Historischer Erfolg Was macht Gibraltar besser als die DFB-Elf?

Gibraltars Nationalteam hat seine ersten beiden Pflichtspielsiege überhaupt eingefahren - und ist damit in diesem Jahr besser als Deutschland. Abwehrspieler Jack Sergeant erklärt den Erfolg.

Gibraltar feiert
DPA

Gibraltar feiert

Ein Interview von , Manchester


Zur Person
  • Hendrik Buchheister
    Jack Sergeant, Jahrgang 1995, ist seit fünf Jahren Nationalspieler Gibraltars und kam bei den Siegen in der Nations League gegen Armenien (1:0) vor einer Woche und Liechtenstein (2:1) am Dienstag jeweils über 90 Minuten auf der rechten Abwehrseite zum Einsatz. Er studiert in Manchester und kämpft mit dem Stadtteilverein West Didsbury & Chorlton gegen den Abstieg aus der neunten Liga.

Gibraltar ist ein britisches Überseegebiet an der Südspitze Spaniens und gehört seit 2013 zum europäischen Fußballverband Uefa - als kleinstes Mitglied, gemessen an Fläche und Einwohnerzahl. Erst in diesem Jahr gelang der Nationalmannschaft der erste Sieg in einem Pflichtspiel. Und dem Erfolg gegen Armenien ließ sie direkt einen zweiten gegen Liechtenstein folgen.

SPIEGEL ONLINE: Jack Sergeant, Sie haben innerhalb von vier Tagen zwei Pflichtspiele gewonnen, eines mehr als die deutsche Nationalmannschaft im Jahr 2018. Was macht Gibraltar besser als die DFB-Elf?

Sergeant: Von dieser Statistik habe ich auch gehört. Wir haben eine gute Truppe, mit einer guten Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Wir arbeiten hart und haben immer an unsere Chance geglaubt. Deutschland bleibt trotzdem eine der besten Mannschaften der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also keine Ratschläge von Ihnen für den Weltmeister von 2014?

Sergeant: Ganz bestimmt nicht. Wir haben sogar schon gegen Deutschland gespielt, in der Qualifikation zur EM 2016. Das Hinspiel in Nürnberg war eines der ersten Spiele für Deutschland nach dem WM-Titel. Das ganze Stadion war eine große Feierstätte - und wir mittendrin. Wir kamen uns vor wie in einem Traum. Ich habe hinterher das Trikot mit Sami Khedira getauscht. Ich mag ihn sehr, genau wie Toni Kroos und Jérôme Boateng.

SPIEGEL ONLINE: Die Partien gegen die DFB-Elf endeten 0:4 und 0:7. Und überhaupt: Bisher gingen alle Pflichtspiele verloren - bis zu den Siegen gegen Armenien und Liechtenstein. Was ist jetzt anders?

Sergeant: Wir haben uns an das Niveau der Spiele gewöhnt. Wir haben einen neuen Trainer. Auch die Liga in Gibraltar ist professioneller geworden.

SPIEGEL ONLINE: Die Erfolge in der Nations League waren also mehr als Glück?

Sergeant: Definitiv. Wir haben die erste Seite eines neuen Kapitels aufgeschlagen und sind überzeugt, dass wir erst am Anfang stehen.

SPIEGEL ONLINE: Die vergangenen Tage müssen emotional gewesen sein.

Sergeant: Allerdings. Als bei dem Spiel in Armenien noch zehn Minuten zu spielen waren, habe ich die ganze Zeit auf die Uhr geschaut. Ich hatte das Gefühl, dass es Jahre gedauert hat, bis endlich Schluss war. Nach dem Abpfiff haben einige unserer Spieler vor Glück geweint. Ich hatte auch ein paar Tränen in den Augen. Es war ein historischer Sieg! Das Spiel gegen Liechtenstein zu Hause, vor 2000 Fans, war auch etwas ganz Besonderes.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland fragen sich viele Leute, welchen Zweck die Nations League hat. Für kleinere Länder wie Gibraltar ist sie vermutlich eine gute Sache.

Sergeant: Auf jeden Fall. Wir spielen jetzt häufiger gegen Mannschaften auf unserem Level. Dadurch kommen wir zu Erfolgserlebnissen. Das ist ein gutes Gefühl nach den vielen Niederlagen in der Vergangenheit. Am Anfang war es wie ein Schock für uns, gegen Mannschaften wie Deutschland oder Belgien zu spielen. Wir hatten viele Negativerlebnisse.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich manchmal gefragt, warum Sie sich das eigentlich antun?

Sergeant: Nein, so hat niemand von uns gedacht. Wir haben so lange dafür gekämpft, endlich offizielle Spiele bestreiten zu dürfen. Enttäuschungen gehören dazu, wenn man sich weiterentwickeln will.

SPIEGEL ONLINE: Um für Gibraltar spielen zu dürfen, muss man dort zur Welt gekommen sein oder Eltern aus Gibraltar haben. Wie ist das bei Ihnen?

Sergeant: Ich wurde in Gibraltar geboren.

SPIEGEL ONLINE: Wo genau?

Sergeant: Naja, im Krankenhaus. Es gibt in Gibraltar nur eins.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Halbprofi. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Sergeant: Ich habe zweimal die Woche Training mit meinem Verein West Didsbury & Chorlton, dazu kommen meistens zwei Spiele. Den Rest der Zeit nutze ich für die Uni. Ich finanziere mein Studium mit dem Fußball.

SPIEGEL ONLINE: Nicht gerade das typische Leben eines Nationalspielers.

Sergeant: Das stimmt. Ich wohne in der Nähe der Uni und habe hier in England nicht mal ein Auto. Die Leute erkennen mich auch nicht auf der Straße. In Gibraltar sicher, wir sind ein kleines Land, da kennt jeder jeden. Aber hier nicht.

Gibraltar gegen Liechtenstein
A Carrasco Ragel/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Gibraltar gegen Liechtenstein

SPIEGEL ONLINE: Ihr Klub steht nur knapp über der Abstiegszone, zuletzt gab es ein 0:5 gegen Congleton Town. Es dürfte schwer werden, sich nach den Erfolgen mit der Nationalmannschaft wieder an den Alltag in der neunten Liga zu gewöhnen.

Sergeant: Das glaube ich nicht. Ich bin Teil der Mannschaft und gebe immer mein Bestes. Wir werden schon noch unsere Siege holen. Allerdings falle ich erst mal aus. Ich habe gegen Liechtenstein einen Schlag auf die Rippe bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was planen Sie für die Zukunft?

Sergeant: Ich mache in diesem Jahr mein Studium fertig. Danach würde ich nach Gibraltar zurückgehen. Aber vielleicht bekomme ich ja ein Angebot von einem Verein aus England. Wenn es die Chance gäbe, Profi zu werden, würde ich das auf jeden Fall machen.

SPIEGEL ONLINE: Fußball ist also Ihr Plan A?

Sergeant: Ja, ich liebe Fußball.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
andros0813 21.10.2018
1.
das also kann man auch unter fussball verstehen...ein junger spieler, der mit beiden beinen im leben steht, sein studium durch fussball finanziert, an den aufstieg seines vereins glaubt, für ihn spielt, egal auf welchem tabellenplatz...dann aber noch ganz nebenbei besseren fussball spielt, als die deutsche nationalmannschaft...sein statement ist klar, glaubhaft und sympatisch... für den wandel im fussball dort steht der satz 'wir haben einen neuen trainer' ...tja, da müssen wir noch lange warten bis Y.L. & friends in der bedeutungslosigkeit versinken...und ich glaube, das das gesamte volk selbst bei einem letzten platz geschlossen hinter unserer mannschaft stehen würde, wenn sie mit der haltung, hingabe und bezahlung von Jack Sergeant auftreten würden.. bleibt leider ein traum.
schwäbischalemannisch 21.10.2018
2. @#1 - volle Zustimmung
Wir haben Yogi viel zu verdanken, aber es ist eben oft so, dass es gelegentlich eines Bruchs und eines radikalen Neuanfangs bedarf. Das ist in der Politik ja genauso. Auch hier hat Merkel wohl den Zeitpunkt verpasst noch gut aus der Nummer raus zu kommen. Ähnlich wie Yogi wird sie das durchziehen. Das wird ein Gequäle bleiben. Bei DFB wird man sicher Yogi machen lassen, bis der von selbst das Handtuch wirft. Ich erinnere mich an 1990 und an Franz Beckenbauer. Der hatte zwar aufgehört, der Nationalmannschaft aber eine glorreiche Zukunft prophezeit. Die war dann ja nicht eingetreten. Ich fürchte es wird nun leider ganz ähnlich verlaufen.
shaboo 21.10.2018
3. Besser als Deutschland, ...
... weil man gegen Armenien und Liechtenstein erfolgreicher war als das deutsche Team gegen Frankreich und Holland. Logik a la SPON ...
cn01-2018 21.10.2018
4.
@shaboo, #3. Verfängt aber in postfaktischen Zeiten des Jahres 2018, wie man am Beitrag #1 ("dann aber noch ganz nebenbei besseren fussball spielt, als die deutsche nationalmannschaft") und der Zustimmung dazu im Beitrag #2 sieht ;-) Man muss derartige Aussagen, ob nun in Medien oder in Kommentaren, einfach als das nehmen, was sie sind: Witzaussagen mit Unterhaltungswert. Dann kann man Spaß daran haben.
uli_san 21.10.2018
5. Nun,
Zitat von cn01-2018@shaboo, #3. Verfängt aber in postfaktischen Zeiten des Jahres 2018, wie man am Beitrag #1 ("dann aber noch ganz nebenbei besseren fussball spielt, als die deutsche nationalmannschaft") und der Zustimmung dazu im Beitrag #2 sieht ;-) Man muss derartige Aussagen, ob nun in Medien oder in Kommentaren, einfach als das nehmen, was sie sind: Witzaussagen mit Unterhaltungswert. Dann kann man Spaß daran haben.
man kann es ja auch so sehen: Gibralta hat gegen Mannschaften auf Augenhöhe zwei Siege erzielt. Das ist der deutschen Mannschaft nicht gelungen. Von daher ist das Saisonergebnis der Gibralteser (sagt man das so?) besser als das der Deutschen.
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