Von Birger Hamann und Lukas Rilke
"Das ist ein guter Tag für den HSV." Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Clubs, war am Sonntag blendend gelaunt. Soeben hatte der Club in seiner Arena verkündet, dass der Däne Frank Arnesen neuer HSV-Sportchef wird. Einen Tag zuvor hatten die Hamburger an gleicher Stelle das prestigeträchtige Nordderby gegen Bremen gewonnen und Werder deklassiert. Binnen 20 Stunden war die zuvor so zerrüttete HSV-Welt wieder in Ordnung.
Dabei glich der Club zuvor einem Pulverfass. Nach der Niederlage im Stadtderby gegen den FC St. Pauli hagelte es Kritik. Die Fans gingen auf das Team los, sogar ein Anhänger-Boykott der Partie gegen Werder war im Gespräch. Und auch abseits des Platzes produzierte der Club mit Streit in den Führungsgremien und der peinlichen Sportchef-Suche fast durchgehend Negativ-Schlagzeilen.
Alles vorbei, alles vergessen, beim HSV ist wieder alles gut - nur nicht für Trainer Armin Veh.
"Es ist ganz entscheidend für die nächsten Jahre, wenn so eine Personalie kommt. Das ist für den HSV eine gute Sache", sagte der Coach mit Blick auf die Verpflichtung Arnesens. Von seiner eigenen Situation ist der 50-Jährige aber mittlerweile schwer genervt. "Wenn Du einen Einjahresvertrag hast, verlängerst Du den normalerweise im Winter. Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen", so Veh, der nach wie vor nicht weiß, wie es im Sommer mit ihm weitergeht.
HSV ist das viertbeste Team der Rückrunde
Bis zum 31. Mai dieses Jahres können beide Seiten aus dem bis zum 30. Juni 2012 datierten Zweijahresvertrag aussteigen. In der Winterpause hatte Veh mit Hoffmann zusammengesessen, um die Situation zu klären. Hinterher hieß es, man wolle weitere Ergebnisse abwarten. Die sprechen klar für Veh - dennoch gibt es bislang kein deutliches Bekenntnis zum Trainer.
Von den sechs Spielen in der Rückrunde gewann der HSV vier, ist hinter dem FC Bayern, Nürnberg und Borussia Dortmund viertbestes Team seit der Winterpause. In der Tabelle liegt Hamburg auf Platz sieben, nur einen Punkt hinter dem Fünften Mainz 05 und dem anvisierten Europapokalplatz. Dennoch wird in der Hansestadt immer wieder kolportiert, Assistenztrainer Michael Oenning könne Veh als Chefcoach ablösen. Bei der Verkündung der Arnesen-Entscheidung stellte Hamburgs Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff klar: "Das war die wichtigste Personalentscheidung im sportlichen Bereich." Ein weiteres Indiz, dass Vehs erste Saison beim HSV auch seine letzte sein könnte.
Der Schreck über die Partie war dem Team nach Schlusspfiff deutlich anzumerken. "Kollektives Versagen" (Clemens Fritz), "Debakel" (Torsten Frings), "richtig was auf die Mütze bekommen" (Thomas Schaaf) - man bemühte sich gar nicht erst, die Leistung schönzureden.
Im Mittelpunkt stand einmal mehr Per Mertesacker. In der Vorwoche noch gefeierter Schütze zum 1:1-Ausgleich gegen Hannover, war der Nationalspieler in Hamburg mit zwei schweren und einem mittelschweren Fehler mitschuldig an drei der vier Gegentreffer. Es war, wie schon so oft in dieser Saison: Fehlt Mertesacker oder spielt er schlecht, fällt Werder in der Defensive auseinander. Ohne den langzeitverletzten Naldo fehlen Schaaf die Alternativen. Mikael Silvestre spielt seit seiner Verpflichtung im Sommer im besten Fall auf unterem Bundesliga-Durchschnitt. Auch Sebastian Prödl, Clemens Fritz und Petri Pasanen wirken selten stabilisierend, Dominik Schmidt absolvierte gegen den HSV erst sein fünftes Bundesliga-Spiel.
Werder-Anhänger stellten das Team nach der Rückkehr aus Hamburg
So bleibt den Verantwortlichen fast nur die Hoffnung, dass der Brasilianer Wesley bald fit wird, Claudio Pizarro seine erneute Muskelverletzung schnell auskuriert und Mertesacker in Hamburg einfach nur einen ganz schlechten Tag hatte. Der zumindest ist sich sicher, "zukunftstechnisch keine Probleme" zu haben, wie sich der 26-Jährige etwas kryptisch äußerte.
Die Aussagen von Kapitän Frings wirkten derweil wie aus dem Handbuch für Fußballprofis in der Krise: "Wir können jetzt nur noch intensiver weitertrainieren, noch mehr Videoanalysen machen und die Fehler abstellen." Man müsse jetzt weiter hart arbeiten, forderte der 34-Jährige, "auch wenn das vielleicht nur Parolen sind." Geschäftsführer Klaus Allofs sieht vor allem die Spieler in der Bringschuld: "Die Mannschaft muss sich jetzt der Kritik der Fans stellen", forderte er nach Abpfiff.
Doch die Initiative ergriffen die Anhänger: Am Samstagabend warteten rund 250 Werder-Fans an der Rampe zum Weser-Stadion auf die aus Hamburg zurückgekehrte Mannschaft. Zunächst tauschten sich Allofs, Schaaf sowie Frings, Mertesacker und Fritz mit den Anhängern in einem, laut Vereinsangaben, "sachlichen Gespräch" aus. Später nahm auch der Rest der Mannschaft an dem spontanen Krisen-Gipfel teil.
"Es ist absolut korrekt, wie die Fans sich Gehör verschafft haben. Man hat ihnen die große Sorge um die aktuelle Situation bei Werder deutlich angemerkt", so Allofs. Er zeigte volles Verständnis für die Aktion, die sehr friedlich abgelaufen sei. "Die Art und Weise" wie sie das vorgebracht hätten, sei positiv und auch mutmachend gewesen, stellte Allofs fest.
Die Bremer Fans entließen ihr Team mit "Niemals zweite Liga"-Sprechchören in die Nacht. Leistet sich Werder aber weitere Auftritte wie den in Hamburg, müssen sie in Bremen auf ein Wunder von der Weser hoffen.
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