Neu-Präsident Uli Hoeneß: Diener und Herr der Bayern

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Feindbild und Symbolfigur: Uli Hoeneß hat als Manager den FC Bayern sportlich und finanziell zum Giganten des deutschen Fußballs gemacht. Dabei war er auch das soziale Gewissen des Clubs. Er erntete Hass von Konkurrenten und gegnerischen Fans - und genoss die Ablehnung, die ihm entgegenschlug.

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Künftiger Bayern-Präsident Hoeneß: Menschenfreund mit Geschäftssinn

Man kann es natürlich so halten wie der ehemalige Bremer Innensenator und UN-Sonderbeauftragte Willi Lemke, der jedesmal den Fernseher abschaltet, wenn Uli Hoeneß ins Bild kommt. Man kann es auch so sehen wie die Fans in vielen Stadien nördlich der Allianz-Arena, wo Hoeneß manchmal immer noch mit "Hoeneß, du Arschloch" begrüßt wird - so als sei er der amerikanische Finanzbetrüger Bernard Madoff, der seinen Gläubigern nicht im Gerichtssaal, sondern unter Flutlicht begegnet.

Fußball ist oft ritualisierte Feindschaft und niemand wird in Kicker-Deutschland mehr gehasst als jener Verein, der mit 21 Meistertiteln und 14 Pokalsiegen das Land beherrscht. Und logischerweise hat niemand mehr Neider als der Architekt dieser Dominanz, der frühere Manager und neue Präsident, Uli Hoeneß. Hoeneß hat diese Ablehnung oft genossen, es hat ihn angetrieben, wenn die Fans beispielsweise auf dem Betzenberg in Kaiserslautern oder vor dem Weserstadion in Bremen den Bayern-Bus bedrängten. Es waren Attacken, die seinen Adrenalinspiegel steigen ließen und die er gern mit der Antwort quittierte, man müsse halt wieder "arroganter werden".

Gewiss, eine Haltung, die polarisierte. Eine Haltung, die hieß: Bayern gegen den Rest des Landes. Eine Haltung, die vielen Fußballfans in Deutschland bis heute manchmal wenigstens eine kleine Freude sichert. Glück ist für sie, wenn Bayern verliert. Egal gegen wen.

Schadenfreude ist der Triumph der Kleinmütigen und Verzagten. Hoeneß hatte mit Vergnügungen dieser Art selten etwas am Hut. Einen großen Teil seines Erfolges verdankt er der Tatsache, dass er Verantwortung übernimmt. In guten und in schlechten Zeiten. Vor allem das mit den schlechten Zeiten ist wichtig. Denn Hoeneß weiß, wie sich das anfühlt. Er war Sportinvalide mit 27. Ein Spieler mit einem kaputten Knie, der auf Leihbasis in Nürnberg ein paar Mark verdiente. Hoeneß wurde nicht Manager, weil er die Macht auf Biegen und Brechen an sich reißen wollte. Er nahm den Job hinterm Schreibtisch an, weil seine Zeit auf dem Rasen abgelaufen war.

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Uli Hoeneß: Zwei erfolgreiche Karrieren
Der damalige Masseur der Bayern, Josef Saric, hatte ihm die Nachricht gesteckt, als Hoeneß bei ihm auf der Massagebank lag. "Uli, du musst aufpassen. Sie wollen dich verkaufen, sobald du wieder laufen kannst." Hoeneß hat seine Reaktion Jahre später so formuliert: "In dem Moment dachte ich: Das wird es später bei mir nicht geben, dass einer, der gerade schwach ist, Angst um seinen Arbeitsplatz haben muss. Starken muss man manchmal Angst machen, aber Schwache einschüchtern? Das bringen nur Schwache fertig."

Wohlfeile, selbstgeschnitzte Imagepflege könnte man sagen, eine Art "Wort zum Samstag" - gäbe es beim FC Bayern nicht eine Menge Menschen, denen Hoeneß zur Seite stand, als sich deren Lebensumstände verdüsterten.

Der Fall Deisler und Hoeneß' Gästebett

Gerd Müller gehört dazu, der "Bomber der Nation", der im amerikanischen Exil in Fort Lauderdale angefangen hatte zu saufen, und den, wieder zu Hause, Hoeneß in eine Entzugsklinik schaffte, ihn dort fast jeden Tag besuchte und ihm danach einen Job als Jugendtrainer bei den Bayern beschaffte. Mehmet Scholl gehört dazu, der sich als Dauerverletzter über die Runden schleppte und dem Hoeneß trotzdem immer wieder einen Vertrag gab, obwohl viele im Team, Trainer inklusive, den Dribbelkönig a.D. längst aufgegeben hatten.

Und natürlich Sebastian Deisler. Jetzt, nach der Tragödie von Hannover, weiß man vielleicht erst wirklich zu schätzen, wie sich Hoeneß damals für den als "depressiv" stigmatisierten Deisler ins Zeug legte. Depressive empfinden sich als schwach, sie haben Angst zu versagen, ihre Situation erscheint ihnen ausweglos. Sie haben Angst - vor allem fürchten sie Menschen, die in der Hierarchie über ihnen stehen und zusätzlich Druck auf sie ausüben können. Menschen, die eine Position einnehmen wie Uli Hoeneß damals.

Trotzdem vertraute sich Deisler Hoeneß an, als dieser ihn anrief: "Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Ich brauche Hilfe", sagte Deisler. Hoeneß verständigte Trainer Ottmar Hitzfeld. Zusammen fuhren sie zu Deislers Wohnung in den Münchner Vorort Grünwald. Zwei Tage später begab sich Deisler ins Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Hoeneß hielt zu Deisler, er gab ihm einen neuen Vertrag, er betrachtete Rückschläge als Teil der Krankheit, er hatte Geduld - erst Recht, als einige Bayern-Profis den Angeschlagenen als "Deislerin" verhöhnten.

Im Trainingslager in Dubai, als die Depression erneut nach Deisler griff, rief jener wieder Hoeneß an. Hoeneß war schon auf dem Weg ins Bett, er bat Deisler trotzdem herein. Sie redeten stundenlang, schließlich schlief Deisler in Hoeneß' Gästezimmer ein. So ging es ein paar Nächte lang, trotzdem stand am Ende dieser Gespräche der Entschluss Deislers, seine Karriere zu beenden. Er konnte nicht mehr. Hoeneß, der einmal die Rekordablöse von 20 Millionen Mark für dieses Talent bezahlt hatte, von dem es hieß, es sei der "Retter des deutschen Fußballs", blieb nichts anderes übrig, als Deisler bei seinem Entschluss zu unterstützen.

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Forum - Bayern ohne Uli Hoeneß - eine neue Zeitrechnung beim FCB?
insgesamt 114 Beiträge
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1.
Rainer Daeschler 27.11.2009
Zitat von sysopFür den FC Bayern hat die Post-Hoeneß-Ära begonnen. Wohin führt der Weg des Rekordmeisters ohne den umtriebigen Manager? Oder zieht Hoeneß hinter den Kulissen weiter die Fäden?
Von Post-Hoeneß-Ära kann hier überhaupt nicht die Rede sein, ebensowenig von Fäden ziehen im Hintergrund. Die zieht er weiter, und zwar ganz vorne, so wie es seine neuen Ämter ihm ganz offiziell einräumen. Wir haben es hier mit zwei paralleln Organisationsformen zu tun: 1. FC Bayern München e.V. 2. FC Bayern München AG Die Position von Uli Hoeneß; *Bisher:* Stellvertretender Vorstandsvorsitzender FC Bayern München AG *Ab jetzt:* Präsident FC Bayern München e.V. Aufsichtsratsvorsitzender FC Bayern München AG Es gibt also ab jetzt mehr Uli, nicht weniger.
2.
christian simons 27.11.2009
Zitat von sysopFür den FC Bayern hat die Post-Hoeneß-Ära begonnen. Wohin führt der Weg des Rekordmeisters ohne den umtriebigen Manager? Oder zieht Hoeneß hinter den Kulissen weiter die Fäden? Diskutieren Sie mit!
Stellt Euch mal vor, die Bayern verlieren und alles, was wir geboten bekommen, ist ein indignierter Rummenigge. Ich habe Talkshows gesehen, in denen Hoeneß mit Markus Söder kurz vor einer Wirtshausschlägerei stand. Sowas ist unbezahlbar und definitiv nicht mit sieben Euro in der Südkurve zu finanzieren. Uli Hoeneß ist neben Bernd, dem Brot der Einzige in diesem Land, der die schützenswerte Minderheit der Übellaunigen würdig repräsentiert. Go, Uli, go.
3. Bayern München.....
Realisti 28.11.2009
Ich habe jetzt gerade den Artikel gelesen. Ich stelle fest: Bayern München = viel Geld, aber wenig Fussballkunst! Daran ändert sich vorläufig nichts, wo auch immer sich Uli Hoeness aufhalten wird....
4. ##
lemming51 28.11.2009
Zitat von sysopFür den FC Bayern hat die Post-Hoeneß-Ära begonnen. Wohin führt der Weg des Rekordmeisters ohne den umtriebigen Manager? Oder zieht Hoeneß hinter den Kulissen weiter die Fäden? Diskutieren Sie mit!
Hoeneß. dieser Metzgerbengel, IST der FC Bayern. Ganz einfach. Brutal, gnadenlos, schwarz, effizient.
5. Rummenigge statt Hoeneß
JW2008 28.11.2009
Zitat von Rainer DaeschlerEs gibt also ab jetzt mehr Uli, nicht weniger.
Das ist natürlich Quatsch: Für das tägliche und operative Geschäft der FC Bayern AG wird nun Rummenigge noch mehr das Sagen haben (und Hoeneß eben nicht mehr!) mit nicht unerheblichen Folgen inbes. für die Fans (besser: Kunden) des FC Bayern. Die letzte Stufe der totalen Kommerzialisierung ist mit der Gründung der Aktiengesellschaft und dem Verkauf von Aktien an adidas und audi bereits geebnet worden. Und jetzt wird man unter Rummenigge ohne Hoeneß beim FC Bayern noch weniger Skrupel haben sich selbst noch mehr zu verkaufen an Sponsoren und "Investoren". Schon heute (noch mit Hoeneß) hat sich der Fußball nirgendwo sonst in Deutschland von seinen Ursprüngen so weit entfernt wie beim FC Bayern. Es wird unter Rummenigge nur noch mehr um Profitmaximierung gehen. Traditionelle Anhänger und mündige Fans werden beim FC Bayern noch weniger Platz haben als schon jetzt; da nützen die ankekündigten Fantreffen des Frühstückdirektors Hoeneß auch nicht mehr viel, wenn Hoeneß im täglichen Geschäft der AG nichts mehr zu suchen hat. Der FC Bayern wird ohne Hoeneß im täglichen Geschäft noch mehr ein auf Profitmaximierung getrimmtes Unternehmen ohne jeden Charme. Man muss sich ja nur heute schon einmal an der Säbener Straße umsehen. Die hohen Zäune dort um die Trainingsplätze verhindern, dass die Anhänger den Fußball-Millionarios zu nahe kommen und die Klub-Zentrale sieht aus wie geleckt und erinnert an den Stammsitz einer Immobiliengesellschaft. Die Handvoll leidenschaftlicher Fans, die der FC Bayern neben den unzähligen Kunden noch hat, werden von der künftigen AG-Führung (ohne Hoeneß) noch mehr wie Dreck am Ärmel behandelt. Der Abgang von Hoeneß aus dem täglichen Geschäft der AG macht den Profifußball dort endgültig zum reinen Wirtschaftsunternehmen, wo Gewinn per Definition die oberste Maxime sein wird. Wer dieser Aktiengesellschaft als echter Fan wirklich emotional noch anhängt, wird - trotz all der sportlichen Erfolge - von mir nicht beneidet, sondern verdient mein Mitleid.
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