Von Thomas Hüetlin
Man kann es natürlich so halten wie der ehemalige Bremer Innensenator und UN-Sonderbeauftragte Willi Lemke, der jedesmal den Fernseher abschaltet, wenn Uli Hoeneß ins Bild kommt. Man kann es auch so sehen wie die Fans in vielen Stadien nördlich der Allianz-Arena, wo Hoeneß manchmal immer noch mit "Hoeneß, du Arschloch" begrüßt wird - so als sei er der amerikanische Finanzbetrüger Bernard Madoff, der seinen Gläubigern nicht im Gerichtssaal, sondern unter Flutlicht begegnet.
Fußball ist oft ritualisierte Feindschaft und niemand wird in Kicker-Deutschland mehr gehasst als jener Verein, der mit 21 Meistertiteln und 14 Pokalsiegen das Land beherrscht. Und logischerweise hat niemand mehr Neider als der Architekt dieser Dominanz, der frühere Manager und neue Präsident, Uli Hoeneß. Hoeneß hat diese Ablehnung oft genossen, es hat ihn angetrieben, wenn die Fans beispielsweise auf dem Betzenberg in Kaiserslautern oder vor dem Weserstadion in Bremen den Bayern-Bus bedrängten. Es waren Attacken, die seinen Adrenalinspiegel steigen ließen und die er gern mit der Antwort quittierte, man müsse halt wieder "arroganter werden".
Gewiss, eine Haltung, die polarisierte. Eine Haltung, die hieß: Bayern gegen den Rest des Landes. Eine Haltung, die vielen Fußballfans in Deutschland bis heute manchmal wenigstens eine kleine Freude sichert. Glück ist für sie, wenn Bayern verliert. Egal gegen wen.
Schadenfreude ist der Triumph der Kleinmütigen und Verzagten. Hoeneß hatte mit Vergnügungen dieser Art selten etwas am Hut. Einen großen Teil seines Erfolges verdankt er der Tatsache, dass er Verantwortung übernimmt. In guten und in schlechten Zeiten. Vor allem das mit den schlechten Zeiten ist wichtig. Denn Hoeneß weiß, wie sich das anfühlt. Er war Sportinvalide mit 27. Ein Spieler mit einem kaputten Knie, der auf Leihbasis in Nürnberg ein paar Mark verdiente. Hoeneß wurde nicht Manager, weil er die Macht auf Biegen und Brechen an sich reißen wollte. Er nahm den Job hinterm Schreibtisch an, weil seine Zeit auf dem Rasen abgelaufen war.
Wohlfeile, selbstgeschnitzte Imagepflege könnte man sagen, eine Art "Wort zum Samstag" - gäbe es beim FC Bayern nicht eine Menge Menschen, denen Hoeneß zur Seite stand, als sich deren Lebensumstände verdüsterten.
Der Fall Deisler und Hoeneß' Gästebett
Gerd Müller gehört dazu, der "Bomber der Nation", der im amerikanischen Exil in Fort Lauderdale angefangen hatte zu saufen, und den, wieder zu Hause, Hoeneß in eine Entzugsklinik schaffte, ihn dort fast jeden Tag besuchte und ihm danach einen Job als Jugendtrainer bei den Bayern beschaffte. Mehmet Scholl gehört dazu, der sich als Dauerverletzter über die Runden schleppte und dem Hoeneß trotzdem immer wieder einen Vertrag gab, obwohl viele im Team, Trainer inklusive, den Dribbelkönig a.D. längst aufgegeben hatten.
Und natürlich Sebastian Deisler. Jetzt, nach der Tragödie von Hannover, weiß man vielleicht erst wirklich zu schätzen, wie sich Hoeneß damals für den als "depressiv" stigmatisierten Deisler ins Zeug legte. Depressive empfinden sich als schwach, sie haben Angst zu versagen, ihre Situation erscheint ihnen ausweglos. Sie haben Angst - vor allem fürchten sie Menschen, die in der Hierarchie über ihnen stehen und zusätzlich Druck auf sie ausüben können. Menschen, die eine Position einnehmen wie Uli Hoeneß damals.
Trotzdem vertraute sich Deisler Hoeneß an, als dieser ihn anrief: "Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Ich brauche Hilfe", sagte Deisler. Hoeneß verständigte Trainer Ottmar Hitzfeld. Zusammen fuhren sie zu Deislers Wohnung in den Münchner Vorort Grünwald. Zwei Tage später begab sich Deisler ins Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Hoeneß hielt zu Deisler, er gab ihm einen neuen Vertrag, er betrachtete Rückschläge als Teil der Krankheit, er hatte Geduld - erst Recht, als einige Bayern-Profis den Angeschlagenen als "Deislerin" verhöhnten.
Im Trainingslager in Dubai, als die Depression erneut nach Deisler griff, rief jener wieder Hoeneß an. Hoeneß war schon auf dem Weg ins Bett, er bat Deisler trotzdem herein. Sie redeten stundenlang, schließlich schlief Deisler in Hoeneß' Gästezimmer ein. So ging es ein paar Nächte lang, trotzdem stand am Ende dieser Gespräche der Entschluss Deislers, seine Karriere zu beenden. Er konnte nicht mehr. Hoeneß, der einmal die Rekordablöse von 20 Millionen Mark für dieses Talent bezahlt hatte, von dem es hieß, es sei der "Retter des deutschen Fußballs", blieb nichts anderes übrig, als Deisler bei seinem Entschluss zu unterstützen.
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