Nicolas Anelka Vom schwarzen Schaf zum Volksheld

Vor einigen Wochen noch floh der französische Stürmer in Diensten von Real Madrid im Kofferraum seines Bruders nach Paris, weil er sich von allen Seiten gemobbt fühlte. Inzwischen hat der launige Jungstar seinen Club ins Champions-League-Finale geschossen und alles ist vergeben.


Nicolas Anelka: "Real hat sein Geld nicht verschwendet"
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Nicolas Anelka: "Real hat sein Geld nicht verschwendet"

Paris - Die Karriere von Nicolas Anelka schien bereits beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Noch vor zwei Monaten galt der 21-Jährige als größter Fehleinkauf der Fußball-Geschichte und stand beim spanischen Rekordmeister Real Madrid vor dem Rauswurf. Doch am Mittwoch feierte der Pariser sein unerwartetes Comeback beim Einsatz im Finale der Champions League gegen den FC Valencia in seiner Heimatstadt.

Mit seinen zwei Toren in den beiden Halbfinalspielen gegen Bayern München, die den Weg ins Endspiel ebneten, vollzog sich für die Real-Fans die Wandlung Anelkas. "Jetzt werden die Leute den wahren Nicolas Anelka kennen lernen. Ich wusste von Beginn an, dass sich alles geben würde, sobald ich Tore schieße", sagte der Franzose. Bis April aber hatte der im Vorjahr von Arsenal London abgelöste Anelka die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen können. Für ihn wurde die damals zweithöchste Ablöse aller Zeiten von rund 66 Millionen Mark gezahlt.

Erst Ende Februar beim 3:0 über den FC Barcelona erzielte der Stürmer sein erstes Meisterschaftstor für die "Königlichen". Mitte März kam es zum Eklat: Anelka verweigerte das Training und forderte Sportdirektor José Pirri und Trainer Vicente Del Bosque auf, das Video der zuvor gegen Bayern München verlorenen Zwischenrundenspiele der Champions League anzuschauen. Dann werde man erkennen, dass er falsch eingesetzt und von seinen Mitspielern boykottiert werde.

Daraufhin verordnete Del Bosque Anelka ein Straftraining, zu dem dieser nicht erschien und im Kofferraum seines Bruders nach Paris floh. Der zehnmalige französische Nationalspieler wurde deswegen von Real-Präsident Lorenzo Sanz für 45 Tage suspendiert, mit einer Rekord-Geldstrafe von umgerechnet 660.000 Mark belegt und zur Suche eines neuen Vereins aufgefordert. Alles sprach dafür, dass die bereits mit 430 Millionen Mark verschuldeten Madrilenen das Geld für Anelka in den Sand gesetzt hatten.

Doch eine plötzliche Verletzungsmisere im Angriff zwang Real zur Begnadigung des Sünders, nachdem dieser sich offiziell entschuldigt hatte. Durch seine überraschende Leistungsexplosion in den Wochen danach schoss sich der "Puma von Trappes" sogar wieder zurück in die französische Nationalmannschaft. "Anelkas Rückkehr auf hohem Niveau ist ein Wunder", staunte sogar die französische Sportzeitung "L'Equipe".

"Jetzt, wo ich die Bälle so bekomme, wie ich sie haben will, läuft es gut. Das zeigt, dass ich mit meiner Kritik nicht ganz so falsch lag", meinte Anelka, der schon beim FC Arsenal Probleme mit seinen Sturmpartnern Marc Overmars und Dennis Bergkamp hatte. "Aber so ist das Leben eines Angreifers: Wir sind umgeben von Kritikern, hier wie überall im Leben", philosophierte der Jungstar, dem Selbstkritik grundsätzlich abzugehen scheint. Auch seinen ersten Profi-Club, den FC Paris St. Germain, verließ er bereits mit 17 Jahren in Richtung Arsenal, weil er seine Leistung nicht richtig gewürdigt sah.

Für die Verantwortlichen von Real Madrid sind alle Probleme hingegen seit der sportlichen Wiederauferstehung Anelkas gelöst, eine mögliche Rückkehr zu PSG ist kein Thema mehr. "Real hat sein Geld nicht verschwendet", sagt Sanz. "Anelka hat uns ins Finale gebracht, er wird an niemanden verkauft."



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