Neonazi-Attacke beim FSV Brandis "Das ist eine Schande"

Neonazis werfen Böller auf Fans, verprügeln sie mit Eisenstangen - der brachiale Angriff bei einem Spiel von Roter Stern Leipzig hat jetzt Folgen. Aber andere als von den Opfern erhofft: Statt dem Club den Sieg zuzusprechen, soll das Match wiederholt werden. Die Wut ist groß, der Verein will sich wehren.

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Claudia Krobitzsch kann es nicht fassen. "Dieses Urteil ist eine Schande", sagt die Sprecherin des Amateur-Fußballclubs Roter Stern Leipzig zu SPIEGEL ONLINE.

Mit diesem "Urteil" meint Krobitzsch die Entscheidung des Leipziger Fußballverbandes, das Skandalspiel zwischen dem FSV Brandis und Roter Stern Leipzig zu wiederholen.

Im Oktober waren die Fans von Roter Stern während des Bezirksliga-Spiels von einem Mob von rund 50 Neonazis mit Eisenstangen und Holzlatten angegriffen worden. Dabei waren vier Menschen zum Teil schwer verletzt worden. Das Spiel wurde nach zwei Minuten abgebrochen.

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Ausschreitungen in Leipzig: Attacken mit Holzlatten
Genau an diesen Ort sollen Fans und Team jetzt zurückkehren - so zumindest sieht es der Leipziger Fußballverband. "Das ist eine Zumutung und nur schwer vorstellbar. Wir tendieren dazu, das Spiel zu boykottieren, aber eine genauere Aussage dazu kann ich noch nicht machen", sagt Krobitzsch. "Wir sind alle total überrascht, zumal wir fest damit gerechnet hatten, dass das Spiel zu unseren Gunsten gewertet wird und uns damit eine weitere Fahrt an diesen Ort erspart wird", sagt Krobitzsch.

"Abbruch bei mangelndem Ordnungsdienst"

In der Tat ist dieses Urteil - diplomatisch formuliert - eine große Überraschung. Denn der Verband legt seine eigenen Regeln nicht sehr streng aus. Denn in der Spielordnung ist klar und deutlich festgeschrieben, was bei einem Spielabbruch passiert. Dort heißt es in Paragraf 61, der den "Spielabbruch" und den "unzulässigen Einsatz von Spielern" regelt, unter Punkt 5:

  • Wird ein Spiel durch Verschulden einer Mannschaft oder ihres Vereins oder durch Verschulden beider Vereine nach 3 d) bis 3 h) vorzeitig abgebrochen, so ist das Spiel nach dem oder den Schuldigen mit 0:2 Toren als verloren, dem Unschuldigen mit 2:0 Toren und drei Punkten als gewonnen zu werten. Unter Punkt 3 f) wird eine der möglichen Begründungen näher bestimmt: Im Besonderen kann ein Spiel durch den Schiedsrichter abgebrochen werden bei bedrohlicher Haltung der Zuschauer oder mangelhaftem Ordnungsdienst.

Verantwortlich für den Ordnungsdienst ist der Heimverein, also in diesem Fall der FSV Brandis. Dieser - so lautet der Vorwurf der Gastmannschaft - habe trotz Warnungen im Vorfeld nicht für die nötige Sicherheit gesorgt. Der Sprecher des FSV Brandis, Gerd Große, hatte damals in einem Interview nach dem Spiel gesagt: "Der Buschfunk hatte signalisiert, dass sich hier irgendwelche Schlägertrupps angemeldet haben." Auch Günter Kögler, der Präsident des FSV Brandis, hatte das bestätigt. "Der Buschfunk war relativ eindeutig, deswegen haben wir das Gespräch mit der Polizei gesucht und auf die drohenden Gefahren hingewiesen", hatte er der "Welt" gesagt.

Eisenstangen hier, Flaschenverbot da

Die Vorwürfe von Roter Stern gingen sogar noch weiter. Nach Augenzeugenberichten hatte damals ein Ordner des FSV Brandis die Schläger über einen Seiteneingang auf die Anlage gelassen und soll sich später an der Randale beteiligt haben. Der FSV gab nach dem Spiel zu Protokoll, dass der Ordner aus der rechten Szene kam. Man habe ihm eine zweite Chance geben wollen. Vor dem Leipziger Sportgericht gab es jetzt eine andere Version.

"Der FSV Brandis hat diesen Vorwurf glaubhaft entkräftet", sagte Rainer Hertle, Präsident des Leipziger Fußballverbandes. So haben die Verantwortlichen laut Hertle eine Gruppe von 10 bis 15 Problemfans bewusst von einem Ordner zu einem Seiteneingang lotsen lassen, um die direkte Konfrontation mit den Gästefans zu vermeiden. Als diese dann in der Schlange zum Abkassieren standen, soll der Rest des "Mördermobs", wie Hertle die Gruppe der Angreifer bezeichnet, das Stadion gestürmt haben. "Der Verein hat die ihm zumutbaren Bedingungen für eine ordnungsgemäße Durchführung des Spiels erfüllt, darum trifft ihn keine Schuld", sagt Hertle. Dieser Meinung schlossen sich offensichtlich auch die Sportrichter an.

"Diese Darstellung ist ein absoluter Witz, da wurde kein einziger von der Gruppe abkassiert", sagt Krobitzsch. "Selbst wenn es so war: Wieso lagen auf dem Sportplatz Steine, Eisenstangen und Holzlatten bereit? Wo der Buschfunk doch im Vorfeld so eindeutig war", fragt Krobitzsch. "Wir dürfen aus Sicherheitsgründen bei unseren Heimspielen keine Glasflaschen verkaufen, und bei anderen liegen Eisenstangen herum, das kann doch nicht wahr sein."

Kampf statt Resignation

Zum Vergleich: Bei Randale in der Bundesliga wird in den meisten Fällen der Heimverein bestraft. Sogar, wenn die Gästefans die Verursacher der Ausschreitungen sind. So wurde der FC St. Pauli im Oktober zu einer Geldstrafe in fünfstelliger Höhe verurteilt, weil Fans der Gastmannschaft Feuerwerkskörper gezündet haben. Auch hier wird als Begründung angeführt, dass der ausrichtende Verein nicht für genügend Sicherheit gesorgt habe.

In Leipzig ticken die Uhren offenbar anders. Sowohl im Sportgericht als auch bei der Polizei, die trotz über 275 Zeugen und Hunderten von Bildern fünf Wochen brauchte, um fünf Tatverdächtige festzunehmen. Und auch im Verband herrscht erstaunliche Gelassenheit. Am Dienstagabend ist gegen 21 Uhr das Urteil gefällt worden. Bis Mittwochnachmittag war es noch nicht einmal auf der Internetseite eingestellt.

Bei Roter Stern Leipzig denken die Verantwortlichen jetzt darüber nach, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Sieben Tage hat der Verein dazu Zeit. Der Trainer habe nach der Verhandlung ans Hinschmeißen gedacht, sagt Krobitzsch, diesen Gedanken jedoch schnell wieder verworfen. Stattdessen will er nun kämpfen.

insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
franzdenker 02.12.2009
1. Richtige Entscheidung.
Zitat von sysopEs war einer der brutalsten Überfälle in der deutschen Fußballgeschichte: In Brandis bei Leipzig griffen rund 50 Neonazis bei einem Bezirksklassespiel die gegnerischen Fans an. Jetzt hat der Verband nach Informationen von SPIEGEL ONLINE entschieden, das Spiel zu wiederholen - eine richtige Entscheidung?
Man sollte sich einmal vorstellen, welche rege Betriebsamkeit in diesem Forum herrschen würde, hätten nicht kurzgeschorende, deutsche NPD-Wähler das Spielfeld gestürmt sondern jugendliche, muslimische Migranten. Aber so ist das halt, das Fremde macht den Menschen immer mehr Angst als der Wahnsinn in den eigenen Reihen.
dasbertl 02.12.2009
2. Absolut falsche Entscheidung
Das ist schwachsinn auf höchstem Niveau, das Spiel sollte vernünftiger Weise für die verprügelte Mannschaft gewertet werden. Eisenstangen haben auf einem Fussballplatz nichts verloren und für mich besteht der dringende Verdacht, dass diese dort absichtlich bereit gelegen haben. Leipzig tut sich damit keinen Gefallen...
P-Berg, 02.12.2009
3.
Zitat von franzdenkerMan sollte sich einmal vorstellen, welche rege Betriebsamkeit in diesem Forum herrschen würde, hätten nicht kurzgeschorende, deutsche NPD-Wähler das Spielfeld gestürmt sondern jugendliche, muslimische Migranten. Aber so ist das halt, das Fremde macht den Menschen immer mehr Angst als der Wahnsinn in den eigenen Reihen.
Ähem, 34 Seiten immerhin ;-) (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=9139)
nurEinGast 02.12.2009
4. 1
Zitat von sysopEs war einer der brutalsten Überfälle in der deutschen Fußballgeschichte: In Brandis bei Leipzig griffen rund 50 Neonazis bei einem Bezirksklassespiel die gegnerischen Fans an. Jetzt hat der Verband nach Informationen von SPIEGEL ONLINE entschieden, das Spiel zu wiederholen - eine richtige Entscheidung?
merkwürdige Entscheidung. Ich halte sie für falsch, sie soll wohl nur dazu beitragen die Gemüter zu beruhigen. Wenn es so sein sollte ist es meiner Meinung nach das falsche Signal.
uknox, 02.12.2009
5.
Zitat von dasbertlDas ist schwachsinn auf höchstem Niveau, das Spiel sollte vernünftiger Weise für die verprügelte Mannschaft gewertet werden. Eisenstangen haben auf einem Fussballplatz nichts verloren und für mich besteht der dringende Verdacht, dass diese dort absichtlich bereit gelegen haben. Leipzig tut sich damit keinen Gefallen...
Dass primär rechtsradikale Deppen 3.- und 4.-klassige Spiele nur als Vorwand benutzen um Aggressionen abzubauen bzw. dort die politische Auseinandersetzung handgreiflich anstatt verbal austragen liegt weder an der Stadt noch an der Mehrheit der Bürger Leipzigs, also bitte nicht so verallgemeinern. Bedenklich finde ich allerdings, dass jetzt sogar schon Vereine nur mit dem Ziel Provokation gegründet werden, der Name "Roter Stern Leipzig" läßt jedenfalls darauf schließen. ps. Mitleid mit den vermöbelten RSL-"Fans" ist unangebracht. Ich bin mir sicher, dass sie im Falle des Falles genauso gehandelt hätten wie die "Fans" der Gegenseite.
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