelände des ESV Lok Beucha - eingebettet ins Gewerbegebiet, das Aldi-Logistikzentrum nebendran - verlieren sich bei normalem Spielbetrieb 20 bis 30 Zuschauer.

An diesem Abend aber ist nichts normal. Hundertschaften von Polizei und Roter-Stern-Sympathisanten sorgen dafür, dass der ESV Lok, gegründet 1955, 70 Vereinsmitglieder, diesen Abend so schnell nicht vergessen wird. Die Bierbude am Spielfeldrand macht Rekordeinnahmen, die Menge johlt "Auswärtssieg", die Spieler rufen sich die branchenüblichen Kommandos zu: "Hintermann", "geh lang, hast Platz" - wenn nicht überall Polizei herumstünde, wäre der Eindruck: Dies ist ein fröhlicher Fußballfrühlingsabend in der Provinz.

"Kein Spiel wie jedes andere"

Der Anlass ist nicht fröhlich. Die Anhänger des Roten Sterns sorgen dafür, dass das nicht in Vergessenheit gerät. Zwei Stunden vor dem Spiel sind sie mit Sonderbussen aus der Stadt nach Brandis gekommen, um zu demonstrieren. "Das ist hier an diesem Abend ja kein Fußballspiel wie jedes andere", sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Monika Lazar, die die Demonstration offiziell angemeldet hat, zu SPIEGEL ONLINE: "Was im Oktober passierte, das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen." Lazar ist Roter-Stern-Mitglied, kickt ab und an im Frauenteam mit.

500 Demonstranten, viele von ihnen aus dem autonomen Umfeld Leipzigs und so mancher davon mehr mit politischen Aktionen als mit Fußball vertraut, ziehen an diesem Spätnachmittag durch den Ort: Das riesige Transparent "Game over: Kein Heimspiel für Neonazis" tragen sie vorneweg, ein paar hundert Polizisten um sie herum, Fernsehteams und Pressefotografen ziehen im Schlepptau mit. Für Brandis ist das der Ausnahmezustand. Die meisten Läden haben denn auch pünktlich zum Demobeginn ihre Auslagen hereingeholt und die Türen verschlossen. Die ganze kleine Stadt steht mit verschränkten Armen im Vorgarten und leistet ihren Gartenzwergen Gesellschaft. Die Dorfjugend filmt den Aufzug aus sicherer Entfernung mit der Handy-Kamera.

Im Gegenzug dürfen sie sich Sprüche der Leipziger Demonstranten anhören wie "Ihr müsst hier wohnen und wir nicht" oder "Nazis raus, macht keinen Sinn. Hier gehören sie doch hin." Die Leute am Wegesrand schütteln den Kopf. Aber alles bleibt friedlich. Der Zug endet an dem Sportplatz, wo es im Oktober die Jagdszenen gegeben hatte. Der Platz in Brandis trägt den Namen "Sportplatz der Freundschaft".

Überschuss geht an die Opfer

Noch immer ist einer der im Oktober verletzten Roter-Stern-Fans in ärztlicher Behandlung. Der Mann hatte bei der Attacke der Neonazis schwere Gesichts- und Augenverletzungen erlitten. Roter Stern hatte angeregt, die Überschusseinnahmen aus dem Wiederholungsspiel ihm und den anderen Opfern zukommen zu lassen. Der FSV Brandis hat, so Lazar, "erst ein bisschen mit den Zähnen geknirscht", sich aber dann damit einverstanden erklärt - eine kleine Geste der Wiedergutmachung. Das Geld soll zum Rückrundenspiel der beiden Clubs übergeben werden. Bereits am 18. April spielen Roter Stern und Brandis wieder gegeneinander, diesmal ganz regulär in Leipzig. Dann werden auch diejenigen Leipziger Spieler wieder dabei sein, die auf die Auswärtsfahrt nach Brandis verzichtet hatten. Einige der Roter-Stern-Kicker hatten sich geweigert, noch einmal dort anzutreten.

Die Randalierer vom Oktober - an diesem Abend ist von ihnen nichts zu sehen. Einer aus dem Brandis-Lager versucht es mal kurz, in dem er am Bierstand darauf hinweist, dass man sich von rechts anzustellen habe: "Rechts ist schließlich immer gut." Sonst sind sie angesichts der erdrückenden Minderheit gegenüber den Roter-Stern-Fans still. Zwei der damaligen Täter sind mittlerweile verurteilt, weitere Prozesse sind angesetzt.

Das Spiel verliert der FSV Brandis übrigens mit 0:2. Das Team bleibt Tabellenletzter und wird wohl absteigen. Die Fans der Gegenseite singen: "Nie mehr Brandis." Monika Lazar sagt: "Heute Abend bin ich mal richtig zufrieden." Sieg auf ganzer Linie für Roter Stern.



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keulolo 09.04.2010
1. Guter Beitrag!
Alles wieder ok im politisch korrekten Blätterwald! Die (natürlich zu Unrecht verhauenen) Sportler am ganz ganz linken Rand des Politikspektrums kriegen ihr Nachholspiel und gewinnen! Was ein Happy-End! Kaum sind die Tränen der Rührung und Gerechtigkeit getrocknet, liegt etwas anderes doch klar auf der Hand: Ein Bahnhof wurde von den Berufs-Empörern natürlich nur gemacht, weil rechtsextreme Schläger-Idioten auf ihre Links-Pendants losgegangen sind. Wären die Vorzeichen umgekehrt, würde es kein Schwein interessieren. Vielleicht berichtet man mal über die allwochenendlichen Übergriffe und Ausfälle von Mannschaften in den unteren Ligen, die vornehmlich aus "Bürgern mit Migrationshintergrund" stammen. Die Spieler und Schiedsrichter die davon ein Lied singen können, dürften eine grössere Anzahl stellen als die im Artikel erwähnten Klassenkämpfer auf dem Fußballplatz.
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