Niersbach im Siegesrausch Ein Präsident flippt aus

Ruhig bleiben, noch ist nichts gewonnen - das war das Motto der deutschen Nationalmannschaft nach dem 7:1-Triumph gegen Brasilien. Blöd nur, dass der eigene Präsident dabei nicht mitmachen wollte.

DFB-Präsident Niersbach: "Der vierte Stern muss her"
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DFB-Präsident Niersbach: "Der vierte Stern muss her"

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Ein 7:1 in einem WM-Halbfinale, noch dazu gegen den Gastgeber, das ist schon ein Grund, ins Schwärmen zu geraten. Den deutschen Nationalspielern und Bundestrainer Joachim Löw war nach dem beeindruckenden Sieg gegen Brasilien jedoch nicht nach abheben zumute.

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Heft 28/2014
Die kühnen Strategien des Joachim Löw

"Wir sind noch nicht am Ziel. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen", sagte Torschütze Thomas Müller. "Es ist noch nichts erreicht", sagte auch Teammanager Oliver Bierhoff. Und Bundestrainer Joachim Löw mahnt: "Ein bisschen Demut ist jetzt auch ganz gut, es geht weiter. Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir bis zum Finale am Sonntag konzentriert bleiben."

Zu dumm, dass Löws Chef den Appell offenbar nicht mitbekommen hatte: Als der vom Glück des historischen Triumphes beseelte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach vor das ZDF-Mikrofon trat, setzte er zu einer Liebeserklärung an, die ihresgleichen sucht. Es sei ein historischer Tag, nicht nur für Deutschland, sondern "für den Fußball in der Welt". "Ich weiß nicht, was man sagen soll, sensationell reicht nicht aus, märchenhaft - das ist alles zu schwach", jubelte Niersbach siegestrunken weiter.

Niersbach genoss ganz offensichtlich den Glanz, den der zweifelsohne beeindruckende Auftritt der Nationalmannschaft offensichtlich abstrahlte: "Auf der Ehrentribüne haben mich die Leute nur angeguckt", sagte Niersbach stolz: "Das war Fußball von einem anderen Stern." Die deutschen Spieler vermieden größtenteils solche Superlative.

Und es war nicht die einzige Diskrepanz zwischen dem Verhalten von Niersbach und den Spielern. Nach dem Abpfiff erwiesen sich die DFB-Spieler und deren Trainer als faire Sportsmänner: Schweinsteiger, Lahm, Löw und Co. verzichteten auf übertriebene Jubelstürme und trösteten stattdessen die brasilianischen Gegenspieler. Niersbach hingegen wollte sich mit dem Trauma für das Gastgeberland nicht befassen. Ob er nicht Mitleid mit den Brasilianern gehabt hätte, wurde er vom ZDF-Reporter gefragt. Niersbach Antwort, die im Originalton noch unsympatischer wirkt, als aufgeschrieben: "Ach, nee. Ich hab' mich nur für unsere Mannschaft begeistert."

Im Übermut feixte er dann sogar noch weiter, dass wenn man "ganz, ganz streng" sei, das Gegentor doch nicht hätte sein müssen. "Aber da sind wir ja heute sehr, sehr großzügig", sagte er. Dass der Jubel-Gaul mit ihm durchgegangen war, bemerkte der 63-Jährige dann während des zweiminütigen Gespräch selbst: "Ja, natürlich, jetzt nicht total ausflippen. So gern' ich es auch möchte", stammelte er - um dann die Forderung nach dem Titel nachzuschieben: "Der vierte Stern muss her!" Kurz vor der Wegblende relativierte er dann noch lachend: "Soll her!"

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insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
Mans Heiser 09.07.2014
1.
Zitat von sysopDPARuhig bleiben, noch ist nichts gewonnen - das war das Motto der deutschen Nationalmannschaft nach dem 7:1-Triumph gegen Brasilien. Blöd nur, dass der eigene Präsident dabei nicht mitmachen wollte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wolfgang-niersbach-interview-zum-deutschland-sieg-gegen-brasilien-a-980044.html
Da kann man ja jetzt nur auf eine Niederlage hoffen, damit er seine Quittung kriegt.
drjackl 09.07.2014
2.
man darf sich also wie blöd freuen, wenn man 1:0 gewinnt, bei 7:1 muss man sich aber zurückhalten? Komische moralische Normen sind das.
dr.könig 09.07.2014
3. Verständnis für Euphorie
Zitat von sysopDPARuhig bleiben, noch ist nichts gewonnen - das war das Motto der deutschen Nationalmannschaft nach dem 7:1-Triumph gegen Brasilien. Blöd nur, dass der eigene Präsident dabei nicht mitmachen wollte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wolfgang-niersbach-interview-zum-deutschland-sieg-gegen-brasilien-a-980044.html
Ich kann den Herrn Niersbach verstehen. Die Brasilianer wären umgekehrt doch irrsinnig geworden.Samba Brasil ist zu wenig. Wenn am Sonntag der Quattro geholt wird, Frau Merkel vom Königspaar aus Holland gratuliert bekommt, spätestens dann werden die wenigen unzufriedenen bei uns auch jubeln. Mein Tipp : Germany gewinnt 3 : 0
imZweifel-richtig 09.07.2014
4. Na und?
Muss immer der Gegensatz zwischen Funktionären und Aktiven betont werden? Jeder Fan war sicherlich begeistert von der deutschen Mannschaft und die Gefühle für die Brasilianer lassen sich am besten mit "Mitleid" beschreiben. Die Reaktionen der Mannschaft würde ich eher pragmatisch nennen. Zum einen muss man ja nicht zwanghaft aus einem Stadion nach Abpfiff einen Hexenkessel machen, indem man den Dicken raushängen lässt (womit andere Mannschaften sicher weniger Probleme gehabt hätten). Und zum anderen gilt es, nicht abzuheben. Die Konzentration aufs nächste Spiel muss erhalten bleiben.
bluemetal 09.07.2014
5. Ja und ?
Warum sollte er sich nicht freuen ? Was soll dieser verklemmte Spiegel Artikel wie es ihn so wohl leider nur in Deutschland geben kann ?
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