Falsche Kritik an Brasilien-Star Der Weltklassespieler, den niemand sehen will

Zu viel Theater, zu sehr mit sich selbst beschäftigt: Die Kritik an Neymar zieht sich durch die WM. Doch sie ist falsch. Nicht der Spieler ist das Problem - wir Zuschauer sind es.

Neymar
REUTERS

Neymar

Ein Kommentar von


Brasilien ist raus bei der WM, und an niemandem liegt es weniger als an Neymar. Beim 1:2 gegen Belgien lieferte er starke sieben Torschussvorlagen. Aber selbst, wenn ein Mitspieler eine davon verwertet hätte, wäre Neymar nicht zum Helden geworden.

Viele Zuschauer sehen in ihm nur den Schauspieler, den Schwalbenkönig, das zu große Ego. Das vernebelt den Blick auf seine eigentliche Leistung. Und sagt vielleicht mehr über die Zuschauer aus als über Neymar.

Im Schnitt lieferte er bei der WM 4,6 Torschussvorlagen pro Spiel (zweitbester Wert), er schoss 5,2-mal aufs Tor (zweitbester Wert), gewann 4,4 Dribblings (fünftbester Wert). Neymar spielte Weltklasse. Doch das war für viele Fans und Medien anscheinend sekundär. Seine Leistung wurde bestenfalls mit einem "Ja, aber" kommentiert, meist ging es nur um seine Theatralik (wie unnötig!), seine Schwalben (er muss doch Vorbild sein!), seine Frisur (albern!).

Fotostrecke

14  Bilder
WM-Aus: In weiter Ferne Neymar

Das führte so weit, dass sogar nach dem rotwürdigen Foul von Mexikos Miguel Layún im Achtelfinale kaum mehr jemand über das Vergehen sprach, sondern über Neymars zur Schau gestellten Schmerz. Zum Teil wurde das sogar noch als gerechtfertigt empfunden, eine absurd anmutende Opfer-Täter-Umkehrung. Sollte es nicht zweitrangig sein, wie affektiert jemand leidet?

Das führt zur Frage, warum Neymars Habitus seine Leistung so viel stärker überstrahlt als bei anderen Fußballern. Vielleicht geht es dabei gar nicht darum, dass Neymars Gehabe Kindern ein schlechtes Vorbild ist. Vielleicht geht es unterschwellig um einen Entwurf von Männlichkeit und darum, wie Neymar diesen dekonstruiert.

Athleten haben physisch hart zu sein, die besten von ihnen auch mental. Das körperliche Leiden, das Neymar so offen zur Schau stellt, entspricht nicht dem, was wir Zuschauer von Fußballern erwarten. Neymar scheint das Gegenteil des Gladiators zu sein, der kämpft, bis nur noch einer steht, er selbst oder sein Gegner.

Möglich, dass es ihm um sein Image und damit den eigenen Marktwert geht, wenn er auf dem Platz niederkniet und sich die Hände vors Gesicht hält. Möglich, dass sein exaltiertes Leiden nicht daher rührt, dass er früher einige heftigere Verletzungen erlitten hat, unter anderem durch ein übles Foul bei der WM 2014.

Ganz eindeutig sind Schwalben, wie die gegen Belgien, zu verurteilen. Sie widersprechen den Regeln des Fairplays. Neymar ist aber nicht der einzige Fußballer, der eine Schwalbe versucht hat. Vermutlich ist er aber derjenige, der mit die größte Last auf seinen Schultern trägt. Neymar ist 26.

All diese Kritikpunkte schaden seiner Mannschaft übrigens eigentlich nicht, genauso wenig wie die Aufmerksamkeit, die sich auf Neymar konzentriert. Es ist kein Zufall, dass mit Philippe Coutinho ausgerechnet derjenige Brasilianer mit die meisten Tore und Vorlagen schaffte (vier, genau wie Neymar), der Neymar auf dem Feld räumlich am nächsten ist. Wenn sich Medien, Fans und Verteidiger auf den Superstar konzentrieren, können die Mitspieler aus seinem Schatten treten.

Kurz vor Schluss versuchte es Neymar gegen Belgien dann selbst. Es lief die vierte Minute der Nachspielzeit, da gelang ihm ein wunderbarer Schuss, doch Torhüter Thibaut Courtois schaffte es, den Treffer mit einer großartigen Parade zu verhindern. Anscheinend bräuchte es diese Art von Traumtor, damit die Welt den überragenden Fußballer Neymar wahrnimmt. Und nicht nur den Schauspieler.



insgesamt 107 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Broko 07.07.2018
1.
Die vielen, vielen leichtfertig verstolperten Bälle von Neymar hätte Montazeri auch mal zählen sollen - vielleicht wäre er dann nicht zu so einem leichfertigen und höchst einseitigen Resumee gekommen! Dass ihm nach all seinen Provokationen kaum jemand das Beste wünscht, ist nur allzu verständlich ...
prometheusxl 07.07.2018
2. Neymar...
... ist das tragische Beispiel eines Menschen, der sein zweifellos vorhandenes Talent und Können hinter dem von ihm selbst aufgeschütteten Berg aus selbstbezüglicher Wichtigtuerei und Selbstgefälligkeit verschwinden lassen kann. Als begnadeter Fußballer könnte er ein Großer sein, als Mensch ist er allerdings einer von denen, die man am liebsten den Raum verlassen sieht. Und damit steht er sich selbst im Weg. Und das zu ändern hat alleine Neymar in der Hand.
gis 07.07.2018
3. Neymar hatte
Gestern auch etliche schwache Szenen. Mich hat er nicht überzeugt. Die Schwalbe war unterste Schublade und Kritik daran ist mehr als berechtigt.
scooby11568 07.07.2018
4. Mir ist das Gesamtpaket wichtig...
Und dazu gehört auch sein peinliches Verhalten. Egomanen wie Neymar, Ronaldo oder Ibrahimovic sind tolle Fußballer. Aber ansonsten nur peinlich...
rudihaase 07.07.2018
5. Nein.
Das sehe ich nicht so. Bei vielen Gelegenheiten würde hervorgehoben, dass Neymar ein Weltklasse Weltklassemann ist. Er würde nicht in dieser Mannschaft stehen und er hätte auch nicht für eine aberwitzige Summe den Verein gewechselt. Aber gerade deswegen ist seine Schauspielerei so abstoßend. Das hat er nicht nötig und das ist unsportlich. Ein wirklich Großer tut das nicht. 1986 hat Hugo Sanchez einen kurzen Augenblick lang das nicht bedacht. Und die Welt wusste: kein wirklich Großer.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.