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12. September 2018, 15:47 Uhr

Nations League

You better call Saúl

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Der neue Trainer Luis Enrique hat nur Kleinigkeiten verändert, doch Spaniens Nationalmannschaft wirkt wie befreit. Vor allem Saúl Ñíguez blüht auf. Bei den Kroaten ist von WM-Euphorie schon nichts mehr zu spüren.

Am Ende, als Spanien in der Nations League Kroatien 6:0 besiegt hatte, war auch Luis Enrique zufrieden. "Das war wundervoll, wir waren so effektiv", sagte Enrique. Es war der zweite Sieg im zweiten Spiel für Spaniens neuen Nationaltrainer, das nennt man dann wohl einen gelungenen Start. Saúl Ñíguez (24. Minute), Marco Asensio (33.), Rodrigo (49.), Sergio Ramos (57.) und Isco (70.) trafen für Spanien. Zudem unterlief dem kroatischen Torwart Lovre Kalinic in der 35. Minute ein Eigentor.

Und doch gab es in dieser Partie, die dem Ergebnis nach eine so klare Angelegenheit war, eine Phase, in der Enrique mit dem Spiel seiner Mannschaft haderte und wild gestikulierend an der Seitenlinie auf und ab lief.

Denn zu Beginn des Spiels agierte Spanien fahrig und die Defensive erlaubte sich zwanzig wacklige Minuten. Mehr vom Spiel hatten da die Kroaten. Bis sich eine Szene ereignete, an der sich wunderbar nachvollziehen lässt, welche Änderungen Enrique vorschweben. Weg vom Dogma des reinen Ballbesitzfußballs, hin zu mehr Variabilität, Tempo und Mut.

Enrique, 48, hat diese Fähigkeit zur Neuausrichtung bereits unter Beweis gestellt, als er beim FC Barcelona den Konter einführte. Er gewann mit den Katalanen zwischen 2014 und 2017 zehn Titel. Und er wird sie auch beim Nationalteam brauchen, das bei der WM in Russland auch daran gescheitert war, dass sich die Gegner längst auf den Ballbesitzfußball der Spanier eingestellt hatten.

Im Spiel gegen Kroaten lief die 22. Minute und Spaniens Debütant Dani Ceballos eroberte auf Höhe der Mittellinie einen kurz zuvor verlorenen Ball zurück. Fast 70 Sekunden blieb Spanien in Ballbesitz, es war Tiki-Taka in Reinform. Man kennt das ja von der "Furia Roja", der roten Furie, die zuletzt allerdings doch meist arg zahm war.

Überraschend war nur das Ende dieser Kombination über 18 Stationen: Weil sich in Kroatiens Defensive einfach keine Lücken ergaben, schaltete Sergio Ramos auf Plan B um. Ein weiter Diagonalball auf den rechten Flügel, eine hohe Außenristflanke von Daniel Carvajal, ein wuchtiger Kopfball von Saúl Ñíguez- 1:0.

"Spanien vollendet wie nie! La Roja besiegte Kroatien, den Vizeweltmeister, mit ungewöhnlichem Punch und einem pragmatischeren Spiel als sonst", schrieb die Zeitung "El País". Und die Zeitschrift "SPORT" titelte: "Die Zukunft ist bereits hier."

Ñíguez - Spaniens neuer Hoffnungsträger

Und zum Helden wurde mit Ñíguez einer, den vorher kaum jemand auf dem Zettel hatte. Zwar ist Ñíguez, 23, bei Atlético Madrid unter Diego Simeone längst zu einem der interessantesten Mittelfeldspieler der spanischen Liga gereift, doch in der Nationalmannschaft hatte er allenfalls eine Nebenrolle gespielt. Bis Enrique übernahm und Ñíguez direkt beförderte. Gegen England zum Auftakt der Nations League stand er in der Startelf und überzeugte nicht nur wegen seines ersten Länderspieltreffers. Auch gegen Kroatien traf Ñíguez, er lief viel und gewann Zweikämpfe. Es war durchaus eine gelungene Empfehlung für einen Stammplatz.

Enrique sagte kürzlich, Ñíguez habe einfach eine "brutale Mentalität". Seine Geradlinigkeit und seine starke Physis machten ihn zu einem Spieler, wie er sonst auf dieser Position nicht in Spaniens Kader zu finden sei. Und wer sich noch an den Spieler Luis Enrique, der einst Technik und Willen höchst effektiv verknüpft hatte, erinnern kann, mag durchaus Parallelen zu Ñíguez feststellen. Kein Wunder, dass auch der Trainer Enrique den Spieler schätzt.

Auch den Kroaten hätte an diesem Abend jemand wie Ñíguez gutgetan. Was das hochdekorierte Mittelfeld um Ivan Rakitic und Luka Modric zeigte, war weit von dem entfernt, was man noch vor wenigen Wochen bei der WM von ihnen zu sehen bekommen hatte. Wenig Finesse und kaum Gegenwehr. Und vorne fehlte der zurückgetretene Mario Mandukic bei jeder Flanke und jedem Abschluss.

"Wir haben gar nichts gezeigt und waren nicht einmal ein Schatten des Teams, das wir noch vor Kurzem waren", sagte Nationaltrainer Zlatko Dalic. "Nach großer Euphorie kommt manchmal eine Tragödie. Aber wir dürfen hier nicht herumsitzen und weinen, sondern müssen uns auf das vorbereiten, was als nächstes kommt."

Als nächstes kommen die Engländer, am 12. Oktober ist das, und Kroatien steht dann schon mächtig unter Druck. Eigentlich hilft dem amtierenden Vizeweltmeister nur ein Sieg, sonst droht am Ende dieser ersten Nations-League-Spielrunde der Abstieg aus Liga A. Die Spanier dürfen sich dann genüsslich zurücklehnen. Es scheint, als gehöre die WM-Tristesse bereits jetzt der Vergangenheit an.

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