Niederlage gegen Leverkusen Bayern schreiben Meisterschaft ab

Das war's wohl mit den Titelträumen: Nach der klaren Niederlage bei Bayer Leverkusen hat der FC Bayern sieben Punkte Rückstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund. Der Rekordmeister selbst hat die Meisterschaft schon abgeschrieben - es mangelt an einer typischen FCB-Stärke.

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Von , Leverkusen


Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf die Krise eines geliebten Fußballvereins zu reagieren. Direkt nach unerwarteten Niederlagen bricht häufig das Gefühl des Zorns hervor, auch Uli Hoeneß hat das oft erlebt.

Doch nach der desillusionierenden 0:2-Niederlage bei Bayer Leverkusen wirkte der Präsident des FC Bayern nicht wütend, ein Ausdruck echter Trauer lag in seinen Zügen. Der rot-weiße Schal baumelte schlaff um seinen Hals, alles Aufrütteln der vergangenen Wochen war ohne nachhaltige Effekte verpufft. Öffentlich äußern mochte er sich nicht, dafür sagte Sportdirektor Christian Nerlinger, jenen Satz, der in München über die Jahre zum Inbegriff des Versagens geworden ist: "Ab dem heutigen Tag müssen wir sicher nicht mehr von der Meisterschaft sprechen." Weil der BVB im späten Samstagsspiel 2:1 gegen Mainz gewann, hat der Titelverteidiger in der Tabelle nun schon sieben Punkte Vorsprung auf die Münchner.

Die Bayern hatten gehofft, dass der Sieg gegen den FC Schalke vom vorigen Wochenende die Krise beendet hatte. Doch daraus wurde nichts. "Es ist Scheiße, letzte Woche alles gut und glücklich, jetzt Kopf kaputt", sagte Franck Ribéry. Dabei hatten die Bayern gut begonnen. "Wir hatten in den ersten 20 Minuten richtig viel Glück", sagte nach dem Spiel auch Leverkusens Trainer Robin Dutt.

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Grafische Analyse: Dutt mutig, Bender laufstark, Robben glücklos
Der Rekordmeister hatte hervorragende Chancen, Thomas Müller (2./36. Minute), Arjen Robben (13.), und vor allem Mario Gomez, der bereits den Leverkusener Torhüter Bernd Leno ausgespielt hatte und mit seinem Schuss an Manuel Friedrichs Fuß auf der Linie scheiterte (40.) hätten das Spiel früh entscheiden können. Aber in den Auswärtsspielen des Jahres 2012 fehlt dem FC Bayern einfach die Effizienz.

Eigentlich gehört es ja zu den genuinen Stärken der Münchner, sich nach Rückschlägen wütend zu wehren und Spiele zu drehen. In Leverkusen hatten sie nach dem 0:1 durch Stefan Kießling (79.) keine einzige Torchance mehr. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison hatte Manuel Neuer sich vor diesem Treffer verschätzt. Auch der für rund 20 Millionen Euro aus Schalke verpflichtete Torhüter ist derzeit nicht der Spieler, der wie erhofft Punkte für die Bayern gewinnt.

Nerlinger meinte dennoch feststellen zu können, dass er der Mannschaft "vom Einsatz, von der Einsatzbereitschaft und vom Willen her keinen Vorwurf machen" könne. Und Heynckes war so geschickt, jede kritische Frage mit einer positiv klingenden Antwort zu kontern. Selbst den für alle sichtbaren Streit zwischen Müller und Jérôme Boateng, der sich über die wenig motivierte Defensivarbeit des Kollegen beschwert hatte, wertete der Trainer als Zeichen der Hoffnung. "Es ist ganz wichtig, dass Emotionen gelebt werden", sagte er im Bemühen, den immer konkreter werdenden Eindruck zu entkräften, dass diese Münchner Mannschaft nicht als Kollektiv funktioniert.

Die Bayern schwächeln, Bayer blüht auf

Wenigstens die Kunst der Deeskalationsrhetorik beherrscht Heynckes meisterhaft, die richtigen Impulse vermag er der Mannschaft hingegen derzeit nicht zu geben. Das sehen auch Hoeneß und Nerlinger - doch eine öffentliche Debatte über den hoch geschätzten 66-Jährigen würden die Münchner Verantwortlichen niemals führen. Toni Kroos erwiderte auf die Frage nach einer solchen Diskussion: "Das wäre fehl am Platz."

Deutschlands Vorzeigeclub wirkt zur Zeit ziemlich ratlos, im Spiel finden sie unter Druck selten die richtige Lösung. "Die Bayern sind abgetaucht", beschrieb Leverkusens Daniel Schwaab seine Eindrücke aus der zweiten Halbzeit.

Bayer hingegen blüht vier Tage vor dem Champions League-Rückspiel beim FC Barcelona auf. Karim Bellrabi machte in der 90. Minute den 2:0-Erfolg perfekt. Es war der dritte Leverkusener Sieg in Folge, der Rückstand auf den vierten Platz ist auf vier Punkte geschrumpft, "ich hatte ihnen den Aufwärtstrend ja schon vor Wochen mit auf den Weg gegeben", sagte Dutt zu den Journalisten und fügte genussvoll an: "Jetzt sieht es hoffentlich jeder."

Bayer Leverkusen - Bayern München 2:0 (0:0)
1:0 Kießling (79.)
2:0 Bellarabi (90.)
Leverkusen: Leno - Schwaab, Manuel Friedrich (46. Derdiyok), Toprak, Kadlec - Reinartz, Lars Bender - Castro, Renato Augusto (89. Rolfes), Schürrle (83. Bellarabi) - Kießling
München: Neuer - Rafinha, Boateng, Badstuber, Lahm - Luiz Gustavo, Alaba - Thomas Müller (82. Petersen), Toni Kroos (74. Olic), Robben - Gomez (61. Ribéry)
Schiedsrichter: Gräfe
Zuschauer: 30.210 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Toprak (2), Reinartz (4) - Boateng (2), Luiz Gustavo (4)

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