Neymar-Wechsel nach Paris Die 222-Millionen-Euro-Show

Der teuerste Fußballer der Welt spielt künftig in Paris. Ist Neymar wirklich der Mann, der PSG sportlich weiterbringt? Nebensache. Für Klub und Spieler geht es um etwas anderes.

Neymar in Shanghai (31.07.2017)
AFP

Neymar in Shanghai (31.07.2017)

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222 Millionen Euro Ablöse für einen Fußballer. Kann ein Transfer in dieser Größenordnung überhaupt noch sinnvoll sein? Und falls ja, was versprechen sich die Beteiligten davon?

Im Frühjahr 2017 stand Paris Saint-Germain kurz davor, endlich diesen viel zitierten "nächsten großen Schritt" zu machen. Wieder einmal. Der nächste Schritt, das hieße für PSG: nach vier nationalen Titeln in Serie auch in der Champions League einmal das Halbfinale oder das Finale erreichen, die ganz große Bühne des Fußballs eben. 4:0 hatten die Franzosen im Achtelfinal-Hinspiel spektakulär den FC Barcelona auseinandergenommen, galten zumindest in den drei Wochen darauf als heißer Titelanwärter. Bis zum Rückspiel: Barcelona glückte "das Wunder von Camp Nou", zwei der sechs Treffer erzielte Neymar.

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Neymar: Der teuerste Fußballer der Welt

Dreimal in Folge war PSG zuvor im Viertelfinale gescheitert, an Chelsea, an Manchester City und schon einmal an Barcelona. 2015 hatte Neymar in den beiden Duellen mit PSG ebenfalls entscheidenden Anteil am Aus der Franzosen gehabt, damals sogar drei der fünf Tore geschossen. Dienen die 222 Millionen Euro, mit denen die katarischen Eigentümer nun den Brasilianer in den Prinzenpark gelockt haben, also in erster Linie der Traumabewältigung? Was du nicht besiegen kannst, das kaufst du einfach? Oder könnte der vermeintliche Wahnsinnstransfer sportlich durchaus begründet sein?

Eine Torbeteiligung pro Spiel

Die Zahlen sprechen für sich: Seit Neymar 2013 vom FC Santos nach Barcelona wechselte, erzielte er in 123 Ligaspielen 68 Tore und bereitete 52 weitere vor. 40-mal trat er in der Champions League für die Katalanen an, traf dabei 21-mal und legte zusätzlich 20 Tore auf. Und das in einer Offensivreihe, in der er hinter Lionel Messi und Luis Suárez regelmäßig nur der dritterfolgreichste Torschütze war. Allein in diesen beiden Wettbewerben war Neymar in den vergangenen vier Jahren ohne größere Schwankungen an 161 Toren beteiligt - in 163 Spielen. Ein Neymar auf dem Feld garantiert also Tore - und die waren im Fußball noch nie besonders günstig zu haben.

Ein weiterer Top-Star für die PSG-Offensive, die in den Jahren zuvor mit Edinson Cavani (64 Millionen Euro), Ángel di María (ca. 60 Millionen Euro) und Julian Draxler (ca. 45 Millionen) bereits mit gewaltiger finanzieller Wucht erneuert worden war. Nicht mehr in die Breite der Mannschaft investieren, sondern in die Spitze - das ist die neue Devise. "Wenn wir Bayern München, den FC Barcelona und Real Madrid gefährden und die Champions League gewinnen wollen", sagt Trainer Unai Emery, "müssen wir heutzutage einen der fünf besten Spieler der Welt kaufen."

Der Transfer ist nicht bloß sportlich zu verstehen, es ist eine Kampfansage an die europäische Konkurrenz. Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi bekommt man nicht, nicht einmal für 222 Millionen Euro. CR7 soll angeblich eine festgeschriebene Ablösesumme von 1 Milliarde Euro haben. Wohl aber bekommt man, wenn auch nicht ganz ohne Nebengeräusche, einen Neymar - sieben Jahre jünger als Ronaldo, fünf Jahre jünger als Messi. Sobald der Portugiese und der Argentinier einmal abtreten, könnte Neymar der nächste Superstar unter den Superstars werden. Abseits des Platzes ist er es ohnehin schon.

Neymar, CL-Sieger 2015
AP

Neymar, CL-Sieger 2015

Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes ist Neymar der einzige Spitzenfußballer der Welt, der höhere Einkünfte aus Zusatzgeschäften erzielt (18,6 Millionen Euro) als aus seinem Klubengagement (12,6 Millionen Euro). Knapp 60 Prozent seiner Einnahmen stammen aktuell aus Werbeverträgen, unter anderem mit dem Sportartikelhersteller Nike, der auch PSG ausrüstet. Knapp 79 Millionen Menschen verfolgen das Leben Neymars bei Instagram (Ronaldo 107 Millionen, Messi 77 Millionen), wo er sich auch gern im Kreise anderer Weltstars zeigt. Diesen Glanz bezahlt Paris Saint-Germain mit.

@neymarjr and I messin around in my backyard

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Schon in Brasilien war man sich der großen Vermarktungspotenziale der Marke Neymar bewusst. In Asien ist der Brasilianer extrem beliebt, in Südamerika sowieso. "Neymar ist ein Kind seiner Zeit", technologisch, musikalisch und modisch, schwärmte vor Jahren schon Armênio Neto, damals verantwortlich für das Marketing beim FC Santos. Neymars Auftritt in den sozialen Netzwerken, seine Frisuren, seine Tattoos - er habe einfach von Natur aus Charisma, "etwas, das du nicht im Supermarkt kaufen kannst". Und auf diese Premiummarke fällt künftig nicht einmal mehr der riesige Schatten des kleinen Argentiniers Messi.

Der nationalen Konkurrenz ist PSG längst enteilt, auch wenn in diesem Sommer mit der AS Monaco ausnahmsweise mal ein anderer Klub vorn lag. Die Spiele gegen Lille, Caen oder Toulouse sind PSG mittlerweile egal, wichtig sind die im Optimalfall 13 Spiele in der Champions League. In den vergangenen vier Jahren hießen dort die Sieger entweder Real Madrid oder FC Barcelona. Und in genau dieser Liga wollen die Katarer mitspielen - koste es, was es wolle.

Die Bereitschaft, mit Summen wie bei Neymar den Großangriff zu wagen ist dann im Übrigen auch der Unterschied zu einem anderen Klub, der in den vergangenen vier Jahren beim Anlauf auf das Champions-League-Finale knapp scheiterte - dem FC Bayern.

insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Zündkerze 04.08.2017
1. wohl wahr
"...Was du nicht besiegen kannst, das kaufst du einfach?..." . Genau so agiert ja schon seit Jahrzehnten der FC Bayern in der Bundesliga, aber angesichts dieses Betrages seit gestern eben auf einem anderen Niveau.
Denk_mal 04.08.2017
2. Nun sind wir, die Fußballfans, gefragt.
Diesem Wahnsinn lässt sich nur eine Ende setzten, wenn wir Konsumenten nicht mehr mitspielen. Für mich ist der Bogen endgültig überspannt. Ich werde Sky kündigen. Die Uefa macht sich lächerlich mit ihrem "Financial Fair Play" Empfehlenswert, die Aussagen von Herrn Streich: https://www.youtube.com/watch?v=SmrNEJIU2bI
muellerthomas 04.08.2017
3.
Zitat von Zündkerze"...Was du nicht besiegen kannst, das kaufst du einfach?..." . Genau so agiert ja schon seit Jahrzehnten der FC Bayern in der Bundesliga, aber angesichts dieses Betrages seit gestern eben auf einem anderen Niveau.
Da muss ich als Schwarzgelber die Bayern mal in Schutz nehmen. Lewandowski ist nach Ablauf seines Vertrages gegangen, wurde nicht aus dem laufenden Vertrag rausgekauft. Und der Weggang von Götze hat Dortmund kaum geschadet. Welche Beispiele fallen Ihnen ein? Süle und Rudy sind wohl kaum als Schwächung von Hoffenheim gekauft worden - oder glauben Sie wirklich, der Dorfklub könnte dauerhaft ganz oben mitspielen?
fd2fd 04.08.2017
4. Es finanziert sich nicht durch den Sport
Prinzipiell ist es mir egal wieviel Euro für einen Spieler gezahlt werden. Was aber stört, ist die Tatsache, dass der überwiegende Teil der Transfers fremdfinanziert wird. Die Fair Play Regeln sind so schwammig formuliert und bieten Schlupflöcher, dass sie faktisch nicht existieren (siehe Neymar). Hinter der Fassade fehlt aber die wirtschaftliche Substanz. PSG war jahrelang von der Bildfläche verschwunden, jetzt gepäppelt mit hundertenmillionen durch krude Vetternwirtschaft der Platinis mit den Kataris. Die einen mißbrauchen den Sport, die anderen verplempern das Geld, dass eigentlich ihrem Volk gehört. Und am Ende bleiben die Vereine auf Lohnverträgen sitzen, die sie nur durch Wohlwollen ihrer Städte/ Gemeinden ohne Insolvenz überstehen, denn Fussball ist Allgemeinwohl und lenkt die Massen von den wichtigen Problemen ab. So schließt sich der Kreis, die einen sind glücklich, die anderen vergessen es und nächstes Jahr ist WM. The show must go on...
dosmundos 04.08.2017
5. Nette Idee, aber...
Zitat von Denk_malDiesem Wahnsinn lässt sich nur eine Ende setzten, wenn wir Konsumenten nicht mehr mitspielen. Für mich ist der Bogen endgültig überspannt. Ich werde Sky kündigen. Die Uefa macht sich lächerlich mit ihrem "Financial Fair Play" Empfehlenswert, die Aussagen von Herrn Streich: https://www.youtube.com/watch?v=SmrNEJIU2bI
Ich fürchte, auf jeden "Denk_mal"-Fußballfan mit gekündigtem Sky-Abo kommen 20 Asiaten, die ein neues Neymar-Trikot kaufen, weil er der teuerste Spieler aller Zeiten ist in diesem Sport, wo man mit dem Fuß gegen einen Ball tritt und der irgendwie überall im Fernsehen läuft...
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