Roman über Aussteiger-Fans Nie wieder Fußball!

Die schönste Nebensache der Welt ist für echte Fans eine lästige Sucht. Im Roman "Nie wieder Fußball!" plant eine Selbsthilfegruppe den kalten Entzug. Doch die Fans müssen erkennen, dass ein Leben mit Zoo- statt Stadionbesuchen auch nicht unbedingt sinnvoller ist.

Von Stefan Tillmann

Frustrierter Fan: Ein Leben ohne Fußball ist theoretisch möglich
Corbis

Frustrierter Fan: Ein Leben ohne Fußball ist theoretisch möglich


ZUR PERSON
  • Johanna Zettel
    Stefan Tillmann, Jahrgang 1979, ist Journalist und war Parlamentskorrespondent bei "Capital" und "Financial Times Deutschland". Er ist Textchef beim Berlin-Magazin "zitty" und Gründer von opinion-club.com. Er lebt in Berlin und führt eine Fernbeziehung mit Fortuna Düsseldorf. Versuche, darauf zu verzichten, brach er spätestens nach zwei Spieltagen ab.
Daniel Hübner ist 27 Jahre alt, Fan des 1. FC Nürnberg und der Typ Träumer: Er guckt auf den Spielfeldrasen wie andere aufs Meer, in Gedanken meist weit weg, bei nie erlebten Meisterschaften und Europapokal-Schlachten kurz vorm Uralgebirge. Aber nie mit der Ruhe der Seeleute, sondern immer auch voller Angst, vor dem Scheitern, vor dem Sinken, vor dem Untergang. Man könnte sagen, Daniel sieht immer das große Ganze, oder: Er ist total bescheuert.

Angewidert von einem öden Testspiel in der Sommerpause beschließt Daniel, dass es so in der neuen Saison nicht weitergehen kann: nicht mit ihm, nicht mit allen. Einmal im Leben möchte er etwas Großes auf die Beine stellen. Daniel Hübner will den Fußball besiegen. Zum ersten Treffen in der Kneipe in seiner Wahlheimat Düsseldorf kommen nur drei weitere Verlierer. Doch ein Anfang ist gemacht. Die Selbsthilfegruppe trifft sich fortan immer samstags zu Ausflügen und verhängt sich einen Strafenkatalog für den Fall, dass einer nur ein Sterbenswörtchen über Fußball spricht. Irgendwie muss aus diesem Leben doch mehr rauszuholen sein, zumindest aus den Samstagen.

Die vier Figuren im Roman "Nie wieder Fußball!" (Verlag Die Werkstatt) machen das, was sich Millionen Fans schon so häufig gedacht haben. Echte Fußballleidenschaft ist eine Sucht, die Zeit frisst und Nerven raubt, die man eigentlich auch woanders gut gebrauchen könnte. Alleine in die Stadien der Bundesliga gehen an Wochenenden 400.000 Menschen. Für viele ist das nur ein lustiger Zeitvertreib. Doch für echte Fans wie Daniel ist es mehr: Sie reisen von weit her an, lassen sich das ganze Wochenende von diesem einen Ball verderben, der in der Nachspielzeit nur an den Pfosten tropft. Und dies nur für die Sehnsucht nach dem seltenen Erfolg, für den Moment, wenn der Ball über die Linie rutscht, der Nebenmann einem das Bier in den Nacken kippt und die eigenen Unzulänglichkeiten des Lebens weit weg sind.

Radtouren, Kirchgänge, Weinproben

Ein Leben ohne Fußball ist theoretisch natürlich möglich. Denn natürlich sind Beziehungen, die Familie, die Gesundheit relevanter als das Gekicke fremder Herren. Diese Irrelevanz ist ja das Tragische für einen Fan, aber zugleich auch die große Verlockung. Denn diese ach so banale Leidenschaft verspricht Überraschungsmomente, für die man sich anderswo schon ganz schön anstrengen müsste. Es ist das kleine deutsche Glück: ein Haus, eine Familie und der Fußball als zweite Haut, die jederzeit eine Realitätsflucht ermöglicht.

Im Buch versuchen Daniel, Karl, Sven und Ralf ihr Bestes für ein unbeschwertes Leben: Sie radeln, gehen in die Kirche, in die Uni, machen Weinproben und lassen Drachen steigen - im Hinterkopf immer der Traum von Samstagen mit Familie und Waldspaziergang. Doch leicht ist es nicht. Denn die Wahrheit ist: Wenn man sich einmal infiziert hat, ist ein Leben ohne Fußball kaum noch möglich. Hinter jeder Ecke wartet ein Bekannter, mit dem man nichts anderes zu besprechen hat - oder zumindest ein Werbeplakat eines Fußballspielers. Kein Wunder, dass die vier irgendwann durchdrehen und zu wesentlich härteren Methoden greifen, um den Fußball zu bekämpfen. Während Daniel erst noch harmlos Fernsehsender mit Live-Anrufen nervt, schreibt Sven irgendwann Drohbriefe an den DFB und ruft die NWF-Fraktion ins Leben. Das Emblem: ein Fußball mit Maschinengewehr.

Fußball ist moderner Kriegsersatz

In der Realität lebt der Fußball unberührt weiter. Seit einigen Jahren, so scheint es, hat sich die gesamte Gesellschaft mit der Sucht angesteckt. Und eine Selbsthilfegruppe ist in Wahrheit nicht in Sicht. Die Stadien sind zu Kirchen geworden, Orten der Gemeinschaft, wo man sich höheren Mächten unterwirft. Die Spiele sind moderner Kriegsersatz. Für die Fans sind die Spieler unten auf dem Rasen Vertreter ihrer Heimat. Und so müssen hochbezahlte Profis aus aller Herren Länder heute die Ehre des Kraichgaus gegen die der Schwaben verteidigen. "Vielleicht", so sagt es Daniel im Roman, "hat der Fußball als Ventil für männliche Allmachtsphantasien mehr für den Weltfrieden getan als diese ganzen Blauhelme."

In diesen Tagen werden sich vor allem HSV-Fans fragen, ob ein Leben ohne Fußball nicht sinnvoller wäre, weniger aufregend wäre es auf jeden Fall. Umgekehrt fragen sich vielleicht sogar Fans des FC Bayern, ob das Leben nicht mehr zu bieten hat als stundenlange Fahrten in die Allianz-Arena, um einen 4:0-Sieg zu sehen und im Stadionheft nachzurechnen, wann man denn nun endgültig Deutscher Meister ist. Doch spätestens, wenn demnächst die heiße Phase in der Champions League beginnt und der FC Bayern stolpert, wenn in der Bundesliga der VfB Stuttgart, Werder Bremen und der HSV im Abstiegskampf stecken, und Jogi Löw andere Menschen als einen selbst für den WM-Kader nominiert, werden auch die letzten Menschen eingestehen: Ein Leben ohne Fußball ist möglich, aber nicht sinnvoll.

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pico66 02.03.2014
1. Nicht umsonst...
.... tummeln sich in den Fan-Kurzen viele politisch Radikale rum. Links oder Rechts. Es geht um Durchhalte-Parolen, Treue bis zum letzten, Kämpfen, Sturm, Spielführer, Helden, Flaggen, Aufopferung, usw. Alleine die gepflegten Begrifflichkeiten zeigen, was in den Köpfen vor sich geht. In Anbetracht der Tatsache, dass immer wieder Menschen zu Schaden kommen oder sogar umkommen, stellt sich ernsthaft die Frage, ob es ein Ventil oder nicht sogar eine Übung der Gesellschaft darstellt. Verharmlosen darf man das nicht und fordert eine genaue Beobachtung, sonst sind wir bald wieder so weit.
neu_im_forum 02.03.2014
2. Fußball
Also ich hadere auch mit Fußball. Die Meisterschaft ist längst entschieden. Die Profis verdienen ein Geld. Da frage ich mich für was? Ist es das Wert? Leisten nicht andere Sportler für einen Bruchteil des Salärs genau so viel? Da werden Clubs zu Weltmarken aufgebaut. Da hat der Fan überhaupt keinen regionalen Bezug zum Club mehr. Der Club selbst versucht durch Folklore diesen Bezug zu stiften und alle Welt denkt in München laufen sie nur in Lederhosen rum (können die Spieler eigentlich alle "Mia san mia" fehlerfrei aussprechen?) im Ruhrpott dagegen gibt es nur die ehrlichen Malocher. Dort läuft der sympathischste Club der Liga in schwarz gelb rum. Hauptsache es wird ein Image aufgebaut und gepflegt, weil sichs gut verkauft. Und mein eigener Club kämpft jedes Jahr gegen den Abstieg. Die Fußballnationalmannschaft ist total erfolgreich. Immer im Halbfinale großer Turniere, kommt aber über den 3. Platz nie hinaus. Und plötzlich interessieren sich Menschen für Fussball, die Einwurf vom Abschlag nicht unterscheiden können. Und trotzdem komme ich nicht davon los! Na ja ich gehe mangels Zeit und weil mein Verein (bin weggezogen) sein Heimspiele hunderte Kilometer von meinem Wohnort enfernt austrägt, eh nicht mehr ins Stadion. Schade eigentlich.
ge1234 02.03.2014
3. Mehrwert
Natürlich hat das Leben mehr zu bieten als nur Fussball. Kirchgänge, Drachensteigen und Waldspaziergänge gehören jedoch definitiv nicht dazu!
betaknight 02.03.2014
4. Liegt vielleicht daran...
Zitat von sysopCorbisDie schönste Nebensache der Welt ist für echte Fans eine lästige Sucht. Im Roman "Nie wieder Fußball!" plant eine Selbsthilfegruppe den kalten Entzug. Doch die Fans müssen erkennen, dass ein Leben mit Zoo- statt Stadionbesuchen auch nicht unbedingt sinnvoller ist. http://www.spiegel.de/sport/fussball/nie-wieder-fussball-roman-ueber-aussteiger-von-stefan-tillmann-a-954010.html
dass ich kein Fußball Fan bin, aber irgendwie empfinde ich diesen Satz eher als Beleidigend und unwahr. Generell ist es einfach nur ein Spiel oder eine Tätigkeit wie jede andere die zur Sucht führen kann, aber öffentlich anerkannt wird. Wenn jemand zum Beipiel im Wochenende zum Fußball geht wird dies gesellschaftlich als normal und ok empfunden und sogar eher verharmlost. Wenn jemand hingegen regelmäßig ein anderes Hobby nachgeht, wa sgenauso zeitkonsumierend ist, wird dies plötzlich als Bedenkenswert empfunden und Tugendwächter stehen vor der Tür und sagen, dass die Leute dann plötzlich ein Problem haben. ich meine Ersetzen sie mal im Text jedesmal Fußball durch irgend ein anderes Hobby, der Effekt ist interressant.
king.woita 02.03.2014
5. mir fällt es mittlerweile sehr leicht.
seit meine löwen sich an einen arabischen investor gehängt haben, ist es aus bei mir mit sechzig und nach und nach auch mit dem fussball im allgemeinen. zur miete im überdimensionierten, seelenlosen betonboot beim erzfeind spielen zu müssen konnte man noch ertragen, indem man nur noch auswärts und zu den amas gegangen ist. aber auch noch geld aus jordanien. benötigen, um das leid zu verlängern, war zu viel. und da sich auch der gesamte fussball in eine blöde richtung entwickelt hat (kommerzlogen, anstosszeiten abhängig von tv-rechten, übermächtige bayern, ein abgewerteter europa-cup (wie geil war bitte de uefa-cup?) und eine aufgedunsene CL, retortenclubs, nerviger nationalmannschaftshype inkl. schönspielerei aber ohne titelgewinne, etc...) schaue ich mittlerweile nicht mal mehr die sportschau. mir geht das ganze mittlerweile wirklim am a.... vorbei. im winter geh ich halt jetzt an den WEs vermehrt skifahren und in die sauna. und auch im sommer gibts genug, was den fussball gleichwertig ersetzt. biergarten, radeln, grillen.... echt gar nicht so schlecht, ein leben ohne fussball
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