Deutsche Niederlage in Amsterdam Besser wird's nicht

Erfolge in der Nations League sollten die Schmach des frühen WM-Aus tilgen. Die Wahrheit nach dem 0:3-Debakel gegen die Niederlande: Es geht gegen den Abstieg. Und um den Job von Trainer Löw.

Jonas Hector (links) und Mats Hummels
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Jonas Hector (links) und Mats Hummels

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Fußball, bei dem es um etwas geht: In der Bundesliga ist Bayern Sechster. Bei der WM scheidet Deutschland in der Vorrunde aus. Und nach der Niederlage in den Niederlanden droht jetzt sogar der Abstieg aus der Nations League. Ein schlimmes Jahr für den deutschen Fußballfan? Im Gegenteil. Es geht um alles, und man weiß nicht vorher, ob es gut ausgeht oder schlecht. So sollte Sport sein.

Das Ergebnis: Deutschland verlor in Amsterdam in der Nations League 0:3 gegen die Niederlande. Hier geht es zum Spielbericht.

Die erste Hälfte: Die DFB-Elf begann nicht offensiv, sondern erwartete die Elftal teilweise erst im tiefen Mittelfeldpressing. Trotzdem hatte Deutschland die erste gute Chance, als Thomas Müller ein Anspiel von Toni Kroos direkt nahm und eine gute Parade von Jasper Cillessen erzwang. Das Tor fiel aber auf der anderen Seite. Manuel Neuer unterlief eine Ecke, Ryan Babel köpfte an die Unterkante der Latte, und Kapitän Virgil van Dijk vollstreckte den Abstauber per Kopf (30. Minute).

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Deutschland in der Einzelkritik: Neuers Nimbus bröckelt

Neuer Tiefpunkt: Die Entscheidung von Joachim Löw, bei der Weltmeisterschaft Manuel Neuer praktisch ohne Spielpraxis zur Nummer eins zu machen, hatte nicht jeder verstanden. Am Keeper lag das historische Vorrundenaus dann allerdings nicht. Jetzt patzte Neuer und verschuldete den Treffer, der Deutschland vielleicht den Klassenerhalt kosten könnte. Und während auf der Gegenseite Barcelonas Ersatzkeeper Cillessen vier Bälle parierte, saß beim DFB Barcelonas erster Keeper, Marc-André ter Stegen, 90 Minuten auf der Bank.

Die zweite Hälfte: Deutschland hatte zunächst mehr Abschlüsse als vor der Pause. Die gefährlichsten davon hatten die eingewechselten Leroy Sané und Julian Draxler, die jeweils nach starken Zuspielen von Joshua Kimmich knapp scheiterten. Die Gastgeber spielten derweil ihre Konter lange schlecht aus. In den Schlussminuten änderte sich das. Zweimal verlor Draxler den Ball, zweimal resultierten Tore für die Elftal daraus: Memphis traf nach Zuspiel von Quincy Promes (87.), und Georginio Wijnaldum schloss ein Solo zum Endstand ab (90.).

Memphis Depay
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Memphis Depay

Vielen Dank, Uefa: Auch wenn Jürgen Klopp unsere Begeisterung nicht teilt - etwas Besseres als die Nations League konnte dem Nationalmannschaftsfußball gar nicht passieren. Früher hätte es jetzt für den DFB zehn Pflichtspiele gegen unterklassige Gegner gegeben, an deren Ende man sich für die EM qualifiziert, aber nichts über den Leistungsstand der Mannschaft gewusst hätte. Mit der Nations League aber geht es schon nach zwei Partien gegen den Abstieg. Auch aufgrund einer einfachen Idee: Teams gleicher Stärke werden einander zugeteilt, nicht voneinander ferngehalten. Warum ist da nicht vorher jemand drauf gekommen?

Ihr habt die Reden schön: 0:3 gegen die Niederlande, die höchste Niederlage gegen den Erzrivalen, die es je gab. Grund zur schonungslosen Selbstkritik? Nicht für die deutschen Nationalspieler. "Wir haben ein Spiel gemacht, bei dem wir mindestens zwei, drei, vier Tore schießen müssen", sagte Mats Hummels im ZDF. Timo Werner fand: "Wir haben gezeigt, dass wir das Fußballspielen nicht verlernt haben. Schon gegen Frankreich waren wir streckenweise die bessere Mannschaft."

Die nackten Zahlen: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die deutsche Nationalelf in drei Pflichtspielen in Folge kein Tor erzielt. 2018 gab es bereits fünf Niederlagen - das ist der schlechteste Wert seit 1985. Verliert der DFB am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Das Erste) bei Weltmeister Frankreich, wäre es die sechste Niederlage. So viele gab es noch nie. Ebenso wenig wie ein WM-Aus in der Vorrunde.

Es geht um Löw: Joachim Löw war einer der erfolgreichsten Nationaltrainer der Welt in den vergangenen zwölf Jahren. Aber die einzigen Siege in den vergangenen zwölf Monaten wurden gegen Saudi-Arabien, Schweden und Peru errungen. Der Abstieg aus A-Gruppe der Nations League würde deutlich aufzeigen, dass das WM-Aus kein Ausrutscher war. Sicher: Es gibt nicht Dutzende junge Weltklassespieler, die nur auf ihren Einsatz warten. Aber einfach immer weiter zu machen, das kann nicht länger die Losung sein. Ein Sieg im Stade de France wäre ein sehr gutes Argument gegen den Eindruck, dass Löw nicht weiß, wie er den Umschwung schaffen soll. Denn eines war die Partie in Amsterdam bei allem Schönreden sicher nicht: ein fantastisches Fußballspiel, dem nur die deutschen Tore fehlten.

Niederlande - Deutschland 3:0 (1:0)
1:0 Virgil (30.)
2:0 Memphis (87.)
3:0 Wijnaldum (90.)
Niederlande: Cillessen - Dumfries, de Ligt, Virgil, Blind - de Roon, de Jong (77. Aké), Wijnaldum - Bergwijn (68. Danjuma), Memphis, Babel (68. Promes)
Deutschland: Neuer - Ginter, Boateng, Hummels, Hector - Kimmich - Müller (57. Sané), Can (57. Draxler), Kroos, Werner - Uth (68. Brandt)
Schiedsrichter: Cakir
Zuschauer: 52.536



insgesamt 71 Beiträge
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BiHo 14.10.2018
1. Zuerst Löw oder Merkel?
hatte ich im Sommer gedacht... Na gut: Eigentlich müssen beide weg. Aber bis die Einsicht so weit ist, dauert es wohl jeweils noch. So lange Löw nur bringt, wen er mag und nicht die objektiv besten Spieler, wird es natürlich nicht besser. Ich spare mir jetzt mal die Aufzählung aller Spieler, die erst mal in ihren Clubs Leistung bringen sollten. Ciao
freddygrant 14.10.2018
2. Noch Fragen über den ...
... Zustand des großen Fußballsports in Deutschland? Realität ist doch, dass wir doch diebezüglich eine tolle Symbiose haben. Die deutschen mit ihre angeheuerten Fußballprofis und das auf den Rängen sich saturierende -publikum passen in ihrem Anspruch aus Leistung und die daraus resultierende Freude an diesem Bewegungsspiel ganz gut zusammen. Dabei sein ist alles - das ist ja dann auch nicht so anstrengend. Und die internationalen Spiele und Vergleiche finden ja auch nicht jedes Wochenende statt - also Schwamm drüber.
markus.pfeiffer@gmx.com 14.10.2018
3. Der Job von Löw ist sicher
Sie schreiben, dass es um den Job von Löw gehe - schön wär's! Deutschland hat den Zuschlag für die EM 24 bekommen, also sitzt Grindel mindestens bis dahin fest im Sattel - und Grindel und seine Entourage werden Löw niemals entlassen, egal wie die N11 spielt. That's it. :(
seppfett 14.10.2018
4. Trainer!
Das war der selbe Unsinn wie bei der WM! Die Spieler brauchen einen anderen Trainer, der alte kommt nicht mehr durch, oder kennt seine Spieler nicht mehr. Man verliert selbst gegen eine schwache niederländische Mannschaft- unglaublich.
thbahr 14.10.2018
5. Vielleicht besser abtreten, Herr Hummels!
Manchmal ist es eine offensichtlich falsche Entscheidung, direkt nach dem Spiel vor die Kameras zu treten. Diesmal Mats Hummels, der nicht nur auf dem Feld seine besten Tage hinter sich hat, sondern auch im Interview zeigt, dass er die Orientierung verloren hat, wenn er nicht weiß, was die Mannschaft verkehrt gemacht hat. Sie wollen, aber sie können nicht. Die Helden von 2014 haben die Chance verpasst, in Würde abzutreten. Jetzt muss ein Neuanfang gemacht werden und zwar ohne Stars von gestern.
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