Nationaltorwart Enke beging Selbstmord Tod im Dunkeln

Er war ein großartiger Fußballer und ein sensibler Charakter. Robert Enkes Karriere verlief extrem wechselhaft: Einem steilen Aufstieg folgte ein jäher Knick. Als er sportlich wieder in Bestform kam, starb seine schwerkranke Tochter. Nun hat er sich das Leben genommen - und hinterließ einen Abschiedsbrief.

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dapd

Ein früher und unerwarteter Tod lässt die Menschen hilflos zurück. Fassungslos, erschüttert, entsetzt, tief betroffen - das sind die dürren Adjektive, zu denen dann gegriffen wird. Bei den Reaktionen auf den Tod Robert Enkes ist es nicht anders. Der junge Fußballer starb an einem Bahnübergang in Neustadt-Eilvese, gegen 18.30 Uhr wurde er von einem Regionalzug erfasst. Es war Selbstmord, er hinterließ laut Polizei einen Abschiedsbrief. Damit gebe es keinen Zweifel mehr an einem Selbstmord, hieß es. "Wir rechnen damit, im Laufe des Tages die Ermittlungen abschließen zu können", sagte eine Polizeisprecherin an diesem Mittwoch.

Wenn ein 32-Jähriger seinem Leben ein Ende setzt, mag er Nationaltorhüter sein oder irgendwer anders, bleiben Fragen, Ratlosigkeit, Mutmaßungen. Er hinterlässt seine Frau Teresa, die acht Monate alte Adoptivtochter Leila - Verwandte, Freunde, Kollegen, Fans bleiben fassungslos zurück.

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Verstorbener Robert Enke: Aus Jena in die weite Fußballwelt
Enkes sportliches und privates Leben, ein Wechsel von Karrierehochs mit privater Tragik und beruflichen Tiefschlägen, gibt Anlässe für Spekulationen nach dem Warum.

Rätselhaft, mysteriös, tragisch - auch solche Wörter finden sich in der Berichterstattung, die die Laufbahn Enkes begleitet. Die Biografie des gebürtigen Thüringers weist Brüche auf, Wendungen, Höhenflüge folgen Abstürzen und umgekehrt.

Früh kommt Enke in die höchste deutsche Spielklasse, bei Borussia Mönchengladbach verdrängt er als junger Kerl Torwartlegende Uwe Kamps aus der Stammelf und ist mit 22 Jahren die Nummer eins zwischen den Gladbacher Pfosten. Doch er kommt in eine Mannschaft, die nicht funktioniert. Die Borussia steigt ab - an Enke liegt es nicht. Bundestrainer Erich Ribbeck wird auf den jungen Mann aufmerksam und beruft ihn in das erweiterte Aufgebot für den Confed-Cup 1999. Enke spielt zwar nicht, aber eine erfolgreiche Karriere scheint vorgezeichnet.

Der Traum wird zum Alptraum

Enke will in die Welt hinaus, wechselt zu Benfica Lissabon, wird unter den Trainern Jupp Heynckes und José Mourinho zum Mannschaftskapitän des portugiesischen Traditionsvereins. Die nächste Station verspricht noch mehr: Der FC Barcelona holt den Deutschen. Barça, der Weltclub, der Traum jedes jungen Fußballers. Doch der Traum wird zum Alptraum. Enke fliegt nach einer schlechten Leistung in einem Pokalspiel aus dem Kader, Trainer Louis van Gaal sieht keinen Anlass mehr, auf den Deutschen im Team zu setzen. Enke ist out, Ribbecks Nachfolger beim DFB, Rudi Völler, hat ihn sowieso längst aus dem Blick verloren. In Deutschland herrscht in diesen Jahren die kultische Oliver-Kahn-Verehrung. Von Enke spricht niemand mehr.

Ein Wechsel zu Fenerbahce Istanbul und Trainer Christoph Daum soll die Wende zum Besseren bringen - und stürzt Enke in die bis dahin tiefste Krise seiner Laufbahn. Im ersten Spiel macht er einen entscheidenden Fehler und wird vom Publikum verhöhnt und bedroht, mit Bierflaschen und Mobiltelefonen beworfen. Enke ergreift nach diesem Spiel die Flucht, der Torwart geht nach Spanien zurück, findet keinen neuen Verein, ist arbeitslos.

Bis auf Ado Den Haag aus Holland und den FC Kärnten in Österreich, beide Letzte ihrer jeweiligen Liga, meldet sich niemand bei dem Mann aus Jena, der sich nach einem halben Jahr in die zweite spanische Liga trollt und bei CD Teneriffa in Vergessenheit gerät.

Enke gilt als psychisch labil, zumindest als sensibel

Enke sitzt nach vier Jahren, die ihn ganz nach oben bringen sollten, im Abseits. Dazu kommt das Bangen um seine Tochter, die mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt kommt. Nach seiner Flucht aus Istanbul gilt Enke als psychisch labil, zumindest als sensibel, was für die Fußballbranche aufs selbe herauskommt. Es kommen in Interviews Fragen auf, ob er den Stress eines Toptorwarts durchsteht. Enke hat das immer parieren können, hat sein Verhalten plausibel erklärt: Er könne verstehen, sagt er, wenn Leute sein damaliges Verhalten als unprofessionell bezeichnet haben. Aber der Hass, der ihm von den Fans entgegen geschlagen sei, "das war es mir nicht wert".

Enke, der Vergessene, wird von Trainer Ewald Lienen in die Bundesliga zurückgeholt, nach Hannover, nicht gerade das deutsche Barcelona. Für einen wie Enke, der neu anfangen will, ist es aber offenbar die richtige Station. Er glänzt durch Beständigkeit, wird mehrfach zum besten Torhüter der Liga gewählt. Er scheint selbst den schweren Schicksalsschlag zu verkraften, als sein Kind im Alter von zwei Jahren stirbt.

Es gibt diese Szene, als ihn 30 junge Autogrammjäger umlagern, er alle Autogrammwünsche erfüllt und ihn dann eines der Gören fragt, was auf seinem Unterarm tätowiert ist: "Lara". Der Name seiner Tochter.

Enke wirkt gereift, seine Interviews sind klug, zeigen einen nachdenklichen, leisen, angenehmen Menschen, der nicht durch Allüren, sondern durch sachliche Leistung dahin gekommen ist, wo er aufgrund seiner sportlichen Fähigkeiten hingehört. Jetzt muss Robert Enke nur noch abwarten, bis die Oldies Oliver Kahn und Jens Lehmann ihre DFB-Karriere beendet haben, dann ist seine Stunde in der Nationalelf gekommen. So denken alle.

"Man lernt mit den Jahren: Man erzählt viel und sagt nichts"

Doch immer wenn Enke kurz davor ist, die unangefochtene Nummer eins im Nationalteam zu werden, steht ihm sein Körper im Weg. Verletzt im Herbst 2008, als das wichtige WM-Qualifikationsspiel gegen Russland ansteht. Krank im Herbst 2009 vor dem entscheidenden Rückspiel, leidend an einer Krankheit, die nach Wochen eines merkwürdigen medizinischen Rätselratens offiziell als Darminfektion diagnostiziert wird. Beide Male spielt statt Enke der junge, von wenig Selbstzweifeln geplagte Leverkusener René Adler und reißt die Kommentatoren zu Lobeshymnen hin.

Bundestrainer Joachim Löw hatte Enke zuvor schon mehrfach angedeutet, dass er die Nummer eins im Tor bei der WM 2010 werden soll. Doch nach den Russlandpartien wird Löw zurückhaltender, schürt bewusst die Konkurrenz. Enke macht das nervös, er ist kein Kahn, kein Lehmann, die der interne Kampf motiviert. "Ich brauche keine Konkurrenzsituation. Ich brauche Vertrauen. Für mich ist es sehr wichtig, dass mir Mannschaft und Trainer das Gefühl vermitteln: Mit dir im Tor kann uns nicht viel passieren", sagt er. Das Gefühl verlässt ihn zusehends.

Enke hat einmal in einem Interview mit der Zeitschrift "11 Freunde" zum Umgang mit Presse und Öffentlichkeit gesagt: "Man lernt mit den Jahren: Man erzählt viel und sagt nichts. Was den Umgang mit der Tagespresse angeht, habe ich immer zwei Meinungen: meine persönliche und die, die ich nach außen serviere."

Vor zwei Wochen hat Robert Enke öffentlich mitgeteilt, er brenne nach seiner Krankheit wieder auf die sportlichen Herausforderungen. Man kannte nur das, was er nach außen servierte. Das Interview trug den Titel: "Comeback eines Totgesagten".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Draupadi 11.11.2009
1. -
Es ist bedauerlich, dass jemand so sehr unter seinem eigenen Leben gelitten hat, dass er keinen anderen Ausweg sah als sich selbst um zu bringen. Man kann sich immer wieder nur fragen warum... Aber jetzt bedaure ich seine Familie und Freunde viel mehr,denn es war seine Entscheidung nicht ihre, welchen Verlust müssen sie nun hinnehmen! Und welche Schuldgefühle! Ich wünsche ihnen viel Kraft!
walk2 11.11.2009
2. Erstaunlich
Man liest "Ausnahme-Torhüter" und sonstige Lobesgesänge. Erstaunlich nur, daß man sonst - wo er wohl krank war oder so - nichts las über den Mann. Kaum springt er vor'n Zug, überschlägt sich die Welt. Das ist verlogen ohne Ende. Wie so vieles. Warum läßt man es nicht dabei, er wird seine Gründe gehabt haben.
Draupadi 11.11.2009
3. Zugführer
Ich hoffe der arme Zugführer muss nicht zu stark darunter leiden! Denn er ist wirklich unbeteiligt gewesen in jeder Hinsicht! Das verstehe ich bei Selbstmördern nicht! Wenn sie das Bedürfnis haben ihre Familie zu bestrafen, dazu wage ich kein Urteil zu fällen, aber sich dann so umzubringen das Unbeteiligte, hier der Zugfahrer, sich vllt ihr Leben fragen müssen ob sie das irgendwie hätten verhindern können....das finde ich unmöglich!
Born to Boogie, 11.11.2009
4. Mein herzliches Beileid
Das hat mich wirklich schockiert - was mag wohl in diesem Mann vorgegangen sein. Leider hat Er nicht mehr daran gedacht, wie schlimm soetwas auch für den Lokführer ist.
macstabi 11.11.2009
5. Bei allem Mitleid für die Angehörigen ...
... gilt mein Gedenken jedoch dem armen Menschen der die Lokomotive geführt hat die sich Herr E. ausgesucht hat um freiwillig (!) aus dem Leben zu scheiden. Dieser Mann hat sein restliches Leben lang eine Last zu tragen die ihm keiner abnehmen kann. Ich kannte Herrn E. nicht weshalb meine Trauer die gegenüber den anderen Hunderten/Tausenden (?) Selbstmördern pro Jahr nicht übersteigt. Natürlich ist es schade um jedes Menschenleben das so enden muss. Aber nur weil ein Promi seinem Leben ein Ende setzt sollte man seine zu recht geschockten Angehörigen und Freunde nicht mit dieser überzogenen Berichterstattung belästigen. Wen, ausser den genannten, geht das ganze denn etwas an?
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