Nationalspieler Mike Hanke Stürmer statt Schnösel

Im Freundschaftsspiel gegen Georgien soll der Wolfsburger Mike Hanke von Beginn an spielen. Seine Karriere in der Nationalelf verlief alles andere als gradlinig. Dabei wünscht er sich nichts mehr, als für Deutschland zu spielen - SPIEGEL ONLINE verriet er, warum.

Von Tim Kammann


Mike Hanke muss sich erst mal freikämpfen. Wie sonst im Strafraumgetümmel. Doch dieses Mal fällt es dem kräftigen Stürmer sichtlich schwerer, loszukommen. Drei Mädchen haben ihn vor der Geschäftsstelle des VfL Wolfsburg abgepasst. Auf ihren Armen prangen rote Herzchen, dazwischen sein Name in Koseform: "Hanki". Die weiblichen Fans sind hartnäckig. Wollen Fotos, wollen Smalltalk. Dann rücken sie ihre T-Shirts ein Stück weit nach oben, und Hanke schreibt ihnen mit Filzstift sein Autogramm auf die nackte Hüfte.

Der blonde Sunnyboy gilt in Wolfsburg als Frauenschwarm. Gleichzeitig wird dem 22-Jährigen, der am vergangenen Samstag das 1:0-Siegtor des VfL gegen den FC Bayern erzielte, immer wieder vorgeworfen, er sei schnöselig, arrogant und abgehoben. Seine Freundin ist eine Boulevard-Schönheit, die auch schon mal mit Formel-1-Star Fernando Alonso angebandelt hat. Der Autonarr Hanke hat elf Strafpunkte in Flensburg gesammelt - das passt alles perfekt in das öffentliche Bild von der Nummer neun der Nationalmannschaft wie diese Unbedachtheit im Confederations Cup 2005, um die es später noch geht. Aber ist das wirklich alles?

Ein paar Minuten später. Mit einem Gesichtsausdruck der Glückseligkeit kommt der 22-Jährige in die Loge der Wolfsburger Volkswagen-Arena. Nicht die drei Mädels seien der Grund für die gute Laune, sagt er. Bundestrainer Joachim Löw hat ihn für das nächste Länderspiel nominiert, Hanke hat gerade davon erfahren. "Die Nationalmannschaft ist einfach das Größte für mich", sprudelt es aus ihm heraus. Und: "Die WM war das intensivste fußballerische Ereignis in meiner bisherigen Karriere. Dabei sah es lange so aus, als hätte er sich den Weg zur Weltmeisterschaft durch seine eigene Unbeherrschtheit verbaut.

Der 29. Juni 2005: Hanke läuft beim Spiel um Platz drei des Confederation Cup gegen Mexiko zum ersten Mal von Beginn an in der Nationalmannschaft auf. "Total motiviert und ehrgeizig" sei er damals auf den Platz gegangen und wollte es allen beweisen. Doch mehrere kleine Fouls der Mexikaner provozierten ihn. Das Spiel lief nicht so, der Frust staute sich auf. "Ich wurde dann nach einem dieser Fouls sauer, und ein langer Reflex führte zu einer undurchdachten Aktion", sagt Hanke, der sich heute noch zu schämen scheint. Der "lange Reflex" war ein Schlag ins Gesicht eines mexikanischen Spielers. Rote Karte wegen groben Foulspiels in der 53. Minute. Schlimmer noch: Weil der Cup ein offizieller Fifa-Wettbewerb ist, sperrt ihn der Fußball-Weltverband für die ersten beiden WM-Partien.

Hanke war am Boden zerstört. "Wer nimmt einen Spieler mit, der in zwei von maximal sieben Begegnungen nicht spielen darf?", dachte er damals. Im darauf folgenden halben Jahr spielte nicht nur der VfL Wolfsburg unterirdisch, sondern auch Hanke. "Ich habe mich oft mit meiner Familie und meinen Beratern zusammengesetzt", erzählt der Stürmer, "und mich dann mit deren Hilfe endlich zu Beginn der Rückrunde Anfang 2006 besonnen und neu motiviert, so dass Jürgen Klinsmann sich trotz aller Bedenken für mich entschieden hat."

Mit einem Lächeln auf den Lippen ergänzt er nach kurzer Pause, dass es "einfach nur geil" gewesen sei, es dann doch noch allen Kritikern zu beweisen. Er hatte sein großes Ziel erreicht: die Teilnahme an der WM im eigenen Land. Er werde, sagt Hanke, diese fußballerisch schwierige Zeit niemals vergessen. Besonders nicht, wie sehr ihm seine Familie eine Stütze gewesen sei. In der spielfreien Zeit fährt Hanke jedes Wochenende die 260 Kilometer von Wolfsburg in seine Heimatstadt Hamm in Westfalen, um wenigstens Samstags und Sonntags in seiner vertrauten Umgebung sein zu können.

Es sei zwar nicht so, dass er keine Freunde in der Wolfsburger Mannschaft habe. Doch die würde er eher als gute Bekannte oder Kollegen einstufen, sagt er in bestimmtem Tonfall. "Denen erzähle ich nicht alles, so wie meinen sechs oder sieben wirklichen Freunden, die ich zum Teil seit meinem dritten Lebensjahr kenne", versichert er. Dann erzählt Hanke plötzlich davon, dass ihm der Stellenwert von Familie in seinem Leben besonders deutlich geworden wäre, als seine ehemalige Freundin Caro einen schweren Verkehrsunfall hatte.

Hanke kam kurze Zeit danach an die Unfallstelle und sah, wie das Mädchen schwer verletzt in den Krankenwagen geschoben wurde. Er atmet tief durch, wenn er sich an dieses Bild erinnert und sagt dann, dass dies mit Abstand der schlimmste Moment in seinem bisherigen Leben gewesen sei: "Danach bin ich in ein tiefes Loch gefallen und verstummt. Ich habe kaum geredet, bin zum Training und sofort wieder nach Hause – das war mein ganzer Tagesablauf zu dieser Zeit. "

Da spielte Hanke noch bei Schalke 04. Tore, Punkte, Meisterschaft gerieten erstmals in den Hintergrund. Sein Trainer Ralf Rangnick akzeptierte das. "Der Spaß am Fußball war weg. Und ohne den kann ich nicht spielen." Erst als es seiner Freundin nach zahlreichen Operationen besser ging, kam die Freude am Spiel wieder. Es bleibt nicht mehr viel vom öffentlichen Schnösel Mike Hanke übrig, wenn er aus seinem Leben erzählt.

Urplötzlich wird es laut in der Volkswagen-Arena. Eine Grundschulklasse stürmt durch die oberen Ränge des Stadions und ein paar Kinder erkennen Wolfsburgs Nummer elf. Sie schreien seinen Namen und fordern Autogramme. Mike Hanke sagt, dass er Kinder liebe und niemals einen kleinen Fan zurückweisen würde, wenn er ein Autogramm oder einen Tipp von ihm wolle. Zu gut erinnert er sich noch an die Zeit, in der er selbst ein Fan war: "Ich stand damals in der Schalker Fankurve und fand Ebbe Sand cool. Ich hätte vieles dafür gegeben, mal mit ihm zu sprechen." Und dann gibt er weiter Autogramme. Mit viel Geduld und Gelassenheit gegenüber den aufgeregten, jungen Fußballfans. Vielleicht ist es genau das, was man auf dem Weg zum echten Star braucht.



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