DFB-Elf vor Niederlande-Spiel War irgendwas?

Das WM-Desaster ist erst drei Monate her, aber bei der Nationalmannschaft verspürt man schon wieder den alten Geist. Der Bundestrainer und sein Team wirken, als hätten sie das Negativerlebnis vergessen.

Joachim Löw
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Joachim Löw

Aus Amsterdam berichtet


Man musste schon etwas genauer hinhören, um zu merken, dass sich bei Joachim Löw etwas verändert hatte. Der Bundestrainer hat sich vor dem Nations-League-Spiel gegen die Niederlande in Amsterdam (Samstag 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) eine Erkältung eingefangen, und er klang bei der Abschlusspressekonferenz in der Johan-Cruyff-Arena leicht verschnupft.

Ansonsten ist bei Löw und seiner Mannschaft drei Monate nach dem peinlichen WM-Ausscheiden in Russland vieles schon wieder im alten Zustand, in dem Fußballfans dieses Team und ihren Coach seit mehr als zwölf Jahren kennen. "Mein Anspruch ist es, jedes Spiel zu gewinnen", kündigte Mittelfeldspieler Toni Kroos vor den beiden Partien in Amsterdam und am Dienstag in Paris gegen Frankreich an. Die Mannschaft sei ja schließlich "keine Gurkentruppe".

Das deutsche Selbstbewusstsein hat in Russland nur eine kleine Delle erhalten. Der Bundestrainer selbst konnte nicht nachvollziehen, warum auf ihm und auf seiner Mannschaft derzeit ein besonderer Druck lasten sollte. "Warum sollte ich bei einer Partie in der Nations League mehr Druck verspüren als bei einer Welt- oder einer Europameisterschaft?", fragte er in die Runde. Die Nations League sei gut und schön, aber "man muss das Ganze auch nicht so hochhängen".

Toni Kroos
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Toni Kroos

Noch vor sechs Wochen hatte es allgemein geheißen, wenn das gegen die Niederländer und die Franzosen auch schiefgehe, was durchaus realistisch erscheint, dann werde erst recht über Joachim Löw und seinen Verbleib im Job debattiert. Aber davon scheint derzeit keine Rede mehr zu sein.

Bis auf Michael Ballack. Der Ex-Kapitän der DFB-Auswahl hat sich in dieser Woche noch einmal vorgewagt mit der Verwunderung, dass Löw immer noch Bundestrainer sei. Ansonsten blieben die üblichen Kritiker still. Und Ballack hat mit Löw alte Rechnungen zu begleichen, dessen Urteil ist auch davon geprägt. Löw sagt, er habe die Kritik des ehemaligen Kapitäns "irgendwo aus den Augenwinkeln in der Überschrift wahrgenommen, aber nicht einmal gelesen". Das interessiere ihn nicht, "diese Woche nicht, und nächste Woche schon gar nicht".

Die Nationalmannschaft hat sich sehr schnell von den Erschütterungen der Weltmeisterschaft, von den Nachwirkungen des Rücktritts von Mesut Özil befreit. Man könnte in diesen Tagen fast denken, mit dem öffentlichen Training am Dienstag in Berlin, mit dem das Team die neue Fannähe demonstrieren wollte, habe der Verband die Aufarbeitung des WM-Debakels abgeschlossen. Die Schuldigkeit sei getan.

Schließlich gibt es neue Ziele in der Zukunft: Die EM 2024 ist wohlbehalten ins eigene Land gebracht worden, ab jetzt ist der Blick darauf gerichtet. Die tief greifenden Veränderungen, die DFB-Boss Reinhard Grindel nach dem Russland-K.o. angemahnt hatte, sind erst mal vertagt. Auf morgen. Oder auf übermorgen.

Ein möglicher Abstieg in der Nations League wird schon nicht mehr als großes Unheil angesehen, "die EM-Qualifikation ab März ist viel wichtiger", sagt Löw, und man kann ihm mit dieser Aussage ja auch schwerlich widersprechen. Und Löw selbst, heiser hin oder her, ist auch schon fast wieder der Alte, wenn er mit Blick auf diese EM-Qualifikation jetzt schon mitteilt: "Wir werden das schaffen." Auch wenn die Gegner noch gar nicht feststehen.

In einer fast schon berühmt gewordenen Pressekonferenz der Fifa hat der damalige Präsident Joseph Blatter vor einigen Jahren einem kritischen Journalisten, der etwas von der Krise der Fifa gesagt hatte, fast ungläubig gegengefragt: "Krise? Was für eine Krise?" Ein bisschen ist die Stimmung im DFB jetzt auch wieder an einem solchen Punkt angelangt.

Die Mannschaft stellt sich mit den alten Recken von 2014 fast von selbst auf. Thomas Müller bekommt vom Coach selbstverständlich seine bekannte Einsatzgarantie: "Er wird von Beginn an spielen." Die Formkrise der Bayern-Spieler interessiert den Bundestrainer auch nicht. "Die haben so viel erlebt, die lassen sich von drei, vier schlechten Spielen nicht aus der Bahn werfen."

Der Gegner vom Samstag hat es über Jahre ähnlich gemacht, er hat die alten Stars immer wieder aufgestellt, Wesley Sneijder, Arjen Robben, Robin van Persie, die Helden von einst. Irgendwann und zwei verpasste Turniere später ging das nicht mehr. Jetzt ist das Team - bis auf Sturm-Oldie Ryan Babel - grundlegend verändert.

Löw sieht aber auch aus einem anderen Grund keine Parallelen zwischen Oranje und dem deutschen Team: "Wir haben uns bisher für jedes Turnier qualifiziert, die Niederlande nicht." So einfach kann man das sehen.

insgesamt 13 Beiträge
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hileute 13.10.2018
1. Wie dem auch sei,
das Spiel muss dringend gewonnen werden, ein Abstieg in die B Liga wäre, auch wenn es quasi wurscht ist, eine erneute Blamage
schehksbier 13.10.2018
2. "...wieder im alten Zustand"
War da etwas anderes zu erwarten? Einem bestenfalls mittelmäßigen Trainer wird zu fürstlichen Bezügen der Vertrag verlängert, Bierhoff kann weiterhin den Manager der Mannschaft geben (natürlich mit mehr Nähe zum Fan) und diesen Grindel beschäftigt vordringlich seine Wiederwahl. Wo drängen sich da Gründe für einen Umbruch auf? Eine restlos verkackte WM ist doch kein Beinbruch - Hauptsache die Frisur sitzt!
ttvtt 13.10.2018
3. nicht so hochhängen?
die NL ist also nicht ganz so wichtig? Klingt wie eine Absicherung, falls man doch absteigt. Ach hat man sich bisher für jedes Turnier qualifiziert? Es gab eine Zeit, da konnte man auch das Achtelfinale als gesetzt sehen. Der Prestigeverlust wäre enorm. Ich drück den Niederländern die Daumen, dass sie gewinnen. Der Löw macht den deutschen Fußball kaputt.
Gegenanflug27 13.10.2018
4.
Im Moment bin ich einfach nur genervt, um nicht zu sagen total angep..., von den ständigen Unterbrechungen der Liga (der 2.Liga), wegen vollkommen unsinniger und unwichtiger Nationalmannschaftswettbewerbe. Nationsleague ? - soll ich lachen, oder was ? Im besonderen, diese Nationalmannschaft, mit Kroos, Müller, Neuer und mit den unerträglich gewordenen Arroganzien eines Löw und Bierhoff, braucht kein Mensch. Hoffentlich verlieren die heute Abend ! Nicht wegen der Nationalmannschaft an sich, sondern damit Figuren, wie die genannten, endlich in der Versenkung verschwinden. Das Spiel und der Wettbewerb sind, wie gesagt, eh unwichtig und uninteressant.
toll_er 13.10.2018
5. Neuanfang
Nach dem Debakel bei der WM wäre ein Neuanfang erforderlich gewesen. Doch da wird einfach weiter herumgewurstelt mit einem Trainer, der eine zeitlang gute Arbeit geleistet hat, jetzt aber nichts mehr zu bieten hat. Ich wünsche es nicht... Aber eine klare Niederlage gegen die Niederlande wäre noch einmal eine Chance... Aber die Unbeweglichkeit des DFB und die nun fast unerträgliche Temperamentlosigkeit des Herrn Loew lässt das nicht zu. Und dass die Wertigkeit dieses Spiel schon im Vorfeld niedrig aufgehängt wird, ist doch symptomatisch für die in jeder Hinsicht fehlende Perspektive
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