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Fanbuch zur Nationalmannschaft: Weil Schweini unser Bruce Willis ist (Grund 17)

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Nationalmannschaftsbuch: 10 von 111 Gründen Fotos
DPA

Ein neues Fußballbuch feiert rechtzeitig vor der EM "111 Gründe, die Nationalmannschaft zu lieben". Dabei wird kein Klischee ausgelassen.

Liebe bringt neben den vielen mit ihr verbundenen schönen Dingen die Nebenwirkung mit sich, dass sie blind macht. Dinge, die nicht ins perfekte Bild passen, werden ausgeblendet. Man sieht nichts als das Schöne. Das ist segensreich, weil man in ungetrübter Seligkeit schwelgen kann, es ist aber auch misslich, weil man die negativen Seiten verdrängt.

So ist das schon bei der einfachen Liebe. Bei 111facher Liebe ist alles 111-mal so schlimm.

Es gibt in der Sportliteratur seit einigen Jahren die Buchreihe: "111 Gründe zu lieben". Nachdem in der Reihe des Berliner Verlags Schwarzkopf & Schwarzkopf beinahe sämtliche Fußballvereine von Rang, vom VfL Wolfsburg über Kickers Offenbach und den SC Paderborn bis RB Leipzig abgefeiert wurden, hat es bis zum EM-Jahr 2016 gedauert, bis jetzt auch "111 Gründe, die Nationalmannschaft zu lieben" erscheint.

Oliver Pocher ist auch ein Grund, die Elf zu lieben

Nun mag es einfacher sein, über einen Fußballweltmeister 111 positive Dinge zu sammeln als über den SC Paderborn, in dessen Werk sich leicht bemühte Gründe finden wie: "Weil der heilige Liborius ein SCP-Fan ist." oder "Weil der Erzbischof ein Fußballwunder bestätigt." Und: "Weil der SCP jedem eine zweite Chance gibt." Außer Stefan Effenberg, wie man im Nachhinein ergänzen müsste.

Aber auch der Autor Lars M. Vollmering, der sich der Löw-Elf angenommen hat, hat sich offenbar schwer getan, auf die magische Zahl 111 zu kommen, wenn man sich manche der Gründe anschaut. So einfach scheint es dann doch nicht zu sein, die Nationalmannschaft zu lieben.

Gründe wie "Weil bei uns sogar Nationalspieler in die Lobby pinkeln dürfen" (Grund 58) oder "Weil sogar Oli Pocher bei uns singen darf" (Grund 95) sprechen dafür, dass Vollmering schon die Brechstange auspacken musste, um sein Fantum für Schwarz-Rot-Gold auf 244 Seiten auszuwalzen. Wohlmeinende könnten ihm unterstellen, dass er das Mittel der Ironie zur Anwendung gebracht habe: Vor allem, wenn man Überschriften liest wie "Weil Schweini unser Bruce Willis ist" (Grund 17) und "Weil unser Fanclub ein Magnet für Fußballfans ist" (Grund 107).

Aber Kapitel wie "Weil der Terrier alle weggebissen hat" (Grund 65) und "Weil wir Maradona mit 4:0 nach Hause geschickt haben" (Grund 84) machen diese Annahme bedauerlicherweise schnell wieder zunichte. Ein leicht schwülstiger Offener Brief an Joachim Löw "Weil Jogi alle Kritiker überzeugt hat" (Grund 86) nährt die Gewissheit: Der Autor meint das wirklich ernst.

Hauptsache, kein "Haar in der Suppe"

Bei dem heißblütigen Schland-Fan Vollmering ist Franz Beckenbauer noch immer "unser Kaiser" (Grund 12), eine WM-Affäre scheint es nie gegeben zu haben. Kritik an der Nationalmannschaft ist für den Autor nichts als Mäkelei und Meckern. Logischerweise heißt es denn auch bei "Weil keiner sonst so schön den Gaucho-Tanz kann" (Grund 61): "Es ist beinahe ja gute deutsche Sitte, immer das Haar in der Suppe zu finden." Diesem Verdacht hat sich Vollmering zumindest nicht ausgesetzt.

Keine Legende wird ausgelassen, noch einmal aufgewärmt zu werden: Natürlich hat sich Michael Ballack im Halbfinale der WM 2002 gegen Südkorea "für die Mannschaft geopfert", indem er zur Verhinderung einer klaren koreanischen Torchance die Unsportlichkeit eines gelbwürdigen Fouls beging, sodass er fürs Endspiel gesperrt war (Grund 16). Das Mertesacker-Interview mit der Eistonne (Grund 52), der verschossene Elfmeter von Uli Hoeneß im EM-Finale 1976 (Grund 24). Das Stichwort "Belgrader Nachthimmel" darf selbstredend nicht fehlen. Das Sommermärchen quillt ohnehin aus jeder Pore. Nur kein Klischee auslassen.

Alles so weit so harmlos wie überflüssig. Ärgerlicher wird's dann schon, wenn unter dem Oberkapitel "Schönes und Schauriges" eine Überschrift auftaucht: "Weil sogar unsere Frauen überragend kicken können" (Grund 103). Deutschland und seine Nationalmannschaft sind so toll, da können "sogar" die Frauen etwas. Das ist ja erstaunlich. Da wird es dann eher schaurig als schön.

Noch sind es knapp drei Monate bis zur Europameisterschaft, die Erfahrung lehrt, dass noch ein Wust an Fußballbüchern in den nächsten Wochen den Markt überschwemmt, die 34. Sammlung von Fußballersprüchen, das 17. Taktikbrevier, die zehnte Löw-Biografie, die elfte Anleitung für Fußballmuffel, die EM zu überleben. Es gibt mehr als 111 Gründe zu der Annahme, dass "111 Gründe, die Nationalmannschaft zu lieben" in dieser Welle untergehen wird.

Schade wäre dies allerdings für Grund 50, dem wahren Grund, die Nationalmannschaft zu lieben: "Weil Goleo keine Hose brauchte."

Lars M. Vollmering, 111 Gründe, die Nationalmannschaft zu lieben. Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, 244 Seiten, 9,95 Euro.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Warum?
Ultras 22.03.2016
Herr Ahrens, wenn Ihnen, solche Bücher derart auf die Nerven gehen, dann habe ich eine großartige Empfehlung: Lesen Sie sie einfach nicht! Dann wird den SPON-Lesern natürlich ihr hochanspruchsvoller Kommentar dazu vorenthalten, aber man ist ja bereit Opfer zu bringen.
2. Bruce Willis? Jetzt muss ich aber mal lachen.
Timo Schöler 22.03.2016
Entschuldigung, aber ein Bruce Willis ist nicht nur unter Cineastinnen als quasi die Versinnbildlichung eines stereotypen Mannes im Sinne von *Mann* bekannt. Ein Kerl. "Harte Schale, weicher Kern" etc. Was hat damit ein Schweinsteiger bitte gemeinsam? Gleicher Planet? Lächerlich.
3. WM-Vergabe
Titanus 22.03.2016
Wen - außer unserer dauermeckernden Presse - stört es denn wirklich, sollte die WM 2006 nicht ganz regulär vergeben worden sein? Mich zumindest kein bißchen: letztlich zählt das Ergebnis und das war eine tolle WM auf deutschem Boden!
4. Träumerei.
Chefredakteur 22.03.2016
Die Fußballfans sind wunderbare Studienobjekte um das Verhalten der Menschen beim Erfolg und Niederlagen zu betrachten! Wäre Deutschland nicht Weltmeister geworden, dann wäre diese Artikel über die Chancen Deutschland bei der EM. Dann wäre kein Buch über die Liebe an National Mannschaft veröffentlicht, dann wäre Schweini als nichtsnutz beschimpft. Dann hätten die Leute die Abschaffung Fußball gefordert. Dann hätte man kein Lust über eine "verlorene" EM zu diskutieren. Dann hätte ich diese Kommentar nicht geschrieben und dann und dann..... Also, nun glauben die Leute weil wir Weltmeister sind, dann müssen wir auch Europameister werden. Nein liebe Leute, die Schweini bringt keine Leistung mehr. Die Nationalmannschaft hat enorme Probleme, der Podolski hat massive andere Probleme die ich hier nicht wegen Spekulationen erwähne. Wir brauchen frische starke Spieler, die es wirklich bei FC Bayern, BVB, und ... gibt, aber nicht bei der Nationalmannschaft, wenn jetzt der Bundestrainer Löw keine neue Kader zusammen stellt, dann sind die Träume von EM schon jetzt ausgeräumt. Mit diese Spielern werden wir in der K.O.-runde uns verabschieden müssen!
5.
Timo Schöler 22.03.2016
Zitat von TitanusWen - außer unserer dauermeckernden Presse - stört es denn wirklich, sollte die WM 2006 nicht ganz regulär vergeben worden sein? Mich zumindest kein bißchen: letztlich zählt das Ergebnis und das war eine tolle WM auf deutschem Boden!
Mit solchem Unfug kann man alles rechtfertigen und selbst die bayerische Justiz, die ja ihr funktionieren nur noch unter größten Schmerzen vortäuscht, abschaffen. Anstand? Moral? Braucht niemand. Alles klar, danke, keine weiteren Fragen mehr...
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