Neymars WM-Aus Brasiliens Albtraum

Das Halbfinale erreicht, aber Neymar verloren: Die Sorgen um das WM-Aus des Superstars überlagern die Freude der Brasilianer über den Sieg. Trainer Scolari steht vor der schweren Aufgabe: Wie soll er Neymar im Halbfinale gegen Deutschland ersetzen?

Aus Fortaleza berichtet

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Wenn die Fans der brasilianischen "Seleção" im Stadion ausrasten, ist es so laut wie vor den Lautsprecherboxen eines Rockkonzerts. Als Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo an diesem Abend das WM-Viertelfinale beim Stand von 2:1 (1:0) für Brasilien abpfiff, verstand man selbst auf der Pressetribüne des Castelão-Stadions sein eigenes Wort nicht mehr. Die Brasilianer hatten mit dem Sieg gegen Kolumbien einen weiteren Schritt auf ihrer so wichtigen wie nervenaufreibenden Titelmission gemacht; Trainer Luiz Felipe Scolari nahm den Jubel kaum wahr. In seinen Ohren hallte noch immer etwas anderes nach: die verzweifelten Schreie seines Ausnahmespielers Neymar.

"Er hat laut geweint vor Schmerzen", sagte der niedergeschlagene Scolari nach dem Spiel, "ich glaube, wir haben ihn verloren." Was der Trainer zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Neymar hatte durch das Foul von Juan Zúñiga kurz vor Ende des Spiels einen Bruch des dritten Lendenwirbels erlitten. Diese tragische Diagnose verkündete Rodrigo Lasmar, Teamarzt der Brasilianer, eine knappe Stunde später: "Er wird nicht binnen einer Woche wieder genesen." Die Weltmeisterschaft ist für den 22-Jährigen vorbei.

Das größte vorstellbare Schreckensszenario Brasiliens ist damit eingetreten. Vier Tage vor dem bislang wichtigsten Spiel dieses Turniers, dem Halbfinale gegen Deutschland.

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Neymars WM-Aus: Brasiliens Schock
Neymar ist für Brasilien nicht zu ersetzen

Denn eines ist klar: Ohne Neymar wird die brasilianische Mannschaft, die am Dienstag in Belo Horizonte (22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) gegen Deutschland aufläuft, eine andere sein. Die bisherigen Spiele dieser Weltmeisterschaft haben immer wieder die Abhängigkeit der "Seleção" von ihrem Superstar gezeigt.

Hatte Neymar einen Durchhänger wie in der zweiten Halbzeit gegen Kolumbien oder wurde er durch den Gegner geschickt aus dem Spiel genommen wie im Spiel gegen Chile, hatte Scolaris Team schnell Probleme in Aufbau und Tempo. Bei eigenem Ballbesitz suchten seine Mitspieler meist Neymar und nicht etwa Stürmer Fred in der Spitze; er trat die Freistöße, die Ecken, er sorgte sich darum, dass es seinen Teamkollegen gut geht. "Wir sind sehr von Neymar abhängig, Neymar macht den Unterschied bei uns aus", sagte Kapitän Thiago Silva.

Das wackelige Spielsystem - manch Kritiker behauptete sogar, es gäbe gar keines - fußte beinahe komplett auf dem Barcelona-Angreifer. Neymar ist für Brasilien nicht zu ersetzen.

Thiago Silva ist gesperrt, Júlio César angeschlagen

Scolari weiß das, und obwohl er den abschließenden Befund noch nicht kannte, legte er deshalb die Stirn in Sorgenfalten, als er sagte: "Wir werden versuchen, unsere Mannschaft gegen Deutschland so gut wie möglich umzubauen. Wir haben starke Ersatzspieler auf der Bank." Damit meinte er aber vor allem die defensive Abteilung, denn zu allem Überfluss fehlt gegen Deutschland auch noch Thiago Silva, er hatte seine zweite Gelbe Karte im Turnier gesehen, nachdem er Kolumbiens Torwart David Ospina bei einem Abschlag behindert hatte. Für ihn wird aller Voraussicht nach Bayern Münchens Innenverteidiger Dante in die Startelf rücken.

Ob Keeper Júlio César sich rechtzeitig von der Knieblessur von seinem Foul an Carlos Bacca erholt, ist ebenfalls noch offen. Es ist gut zu verstehen, warum Scolari trotz des Erfolgs nicht in Begeisterungsstürme ausbrach. Nach diesem intensiven, von vielen Fouls geprägten Spiel ist er seinem großen Ziel zwar ein Stück näher. Doch er steht auch vor einer großen Baustelle. Wie soll er seine Mannschaft zusammenstellen, damit sie gegen Deutschland bestehen kann?

Ein wenig Hoffnung und ein paar Erkenntnisse kann Scolari aber durchaus aus der Partie gegen Kolumbien ziehen. Sein Team zeigte in der ersten Halbzeit den bislang besten Fußball bei diesem Turnier. Als hätte es die Diskussion um die psychischen Probleme in den vergangenen Tagen nicht gegeben, ging die "Seleção" befreit und motiviert in dieses Duell, sie dominierte das Spiel über weite Strecken und schaffte es lange Zeit, dass das kolumbianische Talent James Rodríguez wenig bis gar nichts von seinem Können zeigen konnte. "Als es 2:0 stand, haben wir in der zweiten Hälfte ein bisschen Tempo rausgenommen", gestand Scolari, "denn wir müssen nicht immer nur mit aller Kraft aufs Tor gehen."

"Das Gegentor hat uns die Ruhe genommen"

Kolumbien versuchte allerdings, das Spiel noch einmal zu drehen, der von Rodríguez verwandelte Elfmeter war die logische Konsequenz. Und plötzlich war das alte Brasilien wieder da, jenes, das schon nach dem Ausgleich im Achtelfinale gegen Chile Konzept und Orientierung verloren hatte.

"Das Gegentor hat uns die Ruhe genommen", sagte Scolari - und machte damit deutlich, woran seine Elf nach wie vor krankt: Stabilität, Gelassenheit, Konstanz. Zwar hatte sie vor allem in den ersten 45 Minuten mehrfach angedeutet, dass sie durchaus zu großem Fußball fähig ist. Doch es fehlt ihr an Abgezocktheit, ihr Spiel trotz äußerer Störfaktoren aufrechtzuerhalten.

Die Verletzung Neymars ist der heftigste Störfaktor bei dieser WM bislang. Vier Tage haben Scolari und seine Mannschaft nun Zeit, sich einen Plan zu überlegen, wie sie ihm begegnen wollen. Immerhin: Schlimmer kann es nun nicht mehr kommen. Mit Ausnahme des Verpassens des WM-Titels natürlich.

Brasilien - Kolumbien 2:1 (1:0)
1:0 Thiago Silva (7.)
2:0 David Luiz (69.)
2:1 James Rodríguez (80., Foulelfmeter)
Brasilien: Júlio César - Maicon, Silva, David Luiz, Marcelo - Fernandinho, Paulinho (ab 86. Hernanes) - Oscar, Hulk (ab 83. Ramires) - Neymar (ab 88. Henrique) - Fred
Kolumbien: Ospina - Zuniga, Zapata, Yepes, Armero - Guarín, Sanchez - Cuadrado (ab 81. Quintero), James Rodríguez, Ibarbo (ab 46. Ramos) - Gutiíerrez (ab 70. Bacca)
Schiedsrichter: Carlos Velasco Carballo (Spanien)
Zuschauer (in Fortaleza): 60.342 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Thiago Silva, Júlio César - James Rodríguez, Yepes Ballkontakte: 519 / 492
Torschüsse: 5 / 2

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insgesamt 229 Beiträge
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Seite 1
BlakesWort 05.07.2014
1.
Gute Besserung! Neymar habe ich während der WM als fairen, lockeren Sportsmann wahrgenommen. Technisch sicher einer der besten Spieler, den der Fußballplatz je gesehen hat. Der ist mit dem Ball schneller als wirklich schnelle Spieler ohne. Ich hätte ihn gern gegen Deutschland gesehen, wohl wissend, gegen einen Spieler wie ihn kann man nicht verteidigen. Man kann nur hoffen, dass er nicht trifft. Keine Ahnung, was das jetzt für Brasilien bedeutet. Entweder fallen sie auseinander, weil der Druck zu groß ist, oder sie wollen den Titel für das Land und den Star. Deutschland hat gestern wieder eine gute Figur gemacht, weil Löw endlich wieder zum Trainer und nicht Experimetator wurde. Gut so!
Rosa3000 05.07.2014
2. Um so stärker spielen die anderen
Auch wenn er nicht ersetzbar ist, ist die Aufgabe nicht einfacher geworden. Die anderen sind doch nun quasi verpflichtet, für ihn zu gewinnen. Die deutsche Mannschaft steht vor Ihrer schwierigsten Aufgaben seit vielen Jahren. Und bei Erfolg ist man auch "nur" im Finale, statt schon Champion.
lord-link 05.07.2014
3. ohne Worte
Ich finde es sehr schade das Spon das Leid eines Menschens auf Bild Niveau vermarktet.
surgeon 05.07.2014
4. Es ist schon krass, dass
in beiden Viertelfinalen viele Fouls begangen wurden, und auch sonst teils schwere Verletzungen resultieren, und es KEINERLEI Strafen gibt, nicht mal gelb ! Das sind im normalen Leben teils schwere Körperverletzungen, Straftaten ! Damit hat sich für mich ein gewalttätiger Fußball disqualifiziert, auch gesellschaftlich !
boer640 05.07.2014
5.
Ich war zwar für Kolumbien, aber so gegen den Spieler einzusteigen ist ein NoGo. In der Bilderserie stimmt die Bildbeschreibung bei Nr. 12 nicht. In der Anfangsphase waren es gerade die Brasilianer, die mehr gefoult haben. Und Neymar wurde hier rechtzeitig aus dem Spiel genommen. Er konnte sehr häufig nicht angespielt werden.
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