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Neue Studie: Verdeckter Rassismus in deutschen Stadien nimmt zu

Von Tobias Betz

Aachen, Halle, Rostock - Gewalt und Rassismus gehören zum traurigen Alltag auf Deutschlands Fußballplätzen. Eine neue Studie zeigt: Rassistische Diskriminierung findet man vor allem in den unteren Ligen und in ostdeutschen Vereinen. In der Bundesliga ist es vergleichsweise ruhig.

Berlin - Die Euphorie der Fußball-WM ist noch nicht vergessen, da kehrt ein schlechter alter Bekannter zurück in die deutschen Stadien: Kaum ein Wochenende verging im vergangenen Vierteljahr ohne Berichte von rassistischen Gesängen aus den Kurven, offenen Bekenntnissen von Fußballfans zu rechtsradikalen Gruppierungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Wissenschaftler Pilz: "Verdeckte Codes und Symbole"
Getty Images

Wissenschaftler Pilz: "Verdeckte Codes und Symbole"

Eine neue Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) belegt nun, dass Rassismus zum Fußballalltag gehört. Vor allem in den unteren Ligen und im Osten der Republik hat der Rassismus die Fangemeinden unterwandert. Laut der Studie, die heute von einem Forscherteam unter Leitung von Gunther Pilz in Berlin vorgestellt wurde, ist der Rassismus im deutschen Fußball in den letzten Jahren nicht verschwunden - er wird nur zunehmend verdeckt praktiziert.

Zwar ergaben die Untersuchungen einen Rückgang von rassistischen Ausfällen, doch bezieht sich dies nur auf die öffentliche Wahrnehmung in den Stadien von Profi-Vereinen. "Der offene Rassismus ist zur Ausnahme geworden. Durch intensivere Gegenmaßnahmen hat eine Verlagerung des verbalen Rassismus in das Umfeld der Stadien und in die unteren Ligen stattgefunden", fasst Pilz die Kernaussage der Ergebnisse zusammen.

Rassismus wird unsichtbar für Außenstehende

Soll heißen: Im Stadion - dort wo die Medien über Fußball als Event berichten - herrscht meist trügerische Ruhe. Allerdings ist der Rassismus dort edoch noch nicht komplett verschwunden - er wird nur zunehmend unsichtbar für alle, die nicht zur Gruppierung gehören. "Verdeckte Codes und Symbole" machen es auch für die Sicherheitsbehörden schwer, dagegen zu ermitteln. Auch subtiler Rassismus sei weiterhin im Fußball vorhanden. So würden ausländische Fußballspieler oftmals schneller kritisiert. Wesentlich offener wird rassistisches Verhalten dagegen im Stadionumfeld - etwa bei der Anreise der Fans - ausgelebt.

Keine Scheu, ihre rassistische Gesinnung offen zu zeigen, haben nach Aussage von Pilz vor allem Fans aus den unteren Ligen. Fehlende Medienpräsenz, weniger Fanprojekte und eine schwächere Kontrolle durch Stadionordner und Polizei ermuntern Rechtsextreme dabei. Besonders im Osten kennt man dieses Problem: Viele Fußballvereine in den neuen Bundesländern spielen in den unteren Ligen, rassistische und rechtsextreme Aktionen gehören dort zum Alltag im Fußball. Überraschend: Auch auf den teuren Sitzplätzen fand man rechtsextreme Anhänger, die durch rassistisches Verhalten auffällig wurden.

DFB-Aktionen zur Schadensbegrenzung

Die Erkenntnisse des Forscherteams stehen im Kontrast zu den jüngsten Fällen von Gewalt und Rassismus im Fußball: In Aachen skandierten Fußballfans rassistische Gesänge, in Rostock wurde Nationalspieler Gerald Asamoah aufgrund seiner Hautfarbe von den Zuschauern mit Affenrufen beleidigt. Auch beim gestrigen EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalelf hängten einige mitgereiste Anhänger rechtsextremistische Fahnen auf und skandierten Parolen wie "Zick-Zack-Zigeunerpack".

Der DFB reagierte hektisch auf die jüngsten Ereignisse. DFB-Präsident Theo Zwanziger betonte am Tag nach Bratislava, dass man sich im Kampf gegen jede Form der Diskriminierung "kein wackeln" erlauben dürfe. Der DFB-Sicherheitsbeauftrage Alfred Sengle kündigte an, dass der DFB nun "seine Anstrengungen erhöhen wolle." So sei nach Sengeles Angaben ein groß angelegtes Fanforum im kommenden Jahr geplant. Fanbeauftragte und freie Fangruppierungen sollen sich mit Vertretern des DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) an einem Runden Tisch zusammensetzen, um über Rassismus und Gewalt zu diskutieren.

Außerdem soll die deutsche Nationalmannschaft in einem Fernsehspot Farbe im Kampf gegen Rassismus bekennen. Für den 8. Spieltag der laufenden Bundesligasaison plant der DFB einen Aktionstag: Unter dem Motto "Zeig dem Rassismus die Rote Karte" werden in allen Stadien Rote Karten an die Fans verteilt. Sengle bekräftigte die Entschlossenheit des DFB im Kampf gegen Rassismus: "Am Geld werden wir es nicht scheitern lassen."

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