Neues Bayern-Buch Ein Rebell namens Breitner

Ende der Siebziger war der erfolgsverwöhnte FC Bayern nur noch der Abklatsch eines Spitzenteams. In einem neuen Buch über den Münchner Club schildert Thomas Hüetlin, wie Paul Breitner das Kommando übernahm und mit anderen den Verein wieder nach vorne brachte.


Es war der 24. März 1979, Wilhelm Neudecker saß im "Aktuellen Sportstudio", und er trug einen dunklen Anzug. Der ehemalige Bauunternehmer trat immer noch auf wie der Präsident des FC Bayern München, der er aber nicht mehr war. Fünf Tage zuvor hatte Neudecker seinen Rücktritt erklärt. Es war der Rückzug von einer der bestausgeleuchteten Bühnen, die Deutschland zu vergeben hatte. Neudecker hatte sie mit seinem Willen und seiner Härte mit aufgebaut, aber jetzt wollte er nicht mehr. Es gab keinen Fußballclub in Deutschland, der mit seiner Gesamtgeschichte auch nur heranreichte an die Erfolge, welche Neudeckers Ära glänzen ließen.

Siebzehn Jahre hatte er an der Spitze des Clubs gestanden - seine Bilanz: vier Mal Deutscher Meister, vier Mal deutscher Pokalsieger, einmal Gewinner im Europapokal der Pokalsieger, drei Mal Gewinner im Europapokal der Landesmeister, einmal Gewinner des Weltpokals. Aber jetzt war Neudeckers Zeit zu Ende, und er wusste es. Er hatte Beckenbauer ziehen lassen. Er hatte Müller abserviert. Jetzt war er selbst an der Reihe. Ein Mann von gestern, der bessere Zeiten gesehen hatte. Einer, der die Straße zum Erfolg nicht mehr voranschritt, sondern bloß noch im Weg stand. Neudeckers Rücktritt war überfällig gewesen, aber weil seine Eitelkeit, befeuert durch die Erfolge der Bayern in den sechziger und siebziger Jahren, verletzt war, wollte er noch eine Rechnung begleichen.

Der Despot, der sich selbst gestürzt hatte, suchte einen Schuldigen für seinen Fall. Eine knappe Woche hatte er geschwiegen, aber jetzt am Samstagabend, im "Aktuellen Sportstudio" mit Harry Valérien, war die Stunde der Vergeltung gekommen. Es galt eine Verschwörung aufzudecken: Die Revolution einer Mannschaft gegen ihren obersten Herrscher - den Präsidenten. Der leise malmende Zorn des weißhaarigen Patriarchen an diesem Abend ließ keinen Zweifel daran, dass Neudecker der Meinung war, dieser Aufstand sei eigentlich ein Fall für die Polizei. Aber weil sich die Welt nicht mehr im 17. Jahrhundert befand, sondern im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, war es bloß ein Fall für Harry Valérien.

Neudecker saß bequem im Fernsehstuhl, aber er wirkte hilflos, als stünde er auf der Straße und jemand habe ihm den Mercedes geklaut. "Ich habe meiner Frau gesagt: 'Mutti, ich trete zurück und werde nicht mehr kandidieren.' Ich bleibe selbstverständlich Mitglied und meine Familie auch. Meinem Enkel habe ich schon an dem Tag seiner Geburt aufnehmen lassen und den Beitrag auf sechzig Jahre im Voraus bezahlt", erklärte Neudecker grimmig. Der Schuldige an der Revolte gegen ihn, daran ließ Neudecker keinen Zweifel, hieß Breitner - jener Profikicker und Hobbyrevolutionär, den er 1974 an Real Madrid verkauft hatte in der Hoffnung, ihn höchstens als unterlegenen Gegner bei Europacupspielen wiedersehen zu müssen.

Breitners majestätische Aura

Jenen Breitner hatte er im Sommer 1978 zurückgeholt - gegen seine innerste Überzeugung. Gegen seine Werte. Gegen seinen Instinkt. Aber für den FC Bayern, der nach dem Weggang von Beckenbauer und dem Verglimmen von Müller einen neuen Häuptling brauchte auf dem Feld. Es war ein spätes Einlenken ins Unvermeidliche. Trainer Dettmar Cramer hatte den krausbärtigen Wüterich schon viel früher von Real Madrid nach München zurückholen wollen. Aber Neudecker hatte sich lange erfolgreich gewehrt. Doch die Vorurteile Neudeckers schmolzen angesichts jener majestätischen Aura, welche Breitner umgab, seit er 1977 in die Bundesrepublik zurückgekehrt war als eine Art privates Luxusspielzeug des Jägermeister-Millionärs und Präsidenten von Eintracht Braunschweig, Günter Mast.

Breitner war eine Saison lang gerannt wie ein Wahnsinniger; er hatte auch wie ein Wahnsinniger geschimpft; er hatte zehn Tore geschossen; und darüber hinaus so getan, als habe er das vertraglich festgeschriebene Recht, jeden Freistoß, jede Ecke, jeden Einwurf selbst auszuführen. Dennoch hatte er seine Mitspieler nicht mitgerissen, sondern war ihnen bloß auf die Nerven gefallen. Eintracht Braunschweig belegte am Ende der Saison Platz 13 - Bayern München auch nur Platz 12 -, und Breitner sagte seinen Kollegen zum Schluss in der Kabine: "Ich tue euch jetzt den Gefallen und gehe." Er verabschiedete sich für die Summe von 1,96 Millionen Mark.

Bayer Breitner: "Ich kam in eine völlig desolate Mannschaft"
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Bayer Breitner: "Ich kam in eine völlig desolate Mannschaft"

Der Mann, mit dem er jetzt wieder wie in den frühen siebziger Jahren bei Trainingslagern und Auswärtsspielen das Zimmer teilte, Uli Hoeneß, hatte den Ulmer Lastwagenhersteller Magirus Deutz überredet, als sportfremde Firma auf den Trikots der Münchner zu werben. Die Summe von 600.00 Mark, welche dafür gezahlt wurde, investierten die Bayern in den Transfer von Breitner, sozusagen als erste Auszahlung. "Der Kontakt kam über Uli Hoeneß zustande, der einen Sponsorenvertrag mit Magirus Deutz besorgt hatte, allerdings unter der Voraussetzung, diese Summe ausschließlich für meinen Transfer zu verwenden", erklärte Breitner später stolz. Das war nur die erste Bedingung der beiden Freunde gewesen, weitere sollten folgen. Sie wollten zurück an die Spitze.

Auf ihrem Weg an die Tabellenspitze, das ahnten die beiden, mussten sie früher oder später auch die obersten Plätze in der Hierarchie des Clubs erobern. Sie brauchten Macht nicht nur in der Mannschaft, sondern auch auf der Trainerbank und im Präsidium. Natürlich ging ihre Anmaßung nicht so weit, dass sie öffentlich den Anspruch erhoben, gleichzeitig Regisseure auf dem Spielfeld und Leiter des Vereins zu sein. Aber an ihrem Führungsanspruch ließen sie keinen Zweifel. Vor allem Breitner verbreitete den Eindruck, dass er nicht zurückgekehrt sei, um sich wie ein Schulbub widersprechen zu lassen. Jedenfalls nicht auf Dauer. Schon gar nicht von einem Mann wie Wilhelm Neudecker.

Gleich im Trainingslager zu Beginn der Saison 1978/1979 ging er über zum Generalangriff gegen den Trainer Gyula Lorant. Nichts passte ihm, dem Kosmopoliten des Fußballs. Nicht die Übungen auf dem Platz. Nicht der Speiseplan. Nicht die Wahl der Unterkunft - das biedere Hotel Latscheneck in Mittenwald mit seinen roten Markisen, wollenen Eierwärmern und dem Dreschflegel über dem Bett. Er sei gleich mit Lorant aneinander geraten, bekannte Breitner freimütig in die bereitgehaltenen Mikrophone. "Lorant fehlen die fachlichen Voraussetzungen. Das Trainingslager steht unter einem sehr schlechten Stern. Für den Trainer und mich ist diese Saison eigentlich schon gelaufen."

"Zu viele mittelmäßige Spieler"

Auch von seinen Kollegen hegte Breitner keine sonderlich hohe Meinung. "Ich kam in eine völlig desolate Mannschaft", sagte er später. "Eine Mannschaft, die bestenfalls Mittelmaß war, weil zu viele mittelmäßige Spieler auf der Gehaltsliste standen. Ich habe so lange Stunk gemacht, bis der Trainer gehen musste. Ich habe nachdrücklich gesagt, dass unter der Leitung von Lorant keine Chance besteht, sich zu entfalten." Wie es richtig gehen sollte, das, behauptete Breitner, wisse eigentlich nur einer. Er selbst. "Es ging einzig und allein darum, das Team konsequent an die Leistungsgrenze zu führen. Eine Forderung wie nach einer Trainerentlassung kann man nicht ohne weiteres lauthals hinausposaunen. Das geht nur, indem man das, was man fordert, mit Leistung untermauert. Man muss Leistung bringen, um überhaupt das Recht zu haben, etwas ultimativ zu verlangen."

Beim FC Bayern hangelte man sich 1978 von einem Tiefpunkt zum nächsten. Nach der 4:5-Niederlage im DFB-Pokal-Heimspiel gegen Osnabrück ging die Mannschaft in Düsseldorf am 9. Dezember 1:7 unter. "Ein Fiasko", tobte Neudecker. Am 19. Februar 1979 musste Lorant gehen. Er wurde durch seinen Assistenten Pal Csernai ersetzt. Als die Winterpause begann, hatte Breitner bei seinem Vorhaben, die Burg FC Bayern zu stürmen, ein paar Meter gewonnen. Bergauf, bei Gegenwind und miesem Wetter. Die Sache war dabei, sich in sein Spiel zu verwandeln. Dabei kam ihm nicht ungelegen, dass inzwischen auch Sepp Maier sauer war. Ausgerechnet der lustige, leutselige Torhüter, dessen Aufbegehren gegen den Präsidenten sich lange Zeit darin erschöpft hatte, ihm bei Festbanketten unterm Tisch die Schnürsenkel aufzubinden. Und dieser Maier giftete jetzt lakonisch: "Der Neudecker hat immer ein schönes Weihnachtsgeschenk für uns. Jedes Jahr einen neuen Trainer."

Nach der Winterpause änderte sich nicht viel, außer dass die Mannschaft noch schlechter wurde. Sie verlor in Duisburg 1:3, in Frankfurt 1:2. Das Einzige, was noch Spitzenklasse war bei Bayern, waren die Gehälter. Wie lange, das war die Frage, würde sich der Präsident dieses Team noch leisten können? Sie waren in keinem internationalen Wettbewerb dabei, sie waren im DFB-Pokal gegen einen Zweitligisten ausgeschieden, und jetzt waren sie drauf und dran, auch in diesem Jahr wieder einen Tabellenplatz in der Bundesliga zu verpassen, der zur Teilnahme am Uefa-Cup berechtigt hätte.

"Alles andere als die Deutsche Meisterschaft können wir uns schlecht erlauben", hatte Breitner zu Beginn der Saison getönt. "Eines muss sich ändern, da müssen wieder Pokale stehen", hatte sein Freund Hoeneß geprahlt. Die Leistungen, jetzt in der Mitte der Spielzeit, klangen wie ein Hohn auf diese Prophezeiungen. Der FC Bayern schien nur noch eine Bande von Angebern zu sein, denen die großen Worte in den Mund zurückgeschoben wurden - von Spieltag zu Spieltag. Dann kam der 10. März 1979. Die Mannschaft verlor 0:4 gegen den Aufsteiger Arminia Bielefeld. Zu Hause. Im Olympiastadion.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wie Bayern-Präsident Neudecker auf das Debakel gegen Arminia Bielefeld reagierte - und von der Mannschaft düpiert wurde.



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