Prunkstück Oranje-Abwehr Der Deich ist sicher

Die niederländische Nationalmannschaft wähnt sich nach schlechten Jahren wieder im Aufwind. Das hat das Team, das immer so stolz auf seine Offensive war, vor allem seiner stabilen Abwehr zu verdanken.

Virgil van Dijk
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Virgil van Dijk

Aus Amsterdam berichtet


Denkt man an die Niederlande, denkt man an Rausch. Beim Fußball an Offensivrausch, an Dennis Bergkamp, an Marco van Basten, selbstverständlich an seine Majestät Johan Cruyff. Voetbal totaal ist der Markenbegriff, mittlerweile annähernd zu Tode verwendet, er steht für die Angriffsqualität von Oranje. Niederländischer Fußball ist Offensivfußball, das wird beinahe als Naturgesetz gehandelt. Aber stimmt das überhaupt?

Man kann das auch ganz anders erzählen. Der Fußball der Niederlande war immer dann stark, wenn die Abwehr stark war. Er war immer dann erfolgreich, wenn eine stabile Defensive die Basis bildete, damit vorne gezaubert werden konnte. Als Oranje 1988 Europameister wurde und den bisher einzigen großen Titel errang, haben alle von van Bastens Toren und Ruud Gullits Regie geschwärmt. Aber der Grundstein des Erfolges lag viel weiter hinten - er lag dort, wo Ronald Koeman mit seinen Präzisionspässen aus der Abwehr und Nebenmann Franck Rijkaard mit seiner Übersicht glänzten.

Ronald de Boer bei der WM 1998
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Ronald de Boer bei der WM 1998

Als die Niederlande 1998 ihre letzte wirklich große Mannschaft zur WM geschickt haben, mündend in ein beeindruckendes Halbfinale gegen Brasilien, da hielten die Eiche Jaap Stam und Frank de Boer die Abwehr zusammen. Und selbst 1974, der WM des Johan Cruyff, konnten die Offensiven so brillieren, weil sie wussten, dass hinter ihnen der elegante Ruud Krol, der Ausputzer Wim Suurbier und der Eisenbeißer Wim van Hanegem den Rücken freihielten.

Koeman weiß, was Abwehrarbeit bedeutet

Defensivfußball zu preisen mag in den Niederlanden verpönt sein, aber er ist das Geheimnis ihres Erfolges. In einem Land, das so stolz auf seine Deichsicherheit ist, wäre eine höhere Wertschätzung der absichernden Maßnahmen auf dem Fußballfeld eigentlich logisch.

Der heutige Bondscoach heißt Ronald Koeman, und es passt gut ins Bild, dass unter dem einst begnadeten Abwehrchef von Ajax Amsterdam und dem FC Barcelona die Elftal wieder zu ihren Wurzeln zurückfindet. Das heutige Abwehrduo heißt Virgil van Dijk, dieser schon körperlich beeindruckende Hüne des FC Liverpool, und Mathis De Ligt, schon in jungen Jahren als Ajax-Kapitän in die Fußstapfen von Cruyff und Co. getreten.

Dass die Niederländer sich nach den dürren Jahren wieder im Aufschwung wähnen, dass man sich im Duell gegen den Ex-Weltmeister Deutschland am Samstagabend in der Amsterdam Arena nicht als Außenseiter begreifen darf, das liegt vor allem an der Abwehrformation. Vorne setzt Koeman auf Ryan Babel, auf den Spanien-Profi Quincy Promes und auf Memphis Depay. Man tritt dem Trio nicht zu nahe, wenn man es nicht als absolute europäische Spitze bezeichnet.

Aber dahinter, angefangen vom Mittelfeld-Jungstar Frenkie de Jong, seinem Nebenspieler Kevin Strootman, der nach diversen Verletzungen vor dem x-ten Comeback steht, bis hin zur Abwehrachse Van Dijk und De Ligt hat Koeman Spieler zur Verfügung, die höchsten Ansprüchen genügen.

Mathijsen, Heitinga, Ron Vlaar

Der Niedergang der Elftal in den vergangenen zehn Jahren, er lässt sich auch an Namen festmachen wie Joris Mathijsen, Ron Vlaar und Johnny Heitinga, bestenfalls solide Abwehrspieler, aber ohne jeden Ansatz von Genialität, für einen Schnitzer immer gut. Sie wurden dennoch jahrelang in der Nationalmannschaft durchgeschleppt, weil sich der Blick der diversen, sich in regelmäßiger Folge abwechselnden Bondscoaches weitgehend nach vorne richtete - und weil die Niederlande einfach keine besseren Abwehrspieler hatten.

Virgil van Dijk (l.)
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Virgil van Dijk (l.)

Koeman weiß besser als viele andere, wie sich ein Fußballspiel von hinten aufbaut. Dass jeder Angriff in der Abwehr beginnt und jede Gegenattacke dort wieder endet. Er war mit seinen öffnenden Bällen, die manchmal über 60, 70 Meter zielgenau ihren Ansprechpartner fanden, Blaupause für moderne Abwehrspieler wie Jérôme Boateng. Es muss ihn ein bisschen glücklich machen, Spieler wie van Dijk und De Ligt zur Verfügung zu haben.

Der 55-Jährige macht mit der niederländischen Nationalmannschaft das, was sich in Deutschland einige von Joachim Löw gewünscht hätten. Es sind fast keine älteren Spieler mehr dabei, gegen Deutschland hat er erneut vier Debütanten berufen. Der 22-jährige Denzel Dumfries von PSV Eindhoven könnte sogar in die Startelf rutschen. Der Leidensdruck im Nachbarland war nach zwei verpassten Turnieren allerdings auch noch um einiges höher als beim DFB.

Koeman hat bei seinem Amtsantritt im Februar gesagt: "Wir haben vielleicht nicht mehr die allerbesten Spieler, aber das heißt nicht, dass wir nicht eine gute Mannschaft aufstellen können." Dieser Satz ist seitdem oft zitiert worden. Dabei stimmt er nur für die Offensive.



insgesamt 2 Beiträge
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stoffi 13.10.2018
1. Hoffentlich
hat das Benehmen der holländischen U 20 Nicht auf die A Mannschaft abgefärbt, denn da hat ein niederländischer U20-Nationalspieler seinen deutschen Gegenspieler angespuckt und das hatte für ihn nicht einmal Konsequenzen. Sympatisch macht sowas das holländische Team nicht.
twominus 13.10.2018
2. Update
Zunächst sollte sein Verhalten zwar keine weitreichenden Konsequenzen haben. Aber, mittlerweile wurde der Jugendspieler wohl doch suspendiert.
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