DFB-Nationalmannschaft Wie weltmeisterlich ist dieses Team?

Die Nationalmannschaft startet mit zwei hochkarätigen Testspielen ins WM-Jahr. Gegen Spanien und Brasilien kann das Team zeigen, wie stark es ist. Und ob es dem Vergleich mit dem Kader von 2014 standhalten kann.

Getty Images

Von


Das Urteil steht fest. Schließlich haben es die Experten gefällt. Ob Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff oder Spaniens Fußball-Gentleman Xabi Alonso - vor den Testspielen gegen Spanien am Freitag und Brasilien am kommenden Dienstag herrscht Einigkeit: Die deutsche Nationalmannschaft 2018 ist stärker als das Team von 2014. Also stärker als das Team, das Weltmeister wurde. Lothar Matthäus erwartet von Joachim Löw den "perfekten Kader" für die WM im Sommer. Das kann demnach nur mit der Titelverteidigung enden.

Aber stimmt das überhaupt? Ist diese Nationalmannschaft, die die Weltmeisterschaft in Russland angeht, tatsächlich besser besetzt als das Team von Brasilien von vor vier Jahren? Quervergleiche sind immer ein kühnes Unterfangen. Aber wenn man die Frage schon stellen möchte: Die Antwort ist ein klassisches Jein. Mit der Tendenz zu einem Nein.

Bundestrainer Joachim Löw
Getty Images

Bundestrainer Joachim Löw

Der Bundestrainer wird einen sehr starken Kader zur Verfügung haben, das steht außer Zweifel. Er hat die Bayern-Innenverteidiger Mats Hummels und Jérôme Boateng, die Welt- und Europameisterschaft gespielt, die in unzähligen Champions-League-Partien gestanden haben, zwei, die sich vor nichts mehr fürchten.

Trainerteam bis ins Detail eingespielt

Toni Kroos ist seit 2014 weiter gereift, Thomas Müller auf dem Weg zur alten Cleverness, dazu kommen die pfeilschnellen Timo Werner und Leroy Sané, Manuel Neuer dürfte noch gesund werden. Ergänzt durch ein bis ins Detail eingespieltes Trainer- und Betreuerteam wird bei der Nationalmannschaft nichts dem Zufall überlassen; es gibt keine nach außen vernehmbaren Auseinandersetzungen und Missklänge. Ein Rad greift ins nächste, niemand schlägt quer, es gibt keine Reibungsverluste in dieser Mannschaft. Das war schon vor vier Jahren das Geheimnis des Erfolgs.

Es spricht daher vieles, man kann auch sagen alles, dafür, dass diese Mannschaft weit kommen kann, weit kommen wird. Die günstige Auslosung, um es noch zurückhaltend auszudrücken, spielt der Mannschaft zudem in die Karten.

Aber reicht dies alles aus, um den Vergleich gegen das Team von 2014 zu gewinnen? Macht man die Gegenrechnung auf, landet man teilweise bei den gleichen Spielern wie auf der Plus-Bilanz. Wie abgezockt ist Thomas Müller tatsächlich noch? 2016 bei der EM haben seine Abschlüsse der Mannschaft entscheidend gefehlt, bis dahin galt es als unmöglich, dass den Bayern-Spieler der Torinstinkt verlässt. Die EM und viele Pflichtspiele danach haben gezeigt, dass es möglich ist.

Es fehlt die beeindruckende Routine

Wie fit wird Manuel Neuer sein? Der Bayerntorwart, existenziell für den WM-Sieg 2014, hat in diesem Jahr noch keinen Ball in der Hand gehabt. Wird Joachim Löw es im Zweifelsfall wagen, auf ihn zu verzichten und den in dieser Spielzeit überragenden Marc-Andre ter Stegen einzusetzen? Der beim FC Barcelona die perfekte Saison spielt, aber als Turniererfahrung bisher nur den Confed Cup vorweisen kann.

2014 lebte auch von der beeindruckenden Routine der Spieler Philipp Lahm, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger. Für alle drei ein letzter Höhepunkt in der Nationalmannschaft, Lahm und Klose hörten danach auf, Schweinsteiger beging den Fehler, weiterzumachen, und Löw beging den Fehler, bei der EM noch auf ihn zu setzen.

Lahm ist unersetzlich, auch Joshua Kimmich kann das nicht leisten. Klose mit seinem einzigartigen Stellungsspiel im Sturm, mit seinem Gefühl für die Situation, ist im Grunde auch nie ersetzt worden. Sami Khedira muss langsam aufpassen, dass er nicht in die Rolle des späten Bastian Schweinsteiger hineinrutscht. Wie sehr er die Belastung eines Turniers noch unbeschadet eingehen kann, ist zumindest offen.

Hummels und Boateng wenig gefordert

Und Hummels/Boateng. Das Duo in der Abwehrzentrale hat in dieser Spielzeit kaum echte Herausforderungen bestritten. Souverän, selbstbewusst, ungemein erfahren sind beide - aber inwieweit sind sie noch imstande, gegen die 20-Jährigen aus Frankreich, gegen Stürmer der Kategorie Lionel Messi, Neymar, Harry Kane jede Finte mitzugehen - das werden sie eventuell erst im Halbfinale der Champions League erstmals seit Monaten nachweisen müssen.

Es bleibt die Offensive: Werner und Sané sind in jedem Fall Optionen, über die Löw vor vier Jahren nicht verfügte. Aber da hatte er André Schürrle, der für 15 Minuten immer für alles gut war, und er hatte Mario Götze, dessen Formverlust noch am Anfang stand. Mesut Özil, dessen Rolle 2014 gerne unterschätzt wird, ist wie immer eine Black Box: Zwischen nicht anwesend und Weltklasse ist alles möglich, aber er ist nun einmal keiner, auf den man eine Weltmeisterelf baut. Marco Reus ist ein Fragezeichen, niemand sollte von ihm nach seiner bitteren Verletzungsgeschichte die großen Heldentaten erwarten. Von Mario Gomez erst recht nicht. Dessen Tore reichen für die Bundesliga. Ein Klose war er ohnehin nie.

Die WM beginnt erst in fast drei Monaten, im März 2014 hatte der Bundestrainer geradezu alarmierend über den Zustand seiner Mannschaft gesprochen. Damals gab es viele, die die EM-Elf von 2012 (die im Halbfinale von Warschau an Italien scheiterte) für stärker gehalten hätten. Kaum jemand hätte dieses Team ernsthaft für weltmeisterlich erachtet. Vielleicht war das sein größter Vorteil gegenüber heute.

insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
djeduschka_egon 20.03.2018
1. Erinnerung an 1994
Da war man sich einig, den besseren Kader als 1990 zu haben. Meiner Meinung nach, rein objektiv betrachtet, ist der Kader tatsächlich besser. Der Titelgewinn ist aber - wie immer - zu weniger als 50% wahrscheinlich.
stevowitsch 20.03.2018
2. Kader - abwarten.
Also ich wuerde ja mal abwarten, wer denn tatsaechlich zur WM faehrt. Beim letzten mal haben z.b. Reus und Guendogan verletzt gefehlt. Mal sehen, wen es diesmal (hoffentlich nicht!) noch erwischt. Schweinsteiger zur EM 2016 mitzunehmen war nicht der entscheidende Fehler, der lag in der grottigen Chancenverwertung - ich sage nur: 1. Halbzeit gegen Frankreich. Dadurch wurde der Titetel geradezu verschenkt. Fussballerisch war bei dieser EM keiner besser.
spon-facebook-10000311879 20.03.2018
3. Nach dem Gesetz der Folge...
1954, 1974, 1990 (gepatzt, sollte eigentlich 1994 sein), 2014... also ist die nächste Meisterschaft erst wieder 2034
larryunderwood 20.03.2018
4. Ok
Scheinbar ist man mit unter 30 schon zu alt um fussball auf professioneller Ebene zu betreiben zumindest könnte man zu diesem Schluss kommen wenn man den Artikel liest
Fackel01 20.03.2018
5. stärker als 14?
Man müsste jetzt mal alle Leserkomentare 2014 (vor dem Brasilienspiel) auswerten. Zusammengefasst: "Das ist keine Weltmeistermannschaft, die haben keine "Leader"" und "Mit dem Trainer wird das nie was" "In Südamerika gewinnt nie eine europäische Mannschaft" Also alles Kaffeesatzleserei, genauso wie heute
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.