Von Thomas Hüetlin
Verständlicherweise muss man sich Großzügigkeit, Verlässlichkeit und Menschlichkeit dieser Art leisten können - und das Geld, mit dem Hoeneß seine gelegentliche Fürsorge finanziert, hat der FC Bayern unter seiner Führung erst verdient.
Als der Sportinvalide 1979 als Manager anfing, hatte der Verein sieben Millionen Mark Schulden und war nicht über einen Umsatz von zwölf Millionen hinausgekommen. Es sah nicht gut aus. Hoeneß sagt heute, der damalige Präsident Wilhelm Neudecker habe keinen Manager gesucht, sondern "einen Prellbock für die bevorstehende Steuerprüfung".
Trotzdem: Es hatte sich herumgesprochen, dass Hoeneß mit Geld umgehen konnte. Schon damals. Seine Eltern hatten in Ulm eine Metzgerei betrieben, Uli saß als Schüler samstags an der Kasse. "Wenn bei der Abrechnung auch nur fünf Pfennige fehlten, wurde die Tür zugesperrt und so lange gesucht, bis die fünf Pfennig wieder da waren", erzählt Udo Horsmann, ein Mannschaftskollege von Hoeneß aus den siebziger Jahren.
Dettmar Cramer, der Trainer mit dem Hoeneß damals zweimal den Europapokal der Landesmeister holte, erinnert sich, dass er Hoeneß bei Freundschaftsspielen stets die Kasse überlassen habe: "Meine Herren, ich lass Ihnen den Uli hier. Machen Sie die Abrechnung mit ihm." Er war der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Er entdeckte, dass der FC Bayern nicht nur eine Mannschaft war, die sich am Samstagnachmittag ein paar Hartgesottene in einem zugigen Stadion ansahen, sondern eine Marke. Gleich nach Jobantritt vermietete Hoeneß die Trikots der Bayern für 600.000 Mark pro Saison an einen Lastwagenhersteller seiner Heimatstadt, die Ulmer Firma Magirus Deutz.
Bierdeckel als Startschuss zur Vermarktungsoffensive
Die Unterschrift wurde auf einem Bierdeckel in der Münchner Weißwurst-Wirtschaft "Franziskaner" geleistet. Bierdeckel können etwas Inspirierendes haben. Bald darauf verkündete Hoeneß: "Wir gründen die FC Bayern GmbH und werden von jetzt an alles selbst vermarkten: das Emblem, den Namen, T-Shirts, Bettwäsche, Schlafanzüge, Streichholzschachteln und Bierdeckel: einfach alles." Heute versucht jede bessere Kneipenmannschaft so ihr Glück. Damals war es die Modernisierung des deutschen Fußballgeschäfts.
Viele Menschen haben Hoeneß vorgeworfen, er habe die Seele seines Sports verkauft, aber wenn man ihn in seinem Zimmer in der Bayern-Zentrale an der Säbener Straße besucht, stellt man schnell fest, wie falsch die Legende vom kalten, glatten Fußballkonzern ist.
Mit den Korbmöbeln sieht es so gemütlich aus wie in einer alpenländischen Frühstückspension. An der Wand hängt ein Foto des Triumphs von Mailand 2001, samt dem bekannten Transparent der Fans "Heute ist ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben". Dieses Hauptquartier ist das Gegenteil von McKinseyscher Strenge und Effizienz und der einhergehenden totalen Ökonomisierung des Lebens.
Eine Vision, 34 Mark und die Ersatzbank
Eigentlich ist der vollglobalisierte Turbokapitalismus, der inzwischen seine Gesetze modellhaft am Fußball durchdekliniert, Hoeneß ein Graus. Manchester United? Gehört Amerikanern, die ihr Geld mit Fischkonserven verdient haben. Der FC Chelsea aus London? Einem russischen Oligarchen. Bayern München gehört bis auf knapp 20 Prozent Bayern München, also den Mitgliedern des Vereins. Auf diesem grundsoliden Fundament ist nun nach drei Jahrzehnten Hoeneß eine neue Zeit angebrochen.
Im Grunde ist Hoeneß der schlitzohrige Schwabe geblieben, der er stets war, und es gibt wenig, was so viel über ihn sagt, wie jene Anekdote aus der Zeit, als er 13 Jahre alt war, kein Geld hatte, wohl aber eine Vision. Damals lag in einem Sportgeschäft in Ulm ein Ball im Fenster.
Dieser war schwarzweiß, kostete 34 Mark und Hoeneß fuhr vier Wochen lang mit den Fahrrad hin, um zu sehen, ob der Ball noch da war. Er suchte sich einen Job als Beifahrer, verdiente die 34 Mark, kaufte den Ball. "Damit war ich der König", sagt Hoeneß. "Wenn ich mit dem Flutlichtball auf die Wiese kam, konnte ich sagen: Du darfst mitspielen, du darfst mitspielen und du nicht." Und er fügt genüsslich hinzu: "Damals gab es bei uns auf der Spielwiese noch eine Ersatzbank."
Man darf also davon ausgehen, dass Hoeneß auch als Präsident des FC Bayern in den kommenden Jahren mitspielen wird. Eher weit vorne, nicht auf der Ersatzbank.
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