Niederlande - Deutschland vor 18 Jahren 45 Minuten Horror - und stolz drauf

Im Jahr 2000 trafen die Niederlande und Deutschland in Amsterdam aufeinander - wie heute Abend wieder. Es war eine Partie, die zwei Spieler niemals vergessen werden.

Boudewijn Zenden (r.) im Duell mit Zoltan Sebescen
imago/ Passage Boudewijn

Boudewijn Zenden (r.) im Duell mit Zoltan Sebescen

Aus Amsterdam berichtet


Testspiele haben ihren Namen nicht ohne Grund. Meist sind es Partien ohne großen sportlichen Nährwert, die Erinnerung an sie ist schnell vergessen. Es ist selten, dass eine solche Begegnung prägend wird für ein ganzes Fußballerleben. Am 23. Februar 2000 war das so.

An diesem Abend treffen die Niederlande und Deutschland in der Amsterdam Arena aufeinander. Es wird ein Abend, den zwei Spieler nicht vergessen werden: der Niederländer Boudewijn Zenden und sein deutscher Gegenspieler Zoltan Sebescen.

Trainer des deutschen Teams ist Erich Ribbeck. Heute hat man fast vergessen, dass er mal zwei Jahre das Sagen beim DFB hatte. Man erinnert sich bestenfalls noch an das großkarierte Sakko, das sein Assistent Uli Stielike bei der Vorstellung des neues Trainer-Duos im Oktober 1998 trug. Wenn man 20 Jahre später den Namen Uli Stielike googelt, taucht in der Liste, die einem der Suchdienst anbietet, immer noch das Wort "Sakko" als erstes auf.

Ribbeck damals schon auf Abruf

Möglicherweise ahnt Ribbeck an diesem Abend schon, dass sein Engagement beim DFB nicht von großer Dauer sein wird, Erfolge hat er in den zurückliegenden anderthalb Jahren noch nicht vorzuweisen, in der Öffentlichkeit erntet er mehr Spott als Anerkennung. An diesem Abend versucht er es daher mit einem Debütanten: dem 24jährigen Zoltan Sebescen vom VfL Wolfsburg.

 " Sakko" Stielike und Erich Ribbeck
Getty Images

" Sakko" Stielike und Erich Ribbeck

Sebescen hat eigentlich in der Offensive seine Stärken, Ribbeck jedoch stellt ihn gegen den Oranje-Flügelstürmer Boudewijn Zenden vom FC Barcelona, ebenfalls 24 Jahre jung. Einen besseren Gefallen hätte er dem Niederländer nicht tun können.

Es folgen 45 Minuten, in denen der bedauernswerte Deutsche von Zenden schwindelig gespielt wird. Beim niederländischen 1:0 entwischt der Außenstürmer am Flügel, flankt auf Patrick Kluivert, der vollendet. Christian Ziege gleicht mit der mehr oder weniger einzigen deutschen Tormöglichkeit zum 1:1 aus, die erneute Führung erzielt Zenden selbst per Volleyschuss, wieder sieht Sebescen nur die Hacken. Angeblich soll Ribbeck seinem Spieler vor der Partie anvertraut haben, Zenden ziehe stets außen am Gegenspieler vorbei. Auf dem Feld macht der Niederländer es anschließend aber genau anders.

Von Rubenbauer angezählt

ARD-Reporter Gerd Rubenbauer hat den Debütanten schnell als Schwachpunkt der Mannschaft ausgemacht. Dass auch andere Stellungsfehler machen, Markus Babbel, Jens Jeremies, der fast 40jährige Lothar Matthäus, erwähnt er weniger ausdrücklich. Sebescen ist der Sündenbock, und als hätte Ribbeck beim Livekommentar zugehört, nimmt er seinen Spieler bei dessen Premiere schon nach 45 Minuten wieder vom Feld und ersetzt ihn durch Sebastian Deisler. Es sollten die einzigen 45 Minuten in der Länderspielkarriere des Zoltan Sebescen bleiben.

Die Niederländer belassen es, als hätten sie mit der demütigenden Auswechslung des Wolfsburgers, ihre Genugtuung erhalten, in der zweiten Halbzeit bei diesem knappen Ergebnis. Ihr Trainer ist Frank Rijkaard. Er weiß noch nicht, dass er ein paar Monate das Schicksal Ribbecks teilen muss. Nach der EM im Sommer müssen beide gehen. Ribbeck wegen fortgesetzter Erfolglosigkeit, Rijkaard, weil diese hochqualifizierte Truppe mit Davids, Seedorf, Kluivert, den De-Boer-Zwillingen, mit Ruud van Nistelrooy im Sturm und Edwin van der Sar im Tor als Titelfavorit bei der Heim-EM im Halbfinale scheitert.

Das Team übernimmt Louis van Gaal, und selbst der Trainer-Genius schafft es nicht, die Mannschaft so aufzurichten, dass sie die Teilnahme an der WM 2002 schafft. Oranje scheitert in den Playoffs an Irland, und seitdem darf man den Namen des irischen Torschützen Jason McAteer in den Niederlanden nicht mehr offen aussprechen. Ein Vorgeschmack auf die verpassten Turniere 2016 und 2018, aber damals noch viel unfassbarer.

Zenden war nie mehr so gut wie an diesem Abend

Ribbeck wurde nach der missglückten EM im Sommer 2000 samt Assistent und dessen Sakko entlassen, Zenden hat nie wieder ein so gutes Länderspiel gemacht, im selben Jahr noch verlor er seinen Stammplatz beim FC Barcelona, seine Vereinskarriere ging danach eigentlich nur noch abwärts.

Ruud van Nistelrooy und Oliver Kahn
DPA

Ruud van Nistelrooy und Oliver Kahn

Sebescen hatte noch eine Weile auf neue DFB-Berufungen nach Ribbecks Abgang gehofft, schließlich gehörte er 2002 der gloriosen Leverkusener Mannschaft des Trainers Klaus Toppmöller an, die damals bis ins Champions-League Endspiel vorstürmte und erst dort von Zinédine Zidane gestoppt wurde.

Aber er hoffte vergeblich. Was auch an diversen Knieverletzungen lag, die ihm seine Laufbahn danach verdarben. Er bekam keine Gelegenheit mehr, diese 45 Minuten von Amsterdam aus dem deutschen Fußballgedächtnis zu löschen. Dennoch hat er später immer wieder betont, auf diese eine Halbzeit stolz gewesen zu sein - trotz allem. Immerhin durfte er einmal das DFB-Trikot tragen.

Sebescen arbeitete danach als Spielerberater, er war auch mal als Jugendkoordinator tätig, aber im Grunde konnte er danach machen, was er mochte - jeder, der an eine Partie zwischen Niederlande und Deutschland denkt, denkt an Gerd Müller und Johan Cruyff, an Rudi Völler, Frank Rijkaard und Guido Buchwald, an Jürgen Kohler und Marco van Basten - und an Zoltan Sebescen. Eigentlich keine schlechte Gesellschaft.

In einer früheren Version stand, dass Louis van Gaal das Oranje-Team in jenem Spiel betreute. Er übernahm die Elftal allerdings erst einige Monate später. Wir haben diesen Fehler korrigiert.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
stoffi 13.10.2018
1. Ich hoffe
das es fairer als bei der U 20 zugeht, denn da hat ein niederländischer U20-Nationalspieler seinen deutschen Gegenspieler angespuckt und das hatte nicht mal Konsequenzen.
Joshua H. 13.10.2018
2.
Ein wirklich schöner Artikel, der Erinnerungen wecken konnte.
dernameistprogramm 13.10.2018
3. Unfair dann doch wohl eher die DFB-Schwalbe im WM-Finale 1974
Zitat von stoffidas es fairer als bei der U 20 zugeht, denn da hat ein niederländischer U20-Nationalspieler seinen deutschen Gegenspieler angespuckt und das hatte nicht mal Konsequenzen.
- einmal abgesehen von der Schwalbe im Finale 1990, die ja nicht gegen NL war und in diesem Kontext nicht von Interesse sein sollte. Denn sonst könnte ich ja gleich auch noch mit der berühmten Schokolade von 1954 um die Ecke kommen. Freue mich auf ein tolles Spiel gleich!
gibtsdochgarnicht26 13.10.2018
4. Frank Rijkaard
Trainer der Oranje war damals Frank Rijkaard und nicht Louis Van Gaal. Van Gaal kam erst nach der EM 2000. Sorry aber als Sportjournalist sollte man sowas schon wissen bzw. richtig recherchieren...
doclondon 13.10.2018
5. Überheblich
Ich frage mich ob das sein muss, diesen Spieler hier als historischen Deppen darzustellen. Kein Fussballfan setzt dieses Spiel mit den anderen zitierten Spielen in einen Erinnerungskontext.
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