Von Henning Eberhardt
Sie ist attraktiv und jeder lässt sich gern mit ihr sehen. An ihr scheiden sich aber auch ab und an die Geister: Die Nachwuchsförderung des deutschen Profi-Fußballs. Aber sie ist eine der besten ihrer Zunft, Zahlen belegen dies.
In den 36 Leistungszentren der 1. und 2. Bundesliga werden aktuell 5445 Jugendliche fußballerisch und schulisch gefördert. Über 90 Prozent der Spieler der A-Nationalmannschaft stammen heute aus den hiesigen Leistungszentren. Mario Götze durchlief die Jugendmannschaften in Dortmund, Thomas Müller die der Bayern.
Die Grundlage für diese Entwicklung sind massive Investitionen. Die 36 Proficlubs steckten in den vergangenen zehn Jahren viel Geld in ihre Talentschmieden. Ausgelöst wurde dies durch das Scheitern der DFB-Auswahl bei der Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden.
2000 galt der deutsche Fußball als unmodern
Der deutsche Fußball galt damals als altbacken und unmodern. Sein Gesicht sollte und musste sich fortan andern. Das sportliche Debakel löste ein Umdenken in Deutschland aus. Der DFB verpflichtete alle 18 Erstligisten, zur Saison 2001/2002 ein Nachwuchsleistungszentrum einzuführen. Im Anschluss daran arbeitete die operative Führung der Ende 2000 gegründeten Deutschen Fußball Liga (DFL) neue Strukturen zur Nachwuchsforderung in die Lizenzordnung ein.
Im Zuge des Lizenzierungsverfahrens und der Zulassung zum Spielbetrieb mussten die Clubs fortan hauptamtliche Jugendtrainer einstellen. Mindestens drei Rasenplätze - davon zwei mit Flutlichtanlagen - wurden zur Bedingung. Infrastrukturelle Einrichtungen wie Massageräume, Sauna und Entmüdungsbecken sowie eine medizinische Abteilung sollten für professionelle Rahmenbedingungen sorgen.
Kooperationen mit Schulen wurden initiiert. Die Auflagen galten in leicht abgeschwächter Version ab der Saison 2002/2003 auch für die 18 Zweitligisten. In der Spielzeit lagen die Investitionen in Infrastruktur über alle 36 Vereine hinweg bei 47,85 Millionen Euro.
Clubs mussten zu ihrem Glück gezwungen werden
"Natürlich haben nicht alle Hurra geschrien. Es gab mitunter hitzige Diskussionen", erinnert sich Andreas Rettig heute. Der Geschäftsführer des FC Augsburg sitzt damals wie heute der 2001 ins Leben gerufenen Kommission Leistungszentren vor.
Dieser neunköpfige Arbeitskreis bestand zu gleichen Teilen aus Vertretern des DFB, der DFL sowie den Clubs. "Die Kernbotschaft war, die Clubs zu ihrem Glück zu zwingen", sagt Rettig. Der Investitionsbereitschaft der Clubs tat das offenbar keinen Abbruch: Allein in der zurückliegenden Saison 2010/2011 steckten die 36 Profivereine und Kapitalgesellschaften insgesamt knapp 100 Millionen Euro in die Weiterentwicklung ihrer Talentschmieden. Das ist mehr als doppelt so viel wie noch in den Anfangsjahren. Die Gesamtinvestitionen seit 2002 in die Infrastruktur der Nachwuchsleistungszentren beziffern sich kumuliert über neun Spielzeiten auf knapp 620 Millionen Euro. Dies entspricht durchschnittlich fast 69 Millionen Euro pro Saison.
Ähnlich wie bei Schulen oder Universitäten bedeuten gleiche Rahmenbedingungen aber noch lange nicht, dass auch gleiche Ergebnisse erzielt werden. Daher entschied die Kommission Leistungszentren unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Rolf Rüssmann ein Zertifizierungsverfahren einzuführen, um die Qualitätsstandards fortwährend zu wahren. So ist seit der Saison 2007/2008 die belgische Agentur Double Pass mit einem mehrköpfigen Team regelmäßig bei den 36 deutschen Proficlubs zu Besuch.
Lesen Sie im zweiten Teil: Wie die Clubs bewertet werden - und was das für Auswirkungen hat.
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