Neuer Trainer im Taktikprofil Passt Niko Kovac zum FC Bayern?

"Herz ist wichtiger als Taktik" - so redete Niko Kovac in seiner Anfangszeit als Trainer. Künftig soll er in München Titel holen. Fragt sich, ob das passt.

Niko Kovac
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Niko Kovac

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Irgendwann hatte Uli Hoeneß genug. "Wir sind hier nicht bei der Staatsanwaltschaft", sagte Bayerns Präsident, als er nach dem Zeitpunkt der Verpflichtung von Niko Kovac gefragt wurde. Die wichtigste Frage wurde durch die Posse rund um den Transfer überlagert:

Ist der Trainer Niko Kovac gut genug für den FC Bayern?

Für Kovac, 46, ist der Posten in München der dritte als Chef einer Profimannschaft im Herrenfußball. Noch vor drei Jahren haftete ihm der Ruf des Antitaktikers an. Ein Gegenstück zu dem, wofür etwa Thomas Tuchel steht, den sie in München wohl eigentlich als Nachfolger für Jupp Heynckes haben wollten.

Oslo im September 2015, das EM-Qualifikationsspiel zwischen Norwegen und dem von Kovac trainierten Kroatien. Es ist ein Schlüsselduell auf dem Weg zur EM in Frankreich, für Kovac wird es zum Debakel. Norwegen verteidigt in einem 4-4-2, gut organisiert, auf Konter lauernd. Das Bild kennt man aus Bundesligaspielen der Bayern: ein Team in der Defensive, das andere hat den Ball. Kovac sieht, wie seine Mannschaft kaum Chancen kreiert, die Partie endet 0:2 aus kroatischer Sicht. Hinterher beklagt Superstar Luka Modric das Fehlen eines Konzepts, Kovac sagt Sätze wie den, dass "Taktik unwichtig" sei, solange man "mit Herz" spiele. Kurz darauf trennt sich der Verband vom Coach.

Wer das Spiel gesehen hatte und die Aussagen hörte, dem kamen Zweifel an Kovacs Eignung als Trainer.

Wer heute Spiele von Frankfurt sieht, der staunt, wie stark sich ein Trainer in kurzer Zeit entwickeln kann.

Anfang April dieses Jahres, die Eintracht spielt in Bremen, sie will Platz vier behaupten. In seinen zwei Jahren im Klub hat Kovac das Team erst vor dem Abstieg bewahrt und dann in einen Champions-League-Kandidaten verwandelt. Gegen Werder spielt die Mannschaft mit klar erkennbarer Idee. Sie verteidigt mal mit Dreier- mal mit Viererkette, auch die Offensivformation ist variabel, wie fast immer in dieser Saison. Was die Eintracht vom Großteil der Bundesligisten abhebt, die aus Vorsicht vor möglichen Ballverlusten im Aufbau lange Bälle in die Spitze bevorzugen: Sie will Fußball spielen, nicht bloß Fußball kämpfen. Kovac, der Antitaktiker? Von wegen.

Allerdings gilt das vor allem für die Organisation ohne Ball und den Aufbau. Am Herausspielen von Torchancen hapert es. Das wird in der Partie gegen Werder besonders deutlich, als Bremen in Hälfte zwei defensiver wird. Frankfurt verliert 1:2.

Anders als die Bayern oder auch der BVB unter Tuchel ist die Eintracht nicht besonders gut darin, Gegner in die Defensive zu drängen, um dann mittels Rhythmuswechseln, Dribblings oder Kombinationen zu Chancen zu kommen. 41 Ligatreffer hat Frankfurt bislang erzielt. 16 davon resultierten aus ruhenden Bällen (Freistößen, Ecken, Elfmetern, Einwürfen). Die zweitmeisten fielen im Anschluss an Balleroberungen, oft in der gegnerischen Feldhälfte, also in Situationen, in denen der Gegner erwischt wird, wenn er unsortiert ist.

Für den FC Bayern ist es wichtig, Mittel gegen eine organisierte Defensive zu finden. Nimmt man die Frankfurter zur Grundlage, kommen Zweifel daran, ob Kovac hier die Idealbesetzung ist. Nur zehn der 41 Treffer fielen gegen Defensivverbünde, bei denen die verteidigenden Spieler ihre Positionen hinter dem Ball eingenommen hatten. Allein fünf davon gingen lange Bälle in die Spitze voraus. Das sind nicht die Werte eines guten Offensivtrainers.

Zwar lässt sich einer Mannschaft, die noch vor zwei Jahren gegen den Abstieg kämpfte, schwer vorwerfen, dass sie nicht drei Tore pro Partie erzielt. Von allen Teams, die aktuell um Europa spielen, hat jedoch niemand seltener getroffen als Frankfurt. Nur Schalke (48,7) hat weniger Ballbesitz pro Spiel als Frankfurt (49,1). Und hätte man jemandem, der mit Fußball nichts am Hut hat, die 90 Minuten vom Samstag zwischen Leverkusen und Frankfurt (4:1) gezeigt und ihm erzählt, einer der beiden Trainer ginge im Sommer zum Rekordmeister, er hätte zweifelsfrei auf Heiko Herrlich und dessen beeindruckenden Offensivstil getippt.

Kaum ein Bundesligist sprintet häufiger als Frankfurt

Kovacs Angriffsmittel der Wahl sind Tiefenläufe. Sobald abzusehen ist, dass ein Spieler im Mittelfeld unbedrängt den Ball annehmen und sich in Richtung Tor drehen kann, sprinten die Stürmer los. Oft folgt ein Pass in Richtung Grundlinie, dann ein Querpass gen Strafraummitte. Das lässt Frankfurts Angriffe wuchtig wirken. Und ist sehr laufaufwendig.

Kaum ein Bundesligist sprintet in 90 Minuten häufiger als die Eintracht. Kaum jemand läuft so oft ins Abseits. Niemand sieht mehr Gelbe Karten. Kaum jemand foult öfter. Körperlichkeit und, in Kovacs Duktus, Wille sind also noch immer Basiselemente unter dem Coach. In München, wo die Gegner defensiv eingestellt sind und die Belastung größer ist, sollte Finesse hinzukommen.

Entscheidender als taktische Meisterleistungen ist im Bundesligaalltag womöglich ohnehin die Rolle als Moderator, der Altstars wie Franck Ribéry, 35, und Arjen Robben, 34, erklärt, weshalb sie nicht spielen (falls diese denn ihre auslaufenden Verträge verlängern). Was zur zweiten Schlüsselqualifikation des Bayern-Trainers führt: aus großen Talenten richtige Stars machen.

Dass er Spieler verbessern kann, hat Kovac gezeigt

Der Kader ist der zweitälteste der Liga, das Geld, das Weltklassespieler inzwischen kosten, scheint der Klub nicht ausgeben zu wollen. Also muss sie der Trainer entwickeln. Das wiederum könnte Kovac liegen. Mit Jesús Vallejo oder Omar Mascarell in der vergangenen sowie Luka Jovic oder Marius Wolf in dieser Saison hat er gezeigt, dass er Spieler enorm verbessern kann.

Ohnehin entscheidet nicht der Gewinn der Meisterschaft darüber, ob ein Bayern-Trainer erfolgreich ist. Dieser Titel ist eingeplant. Entscheidend sind K.-o.-Spiele wie das am Abend gegen Leverkusen im Pokal (20.45 Uhr, TV: ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) oder die kommenden in der Champions League gegen Real Madrid.

Auf diese Saisonhighlights kommt es an, in denen gegnerische Stürmer nicht Guido Burgstaller heißen, sondern Cristiano Ronaldo, die Trainer nicht André Breitenreiter, sondern Guardiola, Klopp, Zidane oder Tuchel. Hier zeigt sich, ob ein Coach in der Lage es, einen Matchplan zu ersinnen, der gut durchdacht ist. Und ob er in der Lage ist, seine Stars von diesem Plan zu überzeugen.

Ob Kovac das gelingt? Zweifel daran bleiben. Das Risiko aber scheinen sie beim FC Bayern in Kauf zu nehmen. Von Interesse an Top-Trainern wie Antonio Conte, der beim FC Chelsea aufhören könnte, war aus München jedenfalls nichts zu vernehmen.

insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
spon-41d-frm9 17.04.2018
1. Bei den Bayern
geht es ja nicht darum Spieler zu verbessern oder um Herz oder Taktik in erster Linie. Bayern hat schon die besten Spieler und die gilt es bei Laune zu halten, zu motivieren und ihnen zu zeigen dass auch Superstars ihre Grenzen haben. Das alles schafft Jupp Heinkes und könnte jetzt erneut das Trippel holen . Das ist das Ziel vom FCB an den Trainer, und das schafft Kovac nicht. Ich denke er ist zu jung für den Job, er wird sich schwer tun sich den Respekt dieser Mannschaft zu erhalten. Ich geb ihm eine Saison, dann fliegt er wieder raus
dr.ironie 17.04.2018
2. Kaffeesatz
Ich muss mal schnell im Kaffeesatz von gerade nachsehen, was da drin steht. Ich denke, man muss einfach abwarten, was passiert und wie sich Kava? verhält und schlägt. Der Artikel ist nett, aber Rückschlüsse lässt er nicht zu. Siehe Ancelotti, da dachte man, er passt perfekt und es ging schief.
Schlaflöwe 17.04.2018
3. Passt dahin
Kovac hat seine Glaubwürdigkeit völlig ruiniert; ob er mit der AG der Unsympathischen sportlich erfolgreich sein kann, vermag heute noch niemand einzuschätzen. Jedenfalls passt er dahin.
-volver- 17.04.2018
4. ...
Ancelotti war doch auch ein top-trainer... er brachte eigentlich alles mit um eine startruppe zum triple zu führen. vll. sollte das risiko eines unerfahrenen teainers mal eingegangen werden. wann hat denn barca das letzte mal einen startrainer verpflichtet? Sie waren es vll. nachdem sie barca verließen.
verbal_akrobat 17.04.2018
5. Gut kommentiert
Zweifelsfrei einer der besseren Sportartikel in letzter Zeit, man könnte auch sagen "Nagel auf den Kopf"...
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