Nationalspieler Marco Reus: "Man fragt sich, wofür man den Aufwand betreibt"

Vom Fast-Absteiger zum millionenschweren Nationalspieler: Marco Reus ist der Shootingstar im DFB-Team. Im Interview spricht er über psychische Leiden nach schweren Niederlagen, die Ästhetik des Fußballs und seinen Umgang mit Ungerechtigkeiten.

Marco Reus: Große Saison, großes Ziel Fotos
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SPIEGEL ONLINE: Die Spieler des FC Bayern München erlebten bei der Champions-League-Finalniederlage gegen den FC Chelsea ein echtes Drama. Haben Sie in Ihrer Karriere schon einmal eine ähnliche Enttäuschung erlebt?

Reus: Noch nie so extrem. Die Bayern waren haushoch überlegen, da war der mentale Fall nach so einer Niederlage schon unglaublich tief. Vor allem, weil sie in der 83. Minute in Führung gingen und fast jeder auf dem Platz schon den Gedanken hatte: Das muss doch reichen. Man hat aber mal wieder gesehen: Im Fußball entscheiden kleinste Augenblicke über Erfolg oder Misserfolg, und Elfmeterschießen ist eben häufig wie Lotterie.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben im Halbfinale des DFB-Pokals im Elfmeterschießen gegen die Bayern verloren. Gibt es ein Rezept, wie man solche Rückschläge verarbeiten kann?

Reus: Das war damals sehr, sehr enttäuschend. Man hat sich etwas mit aller Kraft gewünscht, und wenn das dann nicht klappt, fragt man sich schon, wofür man den ganzen Aufwand betreibt. Nach solchen Niederlagen ist man erst mal ein paar Tage down und hat zu nichts mehr Lust.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man aus einem solchen Loch wieder heraus?

Reus: Man muss sich neue Ziele setzen und versuchen, aus den Fehlern der Niederlage zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich die Chelsea-Pleite auch auf das DFB-Team auswirken, weil die Bayern-Spieler geknickt zur Nationalmannschaft kommen werden?

Reus: Ich denke, bis sie hier sind, haben sie das verarbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Das Finale in der Champions-League war ein Systemvergleich zwischen Chelseas defensiver Spielausrichtung und Bayerns Taktik, durch Ballbesitz Spiele gewinnen zu wollen. Erneut hat die Mannschaft gewonnen, die nur verteidigt hat. Bundestrainer Joachim Löw hat die Marschroute ausgegeben, dass man nur durch schönen Fußball langfristig Erfolg hat. Lässt Sie der Chelsea-Sieg an Löws Aussagen zweifeln?

Reus: Nein. Wir wollen weiterhin schönen, aber auch effizienten Fußball spielen. Jedoch wissen wir, dass der Fußball manchmal ungerecht ist. Es gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft.

SPIEGEL ONLINE: Muss man diese Ungerechtigkeit tatsächlich einfach so hinnehmen?

Reus: Ich weiß es nicht, ich selbst habe ja noch nie gegen ein so mauerndes Team wie Chelsea gespielt. Aber natürlich muss man sich gegen so einen Spielansatz wehren. Dann beginnt man eben, sich neue Wege zu überlegen. Man kann solche Teams nur durch Kreativität bezwingen.

SPIEGEL ONLINE: Johann Cruyff, der Ur-Vater des kreativen Fußballs, sagt: Er würde lieber verlieren als auf die Chelsea-Art Titel zu holen.

Reus: Ich glaube, dass Herr Cruyff diesen Titel immer gerne annehmen würde. Egal, auf welche Weise er erspielt wurde. Pokal ist Pokal, jeder will ihn haben. Nach dem Wie wird Chelsea in einem halben Jahr keiner mehr fragen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie werden für die EM weiter am schönen Fußball festhalten?

Reus: Wir führen die Strategie aus, die der Bundestrainer uns vorgibt. Wenn das Ganze dann auch noch schön aussieht, ist das sicherlich sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst könnten in einer neuen Rolle dazu beitragen. Löw sieht in Ihnen einen Stürmer und weniger einen Mittelfeldspieler.

Reus: Die Rolle habe ich ja auch schon in Gladbach einige Male gespielt. Da war es aber so, dass ich mir die Rolle wechselweise mit Mike Hanke geteilt habe. Das ist beim DFB nicht so. Hier ist es extremer, weil der Stürmer immer der Stürmer bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine große Umstellung für Sie?

Reus: Ich bin demgegenüber ganz offen und spiele einfach dort, wo mich der Bundestrainer sieht.

SPIEGEL ONLINE: Bislang haben Sie noch nicht viele Erfolge im A-Nationalteam feiern dürfen. Sind Sie vollständig davon überzeugt, dass Sie zur EM fahren werden oder denken Sie manchmal darüber nach, dass Sie einer der vier Streichkandidaten sein könnten?

Reus: Ich glaube, hier kommt es nicht auf die vergangenen Erfolge oder die Anzahl der Länderspiele an, sondern auf die Leistung, die jeder einzelne aktuell erbringt. Ich versuche, jeden Tag besser zu werden, an meinen Stärken und Schwächen zu arbeiten. Ob ich dann in der Startformation bin oder aus dem Team gestrichen werde, kann ich nicht beeinflussen. Und setze mich deshalb damit auch nicht auseinander.

Das Interview führten Rafael Buschmann und Peter Ahrens

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insgesamt 23 Beiträge
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1. die letzte frage
pariah_aflame 24.05.2012
... ist ja fast unverschämt blöde: selbst löw wird nicht auf die idee kommen den besten feldspieler der vergangenen buli-saison aus dem kader zu streichen ...
2. Marco Reus
helmi76 24.05.2012
....einwandfreie Einstellung zum Fußballgeschäft! Viel Glück bei der Nationalmannschaft und bei der Borussia Dortmund !
3. Es gibt keine
Michael KaiRo 24.05.2012
Zitat von pariah_aflame... ist ja fast unverschämt blöde: selbst löw wird nicht auf die idee kommen den besten feldspieler der vergangenen buli-saison aus dem kader zu streichen ...
blöden Fragen, nur blöde Antworten ;) Wobei die Antworten von Reus schon sehr gut waren. Außerdem dürfte es nicht das erstemal sein, dass ein Bundestrainer den besten Spieler der Buli NICHT zu einem Turnier mitnehmen täte. Im Falle von Reus hoffe ich es nicht - der dürfte in der jetzigen Form ne absolute Bereicherung sein. Sein Spiel ist auf jeden Fall imm sehenswert.
4. Planeten und Kometen
Gedankenfutter 24.05.2012
Ich fände es super, wenn Marco Reus mit zur EM fährt, bin aber wirklich gespannt, was für ein Team Jogi Löw zusammenbaut. Gerade was die Stürmer angeht, ist der öffentliche Druck immer groß, den gerade erfolgreichsten Spieler aufzustellen. Ich denke da an Stefan Kießlich, den viele Journalisten nach seiner ersten komplett guten Saison 2009/10 in die Nationalelf schreiben wollten. In Südafrika war er nicht dabei und - sorry - hat nicht gefehlt. Und seither hat er sich auch nicht mehr in gleichem Maße aufgedrängt. Miro Klose dagegen hat lange im Verein geschwächelt (oder zu wenig Spielzeit bekommen), ist aber bisher aus der Nationalelf nicht wegzudenken, weil er dort die Zuverlässigkeit in Person ist. Der eine leuchtet wie ein Komet und verlöscht bald wieder - der andere strahlt selten, zieht aber unbeirrbar seine Bahnen wie ein Planet. Eigentlich müsste Mario Gomez der EM-Star werden, weil bei ihm internationale Erfahrung mit einer Wahnsinnssaison kombiniert ist. Warum habe ich da nur meine Zweifel?
5.
greenlantern 24.05.2012
Zitat von GedankenfutterIch fände es super, wenn Marco Reus mit zur EM fährt, bin aber wirklich gespannt, was für ein Team Jogi Löw zusammenbaut. Gerade was die Stürmer angeht, ist der öffentliche Druck immer groß, den gerade erfolgreichsten Spieler aufzustellen. Ich denke da an Stefan Kießlich, den viele Journalisten nach seiner ersten komplett guten Saison 2009/10 in die Nationalelf schreiben wollten. In Südafrika war er nicht dabei und - sorry - hat nicht gefehlt. Und seither hat er sich auch nicht mehr in gleichem Maße aufgedrängt. Miro Klose dagegen hat lange im Verein geschwächelt (oder zu wenig Spielzeit bekommen), ist aber bisher aus der Nationalelf nicht wegzudenken, weil er dort die Zuverlässigkeit in Person ist. Der eine leuchtet wie ein Komet und verlöscht bald wieder - der andere strahlt selten, zieht aber unbeirrbar seine Bahnen wie ein Planet. Eigentlich müsste Mario Gomez der EM-Star werden, weil bei ihm internationale Erfahrung mit einer Wahnsinnssaison kombiniert ist. Warum habe ich da nur meine Zweifel?
Ob es mit Kießling nicht vielleicht noch besser gelaufen wäre, werden wir nie erfahren, daher muss man wohl hellseherische Fähigkeiten haben um zu beurteilen, dass er nicht gefehlt hat. Reus ist ein herausragender Spieler, leider war er aber bislang in der NM vom Pech verfolgt, daher ist sein Ticket noch nicht fix. Yogi macht das schon richtig.
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Zur Person
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    Marco Reus, 21, kommt aus Dortmund, mit dem Fußballspielen begann er in seiner Heimatstadt: beim Post SV, dann bei Borussia Dortmund. Bei Rot Weiss Ahlen debütierte der Offensivspieler in der Saison 2007/2008 in der Regionalliga, schaffte den Aufstieg in die Zweite Liga. Dort spielte sich Reus ins Blickfeld der Bundesligisten. Borussia Mönchengladbach verpflichtete ihn im Sommer 2009. In der Saison 2011/2012 kam Reus auf 18 Ligatore, künftig spielt er wieder für den BVB.

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