Brasiliens Sieg dank Neymar Die Schau und der Spieler

Brasilien setzt sich im Achtelfinale auf beeindruckende Weise gegen starke Mexikaner durch. Nach dem Spiel gab es jedoch nur ein Thema: Neymar.

Neymar
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Aus Samara berichtet


Im Jahre 1896 kam in Samara Enrico Rastelli zur Welt. Der Zirkus, bei dem seine Eltern als Akrobaten tätig waren, gastierte gerade an der Wolga. Rastelli wurde der berühmteste Ballartist der Welt, er konnte mit zehn Bällen gleichzeitig jonglieren, die Zuschauer verehrten ihn. Dass er exzentrisch war, rundete die Sache ab. Sein Leben war die Show.

2018 spielt Neymar in Samara. Und man kann der Versuchung nicht widerstehen, hier Parallelen zu ziehen.

Auch Neymar kann alles mit dem Ball. Wenn die Anderen sich vor dem Spiel aufwärmen, schnappt er sich das Spielgerät, macht ein paar Tricks, balanciert den Ball, bevor er schließlich die lästigen Dehnübungen aufnimmt.

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WM 2018: Kein Fünftes Spiel für Mexiko

Und auch Neymar braucht die Bühne, ohne sie geht es nicht. Der 2:0-Achtelfinalerfolg seiner Brasilianer über Mexiko war ein herrlich anzuschauendes Spiel, voller Tempo, voller Intensität, voller Leidenschaft, es war ein Fußballfest - und doch sprach am Ende der Partie fast alles nur über Neymar.

Der Angreifer hatte seine Mannschaft kurz nach dem Seitenwechsel in Führung gebracht, das 2:0 kurz vor Schluss von Roberto Firmino hatte er auf sehenswerte Weise über den linken Flügel vorbereitet.

Aber da war eben auch die Szene in der 71. Minute, als ihm sein mexikanischer Gegenspieler Miguel Lajun auf den Knöchel gestiegen war und Neymar sich anschließend jenseits der Außenlinie in scheinbar furchtbarsten Schmerzen wälzte. Da war er wieder, der Neymar, der neben einem ausgeprägten Talent als Fußballer auch über einen außergewöhnlichen Hang zur Theatralik verfügt.

"Eine Schande für den Fußball"

Anschließend war bei Twitter wieder einmal die Hölle los, Neymar wurden "Nahtod-Erfahrungen" angedichtet. Als er kurz nach der Szene wieder aufstand und nach anfänglichem Humpeln wieder zu Sprints ansetzte, schlug die Welle des Spotts über ihm zusammen. Auch der Unmut von Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio war ihm sicher. Es sei "eine Schande für den Fußball, dass ein Spieler vierminütige Unterbrechungen der Partie provoziert". Fußball sei "ein Männersport, aber mittlerweile gibt es da viel zu viel Schauspielerei", so der Coach.

Neymar am Boden
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Neymar am Boden

Den Namen Neymar erwähnte er zwar nicht. Aber jeder wusste natürlich, wer gemeint war. Dass Osorios eigener Spieler Lajun mit dem Foul die Szene erst provoziert hatte, ließ der Trainer bei seiner Schimpfkanonade elegant unter den Tisch fallen.

Selbst bei der Pressekonferenz spaltete sich das Auditorium anschließend in Neymar-Kritiker und Neymar-Verteidiger. Als ginge es nicht mehr darum, nur Fragen zu stellen, sondern eben auch darum, sich pro oder contra Neymar zu positionieren. Es gibt nach dem Ausscheiden von Lionel Messi, Sergio Ramos und Cristiano Ronaldo keinen mehr im Turnier, der dermaßen polarisiert. Um in der Zirkussprache zu bleiben: Neymar balanciert mit seinen Vor- und Aufführungen auf dem Hochseil.

Der Stürmer selbst kann die ganze Aufregung um seine Person gar nicht verstehen, so tut er zumindest. All diese Vorwürfe gegen ihn seien "lediglich der Versuch, mich zu schwächen", sagte er. "Ich kümmere mich weder um Kritik noch um Lob, das lenkt mich nur ab", sagte der PSG-Star, mit dem es künftig also Trainer Thomas Tuchel zu tun bekommt.

Derzeit ist Tite sein Coach, und der Nationaltrainer sprang ihm zur Seite: Neymar sei "dreieinhalb Monate verletzt gewesen, das ist eine lange Zeit auf diesem Top-Level", sein Star nähere sich immer mehr seiner alten Bestform, Verletzungen könne man da derzeit wirklich nicht gebrauchen.

"Ein schönes Spiel, außergewöhnlich"

Der Rummel um die brasilianische Nummer zehn verdeckte dabei zum wiederholten Mal, dass diese Mannschaft mit und neben Neymar gegen die extrem widerborstig aufspielenden Mexikaner alles zeigte, was einen Weltmeister ausmacht. Die Abwehr steht ungemein sicher, kaum eine Flanke der Mexikaner, die von der Innenverteidigung nicht postwendend wieder aus dem Strafraum herausbefördert wurde. Kein Distanzschuss, der von den Abwehrspielern nicht abgeblockt wurde.

Das Mittelfeld beherrscht das Umschalten auf höchst elegante Weise, und vorne hat man mit Neymar, Coutinho und Willian die Offensive, die man vor vier Jahren im eigenen Land so schmerzlich vermisst hatte. Neymar war damals auch schon ein Superstar, aber er ist noch trickreicher geworden - in jeder Hinsicht.

Brasilianisches Teamwork
Getty Images

Brasilianisches Teamwork

Der Sieg war darüber hinaus auch eine echte Energieleistung des Teams, beide Mannschaften lieferten sich bei 38 Grad Wüstentemperatur einen Schlagabtausch, wie man ihn bei dieser WM in Sachen Rasanz noch nicht gesehen hatte. Ohne Ruhepause ging es während der ersten halben Stunde auf und ab, die Mexikaner pressten und konterten im Wechsel, dass man sich kaum auf sie einstellen konnte, die Brasilianer hielten mit ihrer imposanten Körperlichkeit dagegen: Ein Spiel, wie man es sich als Zuschauer nur wünschen kann.

"Ein schönes Spiel, außergewöhnlich", schwärmte Tite, und zumindest da waren sich im Saal alle einig.



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alpenradler 02.07.2018
1. Erbärmlich
Was für eine erbärmliche Schauspielerei eines eigentlich sehr guten Fußballers. Natürlich war auch das versteckte Foul des Mexikaners eine Frechheit und sicherlich schmerzhaft. Ich habe mir für einen Moment echt Sorgen um Neymar gemacht, obwohl ich ihn nicht mag - um dann zu merken, dass ich gründlich verarscht worden bin. Widerlich! Das kommt davon, wenn man aufgeblasenen Büble irre viel Kohle in den Hintern bläst und die anfangen, sich für weiß der Geier was zu halten. Wenigstens ist der Gockel aus Portugal schon weg.
BonTempi 02.07.2018
2. Rote Karte
Herrn Neymar sollte man einfach mal die rote Karte für sein unsportliches Verhalten zeigen. Nur dafür haben die Schiris wohl zu wenig ovos in der Hose.
jujo 02.07.2018
3. ...
Genau wie bei einer "Schwalbe" sollte es bei solchen Schauspielereien nachträglich die gelbe Karte geben!
verruca 03.07.2018
4. Dummheit kennt keine Grenzen
Hmm ... vielleicht sollte mal jemand diesem Kasper stecken, dass man mit ECHTEN Schmerzen so ziemlich alles tun möchte, nur eben NICHT durchs halbe Stadion kullern. Da ist man nämlich einfach nur froh, wenn man zusammengekrümmt und unbeweglich darauf warten darf, dass der Schmerz möglichst bald nachlässt.
geraldwinkeler 03.07.2018
5. Fußball und ein brutalistisches Weltbild
Ich habe mir beim Lesen des Artikels auch so meine Gedanken zur Entwicklung nicht nur des Fußballs, sondern unserer Gesellschaft insgesamt gemacht. Wie kann es sein, dass selbst die bösesten Fouls ( etwa von angesichts der absehbaren Niederlage mal wieder um sich tretenden Argentiniern) keinen Aufschrei auslösen, wohl aber ein Spieler, dessen Fuß vorsätzlich mit den Stollen traktiert wird und der darauf mit zugegebenermaßen übertriebenen Schmerzreaktionen antwortet. Ich glaube, dass sich auch im Fußball jenes brutalistische Weltbild immer mehr durchsetzt, das sich beispielsweise darin äußert, dass viele Deutsche lieber ein paar Zehntausend tote Flüchtlinge im Mittelmer haben als zusätzliche Flüchtlinge an den Grenzen. Verräterisch der Reportersprech, der das Nichtahnden von Fouls als "großzügige" Spielleitung adelt. Was für ein Begriff von Großzügigkeit, der darin bestehen soll, über Regelverstöße, die um des eigenen Erfolges willen zu Lasten Anderer begangen werden, hinwegzusehen. Das ist genauso eine Verdrehung der Tatsachen und Ausdruck einer sprachlichen Verrohung wie der Begriff "Asyltourismus" für Flüchtlinge, die von einem Land ins andere wechseln. Immerhin kann man insoweit den deutschen Nationalkickern zugute halten, dass sie trotz fußballerischer Schwäche nicht auf die "Großzügigkeit" der Schiedsrichter gesetzt haben.
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