Neuer Linksverteidiger im DFB-Team Chance für Schulz

Vom Bankdrücker in die Nationalmannschaft in kurzer Zeit: Hoffenheims Nico Schulz ist die einzige Überraschung im Kader von Joachim Löw. Zu verdanken hat er das seinem Tempo - und Julian Nagelsmann.

Nico Schulz
RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Nico Schulz

Von Tobias Escher


Wer einen personellen Umbruch erwartet hatte, irrte. Für die ersten Länderspiele seit dem WM-Debakel nominierte Bundestrainer Joachim Löw nur drei Debütanten: Thilo Kehrer, Kai Havertz und Nico Schulz. Die ersten beiden zählen zu den größten Talenten Deutschlands, dass sie ihre Einsätze im DFB-Team kriegen würden, durfte man erwarten. Schulz aber ist eine echte Überraschung, eigentlich ist der Hoffenheimer die einzige in Löws Kader.

Auch Schulz galt einst als großes Talent. Das aber ist eine kleine Ewigkeit her, mittlerweile ist er 25 Jahre alt, und in den vergangenen Jahren ging es für ihn nicht darum, es ins DFB-Team zu schaffen. Er kämpfte um einen Stammplatz in der Bundesliga.

Dass Schulz am Donnerstag in der Nations League gegen Frankreich (20.45 Uhr; TV: ZDF; Liveticker SPIEGEL ONLINE) sein Debüt feiern könnte, erschien noch vor einem Jahr absurd. Zu verdanken hat das der Linksfuß auch Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann. Er verhalf Schulz aus seinem Formtief.

Simpel, aber effektiv

Rückblick: Im Sommer 2015 wechselte Schulz, nachdem er es bei seinem Heimatverein Hertha BSC zum Bundesligaspieler geschafft hatte, zu Borussia Mönchengladbach. Im ersten Jahr warf ihn dort ein Kreuzbandriss zurück, im zweiten kam er auf vier Einsätze über neunzig Minuten, meist aber blieb er auf der Bank. Als die TSG dann Schulz' Verpflichtung bekannt gab, hieß es in der Pressemitteilung, er sei "eine optimale Alternative". Das klang nicht so, als stehe der Durchbruch bevor. Doch Nagelsmann fand eine Rolle, die auf Schulz' Stärken zugeschnitten war.

Simpel, aber effektiv: So kann man das Spiel von Schulz charakterisieren. Er ist kein Außenverteidiger wie Joshua Kimmich, der als verkappter Spielgestalter fungiert. Unter Nagelsmann soll er keine Aufgaben im Aufbau übernehmen. Das Hoffenheimer System bringt vor allem Schulz' Dynamik zur Geltung.

Seine Flanken sind eine Waffe

Nur wenige Bundesligaprofis sind flinker als Schulz, kaum einer beschleunigt so schnell. Deshalb erhält er bei der TSG den Ball nicht in statischen Situationen; seine Teamkollegen versuchen ihn anzuspielen, wenn er in Bewegung ist. Sobald er am Gegner vorbeisprintet, erfolgt der Pass in Schulz' Lauf. Und dann wird es meist gefährlich.

Über die linke Seite soll Schulz Flanken in den Strafraum schlagen. In dieser Disziplin hat er sich in Hoffenheim weiterentwickelt: Sein erster Ballkontakt ist präziser, seine Beinarbeit koordinierter. Seine Flanken sind eine Waffe des Hoffenheimer Offensivspiels. Saisonübergreifend gelangen Schulz in den vergangen sieben Ligapartien vier Assists.

Schulz am 2. Spieltag: Mäßig als Mittelfeldaußen, stark als Linksverteidiger

Mal wird er als Linksverteidiger in einer Viererkette eingesetzt, mal als Flügelspieler vor einer Dreierkette. Die SPIX-Daten zeigen, dass er aktuell vor allem in der ersten Rolle glänzt. Beim 3:1-Erfolg über Freiburg am vergangenen Spieltag besetzte Schulz beide Positionen, die TSG änderte während der Partie ihre Formation.

Der SPIX berechnet sich zwar für alle Feldspieler aus denselben Statistiken, ihre Gewichtung unterscheidet sich allerdings je nach Position. So kommt es auch, dass Schulz für ein Spiel zwei unterschiedliche Werte erhält: Eine 39 als Mittelfeldaußen, eine 77 als Teil der Viererkette. Voraussetzung für eine Bewertung sind 30 Minuten Spielzeit auf derselben Position.

Bei Flügelspielern sind unter anderem das Kreieren von Chancen und die Dribbelstärke wichtiger für den Gesamtwert als bei Außenverteidigern. Schließlich sind sie etwas offensiver ausgerichtet. Weil Schulz im Mittelfeld in diesen Kategorien nicht überzeugte, sinkt sein SPIX-Wert. Als Linksverteidiger aber bereitete er ein Tor und zwei Abschlüsse vor, weil er von dort aus der Tiefe mehr Dynamik aufnimmt.

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Bei 39 bewerteten Außenverteidigern am 2. Spieltag landete er laut SPIX-Algorithmus auf Platz zehn. Gemessen am Durchschnitt, den ein Bundesligaspieler auf dieser Position leistet, gehörte seine Leistung zu den oberen 24 Prozent. Das ist die Aussage hinter dem Gesamtwert 77.

In welcher Rolle Schulz für die Nationalmannschaft zum Einsatz kommt, hängt davon ab, welches System Bundestrainer Löw favorisiert. Wichtig ist, dass er Raum für seine Sprints erhält, um dann Bälle in den Strafraum zu bringen.

Dass Schulz trotz Nominierung überhaupt nicht eingesetzt wird, ist natürlich ebenso möglich - aber unwahrscheinlich. Die linke Defensivseite gehörte zuletzt Kölns Jonas Hector und Herthas Marvin Plattenhardt. Hector aber sagte für die Länderspiele ab, Plattenhardt wurde gar nicht erst nominiert. Anders gesagt: die Chance für Schulz.

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Seite 1
spoon-leser 05.09.2018
1. Fragezeichen?
Nichts gegen Ihn als Spieler. Aber wenn mir überlege, wie oft Plattenhardt mutterseelenallein auf der linken Seite stand und frei nach dem Ball gewunken hat, ohne ins Spiel eingebunden zu werden... Da frage ich mich schon. In den letzten Spielen hat man deutlich gesehen, das Flanken in den Strafraum unerwünscht waren. So standen sowohl Petersen als auch Gomez auf verlorenem Posten...
blurps11 05.09.2018
2.
Zitat von spoon-leserNichts gegen Ihn als Spieler. Aber wenn mir überlege, wie oft Plattenhardt mutterseelenallein auf der linken Seite stand und frei nach dem Ball gewunken hat, ohne ins Spiel eingebunden zu werden... Da frage ich mich schon. In den letzten Spielen hat man deutlich gesehen, das Flanken in den Strafraum unerwünscht waren. So standen sowohl Petersen als auch Gomez auf verlorenem Posten...
Angeblich soll Plattenhardt von Kroos & Co, also ausgerechnet den anderen "Kartoffeln" absichtlich gemieden worden sein...Keine Ahnung, wie viel Wert man auf solche Geschichtchen legen mag. Schulz spielt aber schon deutlich anders. Er zieht selber gern in oder wenigstens an den Strafraum und gibt dann die scharfe Hereingabe oder den kurzen Pass in den Rückraum. Flankengott ist er definitiv nicht, für so eine Rolle hätte man sowieso lieber Max einladen sollen.
zweitakterle 05.09.2018
3. Solche Geschichtchen
Zitat von blurps11Angeblich soll Plattenhardt von Kroos & Co, also ausgerechnet den anderen "Kartoffeln" absichtlich gemieden worden sein...Keine Ahnung, wie viel Wert man auf solche Geschichtchen legen mag. Schulz spielt aber schon deutlich anders. Er zieht selber gern in oder wenigstens an den Strafraum und gibt dann die scharfe Hereingabe oder den kurzen Pass in den Rückraum. Flankengott ist er definitiv nicht, für so eine Rolle hätte man sowieso lieber Max einladen sollen.
kommen nicht von ungefähr..... Jeder konnte damals mitansehen, wie Plattenhardt kalt gestellt wurde......wohl um ein Freundchen in diese Position zu hieven . Daß Monsieur Löw nicht nach Leistung oder Qualität aufstellt, zeigen die unzähligen Fehlbesetzungen im Laufe seiner Amtszeit. Wenn er Müller zu seinem Neuanfang bringt, ist Schulz wie Perlen für die Säue!
retterdernation 05.09.2018
4. Zu verdanken ...
hat Nico Schulz seinen Werdegang, bis hin zur Nationalmannschaft in erster Linie seinen Eltern und Hertha BSC. Das war damals ein schwerer Verlust, als er den Verein verließ. Schon damals war klar, wenn Nico an sich arbeitet und kein Nutella-Boy wird, dann wird er ganz sicher Nationalspieler. In Gladbach stagnierte er ein wenig. Das lag mutmaßlich auch an Verletzungen. In Hoffenheim hat ihn Nagelsmann aufblühen lassen. Was uns Berliner freut, is ja schließlich einer von uns. Im Gegensatz zu Plattenhardt wirkt Nico Schulz ein wenig beweglicher.
hellmut1 05.09.2018
5.
Seine Visitenkarte hat Schulz ja schon mal beim Spiel gegen Bayern München abgegeben. Wird das die neue „Stoßrichtung“ der DFB Elf?
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