Aus Berlin berichtet Rafael Buschmann
Tausende Pfiffe schallten Miroslav Klose entgegen, bei jeder Ballberührung. Im September 2011 gastierte die deutsche Nationalmannschaft mit Klose zur Eröffnung des Danziger Stadions in Polen, dem Geburtsland des Stürmers. Warum die Zuschauer Klose, der aus seiner Verbundenheit zu Polen nie einen Hehl macht, auspfiffen, blieb unklar. "Mir hat das ganz schön wehgetan", sagte der Stürmer später.
Auf dem Spielfeld war ihm davon nichts anzumerken. Klose rannte, passte, köpfte und schoss so, als gäbe es keine Pfiffe. Es war fast so wie damals, kurz vor der WM 2010. Klose reiste als Ersatzspieler von Bayern München zur Nationalmannschaft. Etliche Experten forderten von Bundestrainer Joachim Löw, anderen, formstärkeren Profis den Vorzug zu geben. Der öffentliche Druck auf Klose war riesig. Der Angreifer antwortete auf seine Art: Mit vier Turniertoren hatte er einen großen Anteil am Erreichen des dritten Platzes.
Klose, der erst mit 20 Jahren Fußballprofi wurde, ist so etwas wie der Teflon-Spieler unter den Top-Kickern: Kritik, Beschimpfungen, Druck - der Stürmer von Lazio Rom scheint seit Jahren über den Dingen zu stehen, alles perlt an ihm ab.
Auf der Jagd nach Gerd Müller
"Jeder Trainer wünscht sich einen Miroslav Klose in seiner Mannschaft", sagt Löw. Dann zählt er all die Turniere, Tore, Titel und Rekorde des Stürmers auf. Alleine die 14 Weltmeisterschaftstore bei drei Turnieren sprechen für sich. Die 65 Tore in 125 Länderspielen bringen ihn sogar bis auf drei Treffer an den vermeintlichen Allzeitrekord von Gerd Müller heran. "Wenn er gesund bleibt, dann wird er den auch noch schaffen", sagt Löw.
Eigentlich ist Kloses Karriere eine Bilderbuchgeschichte. Von dem polnischen Auswandererkind, das es über einen Bezirksligisten bis ins WM-Finale 2002 schaffte. Klose hat Millionen verdient, auf seine alten Karrieretage ist er ins sonnige Italien gewechselt. Er könnte es mittlerweile ruhiger angehen lassen, tut es aber nicht.
"Mein großes Ziel ist die WM in Brasilien. Die will ich noch unbedingt spielen", sagt Klose. Es klingt fast trotzig. Denn trotz aller persönlichen Erfolge, trotz aller Huldigungen für seinen Charakter, vorgetragen von Mit- und Gegenspielern gleichermaßen, hat Kloses Karriere nach wie vor einen Makel: Ein internationaler Titel fehlt.
Endgültige Akzeptanz in der Öffentlichkeit fehlt noch
Sollte es für ihn auch in Brasilien nicht zum ganz großen Erfolg reichen, wird er sich neben Ex-Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack einreihen müssen, der als der Unvollendete gilt. Das Urteil über Klose würde lauten: Ein starker Spieler, aber kein richtig großer.
Vielleicht ist auch das der Grund, warum Klose immer noch die endgültige Akzeptanz in der breiten Öffentlichkeit fehlt. Warum ihm Hoeneß vorwerfen darf, dass er nur gegen die vermeintlichen kleinen Gegner treffe, warum er sich bei Bayern München nie wirklich durchgesetzt hat. "Irgendwann, wenn ich meine Schuhe an den Nagel gehängt habe, werde ich mir das alles durchlesen, was ich so in meiner Karriere geschafft habe. Dann werde ich vielleicht ein bisschen stolz sein darauf", sagt Klose. Das klingt bescheiden - und auch so, als sei dieser Moment noch eine Ewigkeit entfernt.
Und tatsächlich ist Klose, der vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zum zweiten Mal in seiner Karriere mit dem Fair Play-Preis des DFB geehrt wird, gerade in diesen Tagen und Wochen wichtiger denn je.
Klose, mittlerweile 34 Jahre alt, bringt eine Qualität mit, die es in Deutschland selten gibt: "Er kann Kopfbälle, aber auch sehr gut am Boden kombinieren. Gerade für unsere technisch starken Mittelfeldspieler ist er ein hervorragender Mitspieler", sagte Löw. Der Bundestrainer hat im Sturm lediglich den derzeit verletzten Mario Gomez als Backup zur Verfügung. Gomez gilt wegen seiner technischen Schwächen jedoch als weniger geeignet für schnelles Kombinationsspiel.
Insofern wird Klose - aller Kritik zum Trotz - wohl noch einige Spiele im DFB-Dress absolvieren. Dass mit seinem fortschreitenden Alter und etwaigen Torkrisen erneute Kritik an ihm aufkommen wird, dürfte seine Leistung so wenig beeinträchtigen wie die Pfiffe in Danzig.
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