Von Mike Glindmeier
Eine Komödie ist ein Drama mit erheiterndem Handlungsablauf, das in der Regel glücklich endet. So steht es im Internetlexikon "Wikipedia" geschrieben. Diese Definition passt zu dem Wechseltheater um Nationaltorhüter Manuel Neuer, bei dem gestern zur Erleichterung aller Beteiligten der letzte Vorhang fiel.
Es gibt viele Bezeichnungen für das Berechenbare im Fußball. Mal wird es "Mechanismus des Marktes" genannt, mal spricht man von "eigenen Gesetzen". Für den FC Bayern gilt dabei das Naturgesetz, dass am Ende immer der Stärkere - also der Rekordmeister - gewinnt. So war es auch im Transferfall Manuel Neuer.
Monatelang strapazierten die Beteiligten die Nerven der Fans. Er wechselt, er wechselt nicht, er wechselt - wer keine Gänseblümchen zur Hand hatte, konnte sich täglich neue Nahrung in der Gerüchteküche holen. Umso größer war die Erleichterung, als Neuer Ende April unter Tränen seinen Abschied vom FC Schalke verkündete.
Doch damit fing die Komödie erst richtig an. Denn was damals bereits für die meisten fußballaffinen Menschen klar war, traute sich zunächst keiner der Betroffenen offen auszusprechen: Neuers Wechsel zu den Bayern war schon zu diesem Zeitpunkt beschlossene Sache. Der 25-Jährige werde seinen bis 2012 laufenden Vertrag nicht verlängern, lautete dagegen die offizielle Sprachregelung.
Erstaunlich zurückhaltende Münchner
Dabei hatten die Bayern zwei Tage vor Neuers emotionaler Pressekonferenz den Druck auf ihren Wunschtorhüter sanft erhöht. "Es gibt eine klare Tendenz. Die Frage ist nur, wie schnell man eine Lösung findet", hatte Sportdirektor Christian Nerlinger damals gesagt. Und Uli Hoeneß feixte: "Ich kenne Manus Entscheidung."
Spätestens hier griffen dann tatsächlich die Mechanismen des Marktes. Mit dem kleinen aber entscheidenden Unterschied, dass es diesmal um mehr ging als um die Höhe der Ablösesumme. Schalke war zu dem Zeitpunkt, als Neuer seine Nicht-Vertragsverlängerung verkündete, noch im Halbfinale der Champions League vertreten und freute sich auf das DFB-Pokalfinale gegen Zweitligist Duisburg.
Die Verkündung eines Wechsels hätte beiden Clubs geschadet. Der FC Schalke hätte seine sportlichen Ziele gefährdet, der FC Bayern seinen Ruf als Unruhestifter aufpoliert. Zudem waren die Fans auf beiden Seiten von der Wechselvorstellung alles andere als begeistert. Also zeigten sich die Münchener geradezu generös rücksichtsvoll und hielten erst einmal die Luft an.
Diese schien noch einmal ein wenig dünner zu werden, als der FC Schalke den DFB-Pokal gegen den MSV Duisburg gewann und sich somit für den potentiell lukrativen europäischen Wettbewerb qualifizierte. Jetzt übernahm Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies die Regie: Im Siegesrausch versprach Tönnies den Fans, für den Verbleib ihres Idols zu kämpfen. Man konnte Tönnies viel unterstellen: Größenwahn, Populismus, Realitätsferne - immerhin bäumte er sich noch einmal gegen die großen Bayern auf.
"Ich lasse einen Manuel Neuer nicht so einfach gehen. Er ist für mich wie ein Sohn. Ich bin strikt gegen diesen Transfer. Ich will Manuel den Bayern noch aus dem Rachen reißen", hatte der Unternehmer in der "Bild"-Zeitung gesagt und somit ein letztes Mal die Spannung erhöht.
Fleischgroßhändler vs. Wurstfabrikant
Da war es plötzlich doch noch, das Duell zwischen dem Fleischgroßhändler Tönnies und dem Wurstfabrikanten Hoeneß. Doch wer gedacht hatte, dass Uli Hoeneß die Zähne fletscht, wurde enttäuscht. Der früher so angriffslustige Manager hat mit dem Antritt des Präsidentenamtes offenbar auch ein Schweigegelübde abgelegt.
Schalke inszenierte in der vergangenen Woche immer wieder hochkarätig besetzte Sondertreffen zum Thema Neuer. Mal wurde der Termin verschoben, mal die Entscheidung vertagt. Neuer blieb erstaunlich gelassen, von Uli Hoeneß war fast gar nichts zu hören, lediglich Karl-Heinz Rummenigge meldete sich Mitte der vergangenen Woche einmal kurz aber präzise zu Wort: "Als wir uns in Berlin getroffen haben, da sind die Dinge so weit geklärt worden, dass ich von einer endverhandelten Vereinbarung sprechen kann. Darauf hat man sich die Hand gereicht. Es waren fünf Leute im Raum", sagte der FCB-Vorstandsvorsitzende der "Bild"-Zeitung.
Dann passierte einige Tage wenig. Nur Neuers Berater meldete sich kurz und sagte, dass eine Vertragsverlängerung auf Schalke ausgeschlossen sei. Jetzt griffen wieder die Mechanismen des Marktes. Bayern hatte gewonnen, es ging nur noch um die Ablösesumme. Die soll am Ende bei 18 Millionen Euro plus sieben Millionen Nachschlag liegen. Neuer erhält einen Fünfjahresvertrag, die Bayern bekommen ein Titanchen.
So sind am Ende der Aufführung wirklich fast alle glücklich. Bis auf die Schalker Fans. Denen blieb in dieser Komödie nur die Statistenrolle.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Schalke 04 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH