Niederländischer Fußball in der Krise Zeit für die Oranje-Revolution

Ohne Holland zur WM? Schon wieder drohen die Niederlande ein großes Turnier zu verpassen. Es gibt nur noch wenige Talente, eine Ära scheint beendet. Der Verband hat viel zu lange die Augen verschlossen.

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Von dem Trainer Johann Georg Friedrich Grim hat die Fußballwelt noch nicht viel gehört. Der Name klingt so, als sei der Mann ein Komponist aus dem 17. Jahrhundert, und tatsächlich steht Johann Georg Friedrich, genannt Fred, Grim vor so etwas wie einer Ouvertüre. Denn wenn der bisherige Assistenzcoach am Abend die niederländische Nationalmannschaft diesmal als Cheftrainer im Testspiel gegen Italien (Anpfiff 20.45 Uhr) betreut, ist Oranje wieder einmal am Neuanfang angekommen. Ungewollt.

Grim hat bislang die U21 der Elftal trainiert, er war mal als Cheftrainer beim Zweitligisten FC Almere, zuvor stand er als Profi-Torwart zwischen den Pfosten und darf sich immerhin über die Auszeichnung "Bester Torhüter in der Geschichte des SC Cambuur" freuen. Auch Cambuur kickt in der zweiten niederländischen Division.

Kurz: Grim ist nicht unbedingt der Mann, dem man aufgrund seiner Biografie sofort das Schicksal des ruhmreichen niederländischen Fußballs anvertrauen würde. Das denkt wohl auch der Verband KNVB so und hat Grim nach der Entlassung von Vorgänger Danny Blind lediglich zur Übergangslösung ernannt. Ein anderer, möglichst prominenterer Trainer soll danach gefunden werden. Einer, der dann unverzüglich die fast unmögliche Aufgabe bewerkstelligen soll, die Mannschaft doch noch zur WM 2018 zu führen.

Mehr als ein Betriebsunfall

Oranje hat unter dem kreuzunglücklichen Danny Blind bereits die EM 2016 verpasst, das war in dem Nachbarland, in dem der Fußball der Nationalmannschaft seit den Siebzigerjahren fester Bestandteil der nationalen Identität ist, bereits als Blamage empfunden worden.

Jetzt jedoch das zweite Turnier in Folge zu versäumen, wäre weit mehr als ein Betriebsunfall. Es wäre ein deutliches Zeichen dafür, dass in den Niederlanden etwas Großes zu Ende geht.

30 Jahre lang hat sich Oranje darauf verlassen können, immer wieder neue aufregende Talente nach oben gebracht zu haben: von Marco van Basten bis Ruud Gullit, von Frank Rijkaard bis Mark van Bommel, von Edgar Davids bis Patrick Kluivert, von Dennis Bergkamp bis Marc Overmars, von Rafael van der Vaart bis Arjen Robben.

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Die berühmte Ajax-Schule schien ein niemals versiegender Quell zu sein, dazu kamen markante Trainerpersönlichkeiten wie Louis van Gaal und Guus Hiddink und natürlich über allem der große Johan Cruyff, es waren 30 fette Jahre, die Niederlande, dieses kleine Land am Meer, wurde Europameister 1988, WM-Vierter 1998, Vizeweltmeister 2010 und noch einmal Dritter 2014.

Dass dies nicht ewig so weitergehen kann, in einem Land, das gerade einmal 16,8 Millionen Einwohner hat, ist eigentlich absehbar, und jetzt ist es eben so weit. Das ist daher kein dramatischer Vorgang, sondern normal. In der Geschichte des ewig erfolgreichen Oranje-Fußballs wird gerne vergessen, dass es nach der rauschenden Cruyff-Ära der Siebzigerjahre auch ein Jahrzehnt des Niedergangs gab, eine Zeit, in der die Niederlande in Reihe die Großereignisse verpasste.

Fußball funktioniert in Zyklen. Andere Nationen haben das auch mitgemacht: Die Italiener, die Franzosen, die Portugiesen. Auch die DFB-Elf hatte ihre Zeit der Rumpelfußballer, man denke nur an die Turniere 2000 und 2004. Die Belgier haben Jahrzehnte gebraucht, um die Spielergeneration hervorzubringen, die derzeit in ganz Europa begeistert.

Koeman wollte den Job, Hiddink bekam ihn

Wenn dann noch hausgemachte Probleme hinzukommen, passiert eben das, was dem Oranje-Fußball derzeit widerfährt. Vor drei Jahren nach der WM in Brasilien und dem Abgang des Generals van Gaal stand der KNVB vor der Frage: Ernennen wir den ehrgeizigen, aber damals noch wenig erfahrenen Ronald Koeman zum Bondscoach? Koeman, ehemalige Leitfigur der Nationalmannschaft, hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er den Job wollte.

Stattdessen setzten sich die Beharrungskräfte im Verband durch, und man kürte den alten Fahrensmann Hiddink. Wie in dem Werbespot der Sparkasse, wo die Manager am Ende sagen: "Wir machen das mit den Fähnchen." Koeman ging beleidigt in die Premier League, wo er erfolgreich zunächst Southampton und jetzt den FC Everton trainiert, Hiddink, längst über den Zenit hinaus, führte gemeinsam mit Assistent Blind die Elftal in Richtung EM-Aus.

Seit 2004, also seit dem Jahr, in dem Jürgen Klinsmann und Joachim Löw beim DFB ihren Job angetreten haben, hat Oranje fünf unterschiedliche Bondscoaches gehabt: van Basten, Bert van Marwijk, van Gaal, Hiddink und Blind. Statt konsequent und nachhaltig aufzubauen, wie das in Deutschland geschehen ist, hat man den Status verwaltet, viel zu lang an alten Stars festgehalten. Dass Blind bei der peinlichen 0:2-Niederlage gegen Bulgarien nichts anderes mehr einfiel, als zur Pause den 32-jährigen Wesley Sneijder zu bringen, dessen Verdienste ebenso unstrittig wie vergangen sind, zeigt den Notstand. Blind ist das noch nicht einmal vorzuwerfen. Es gibt keine Besseren derzeit.

Nicht bereit für den Neuanfang

Nach wie vor hat Holland seine Talente, im Kader gegen Bulgarien standen acht Spieler, die erst knapp über 20 sind. Aber Rick Karsdorp, Matthijs de Ligt, Tonny Vilhena oder Kenny Tete sind eben keine Bergkamps.

Jetzt wäre die Zeit für einen Neuanfang. Dass der Verband jedoch stattdessen mit dem Gedanken spielt, erneut den Pensionär van Gaal zu bitten, und als Plan B der 62-jährige Henk ten Cate gehandelt wird, einer, der in seiner Laufbahn schon 18 Trainerstationen angehäuft hat, spricht nicht dafür, dass man im KNVB schon bereit ist für den notwendigen harten Schnitt.

Oranje wird sich vermutlich damit abfinden müssen, dass man auch 2018 nur Zuschauer bei einem großen Turnier ist. Eine Ära ist vorbei.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
dosmundos 28.03.2017
1. Wo ist der Spaß?
..."Ohne Holland" zu singen, wenn ohne Holland der Dauerzustand bei WM und EM ist?
trompetenmann 28.03.2017
2. Vielleicht sind die Holländer gar nicht so viel schlechter als früher...
...sondern die anderen viel besser geworden?
hartmutw 28.03.2017
3. Die Analyse greift leider etwas kurz...
... und beschränkt sich weitgehend auf das aufzählen von Erfolgen, Misserfolgen und Spielernamen. Über die Ursachen der Krise wird kein Wort verloren, dabei kann man das schon wissen :-): 1) Durch das Bosman-Urteil fielen satte Ablösesummen für Nachwuchstalente oftmals weg oder geringer aus. Das schmerzt das kleine Holland - ganz speziell Ajax - mehr als die große Premier League. 2) Der Vorsprung im taktischen Bereich (Cruyffs Voetbal total) und in der Nachwuchsausbildung konnte mangels Geld nicht gehalten oder gar ausgebaut werden. Andere Nationen hingegen haben stark aufgeholt. 3) Immer mehr Talente verlassen Holland immer früher, bedingt durch den immer aggresiver werdenden Transfermarkt. Dadurch absolvieren sie grosse Teile ihrer "Ausbildung" oftmals schon bei einem ausländischen Club, was zum Verlust einer einheitlichen holländischen Spielkultur führt - letztere war einhergehend mit dem "blinden" taktischen Verständnis eben auch ein großer Vorteil der N11. Ich fände es wünschenswert, das ein Magazin mit Anspruch wie SPON auch auf solche Hintergründe eingeht. Leicht zu lösen sind diese nicht und ein neuer Trainer kann auch nur begrenzt Einfluss nehmen.
mwroer 28.03.2017
4.
"Oranje wird sich vermutlich damit abfinden müssen, dass man auch 2018 nur Zuschauer bei einem großen Turnier ist." Sonst geht's aber gut ja? Wie verzweifelt wir allerdings sind sieht man daran dass bei der Umfrage im Telegraaf ein Deutscher auf Platz 3 der gewollten Trainer kam :( Macht Euch keine Sorgen. Wir schaffen dass .. oh Moment, Mist :(
rieberger 28.03.2017
5. Nix mehr
Iregndwie schade, wenn der bestgehasste Gegner nicht mehr dabei ist. Es fehlt etwas. Nun ja, nicht unbedingt Koeman et alieni.
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