Nordclubs nach dem Derby: Lust in Hamburg, Frust in Bremen

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So deutlich war das Nordderby lange nicht mehr: Vier Tore schoss der HSV gegen Werder und liegt nun in Sichtweite der Europapokal-Plätze. Für Bremen war die Klatsche der Tiefpunkt einer Katastrophensaison, der Abstieg droht. Es rumort - in beiden Vereinen.

Jubelnde Hamburger, Bremer Profi Frings (r.): "Weitertrainieren und Fehler abstellen" Zur Großansicht
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Jubelnde Hamburger, Bremer Profi Frings (r.): "Weitertrainieren und Fehler abstellen"

"Das ist ein guter Tag für den HSV." Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Clubs, war am Sonntag blendend gelaunt. Soeben hatte der Club in seiner Arena verkündet, dass der Däne Frank Arnesen neuer HSV-Sportchef wird. Einen Tag zuvor hatten die Hamburger an gleicher Stelle das prestigeträchtige Nordderby gegen Bremen gewonnen und Werder deklassiert. Binnen 20 Stunden war die zuvor so zerrüttete HSV-Welt wieder in Ordnung.

Dabei glich der Club zuvor einem Pulverfass. Nach der Niederlage im Stadtderby gegen den FC St. Pauli hagelte es Kritik. Die Fans gingen auf das Team los, sogar ein Anhänger-Boykott der Partie gegen Werder war im Gespräch. Und auch abseits des Platzes produzierte der Club mit Streit in den Führungsgremien und der peinlichen Sportchef-Suche fast durchgehend Negativ-Schlagzeilen.

Alles vorbei, alles vergessen, beim HSV ist wieder alles gut - nur nicht für Trainer Armin Veh.

"Es ist ganz entscheidend für die nächsten Jahre, wenn so eine Personalie kommt. Das ist für den HSV eine gute Sache", sagte der Coach mit Blick auf die Verpflichtung Arnesens. Von seiner eigenen Situation ist der 50-Jährige aber mittlerweile schwer genervt. "Wenn Du einen Einjahresvertrag hast, verlängerst Du den normalerweise im Winter. Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen", so Veh, der nach wie vor nicht weiß, wie es im Sommer mit ihm weitergeht.

HSV ist das viertbeste Team der Rückrunde

Bis zum 31. Mai dieses Jahres können beide Seiten aus dem bis zum 30. Juni 2012 datierten Zweijahresvertrag aussteigen. In der Winterpause hatte Veh mit Hoffmann zusammengesessen, um die Situation zu klären. Hinterher hieß es, man wolle weitere Ergebnisse abwarten. Die sprechen klar für Veh - dennoch gibt es bislang kein deutliches Bekenntnis zum Trainer.

Von den sechs Spielen in der Rückrunde gewann der HSV vier, ist hinter dem FC Bayern, Nürnberg und Borussia Dortmund viertbestes Team seit der Winterpause. In der Tabelle liegt Hamburg auf Platz sieben, nur einen Punkt hinter dem Fünften Mainz 05 und dem anvisierten Europapokalplatz. Dennoch wird in der Hansestadt immer wieder kolportiert, Assistenztrainer Michael Oenning könne Veh als Chefcoach ablösen. Bei der Verkündung der Arnesen-Entscheidung stellte Hamburgs Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff klar: "Das war die wichtigste Personalentscheidung im sportlichen Bereich." Ein weiteres Indiz, dass Vehs erste Saison beim HSV auch seine letzte sein könnte.

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Bundesliga am Samstag: Bremen blamabel, Wolfsburg glücklos
Derlei Trainerdiskussionen gibt es in Bremen nicht. Aber ruhiger als beim HSV ist es bei Werder deshalb nicht, im Gegenteil: Der Club hat als 14. nur einen Punkt Vorsprung auf Relegationsplatz 16. Eine schlechtere Tordifferenz als Werder (minus 20) hat nur Schlusslicht Mönchengladbach (minus 24).

Der Schreck über die Partie war dem Team nach Schlusspfiff deutlich anzumerken. "Kollektives Versagen" (Clemens Fritz), "Debakel" (Torsten Frings), "richtig was auf die Mütze bekommen" (Thomas Schaaf) - man bemühte sich gar nicht erst, die Leistung schönzureden.

Im Mittelpunkt stand einmal mehr Per Mertesacker. In der Vorwoche noch gefeierter Schütze zum 1:1-Ausgleich gegen Hannover, war der Nationalspieler in Hamburg mit zwei schweren und einem mittelschweren Fehler mitschuldig an drei der vier Gegentreffer. Es war, wie schon so oft in dieser Saison: Fehlt Mertesacker oder spielt er schlecht, fällt Werder in der Defensive auseinander. Ohne den langzeitverletzten Naldo fehlen Schaaf die Alternativen. Mikael Silvestre spielt seit seiner Verpflichtung im Sommer im besten Fall auf unterem Bundesliga-Durchschnitt. Auch Sebastian Prödl, Clemens Fritz und Petri Pasanen wirken selten stabilisierend, Dominik Schmidt absolvierte gegen den HSV erst sein fünftes Bundesliga-Spiel.

Werder-Anhänger stellten das Team nach der Rückkehr aus Hamburg

So bleibt den Verantwortlichen fast nur die Hoffnung, dass der Brasilianer Wesley bald fit wird, Claudio Pizarro seine erneute Muskelverletzung schnell auskuriert und Mertesacker in Hamburg einfach nur einen ganz schlechten Tag hatte. Der zumindest ist sich sicher, "zukunftstechnisch keine Probleme" zu haben, wie sich der 26-Jährige etwas kryptisch äußerte.

Die Aussagen von Kapitän Frings wirkten derweil wie aus dem Handbuch für Fußballprofis in der Krise: "Wir können jetzt nur noch intensiver weitertrainieren, noch mehr Videoanalysen machen und die Fehler abstellen." Man müsse jetzt weiter hart arbeiten, forderte der 34-Jährige, "auch wenn das vielleicht nur Parolen sind." Geschäftsführer Klaus Allofs sieht vor allem die Spieler in der Bringschuld: "Die Mannschaft muss sich jetzt der Kritik der Fans stellen", forderte er nach Abpfiff.

Doch die Initiative ergriffen die Anhänger: Am Samstagabend warteten rund 250 Werder-Fans an der Rampe zum Weser-Stadion auf die aus Hamburg zurückgekehrte Mannschaft. Zunächst tauschten sich Allofs, Schaaf sowie Frings, Mertesacker und Fritz mit den Anhängern in einem, laut Vereinsangaben, "sachlichen Gespräch" aus. Später nahm auch der Rest der Mannschaft an dem spontanen Krisen-Gipfel teil.

"Es ist absolut korrekt, wie die Fans sich Gehör verschafft haben. Man hat ihnen die große Sorge um die aktuelle Situation bei Werder deutlich angemerkt", so Allofs. Er zeigte volles Verständnis für die Aktion, die sehr friedlich abgelaufen sei. "Die Art und Weise" wie sie das vorgebracht hätten, sei positiv und auch mutmachend gewesen, stellte Allofs fest.

Die Bremer Fans entließen ihr Team mit "Niemals zweite Liga"-Sprechchören in die Nacht. Leistet sich Werder aber weitere Auftritte wie den in Hamburg, müssen sie in Bremen auf ein Wunder von der Weser hoffen.

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1. Wer ist Werder?
menne61 20.02.2011
Man kann nur noch heulen. Ein Mertesacker der immer noch nach England will bekommt in keinem Spiel mehr seine langen "Hessen"(Beine) sortiert. Der Frings glänzt nur noch mit einer großen Klappe, der Lütsche(Marin)will immer mit dem Kopf durch die Deckung. Keiner spielt mehr für die Mannschaft halt, der Pizza aus Peru ist der einzigste Bremer. Wann wacht die Führungsetage aus ihrem Dornröschenschlaf endlich auf? Wir hier in Bremen brauchen endlich wieder Spieler mit Eiern in den Hosen.
2. Ich gestehe:
zxmma23 20.02.2011
Ich finde es von mir selber erbärmlich und schäme mich auch ganz arg – aber ich wünsche nichts mehr als den Abstieg für Werder!!! Als HSV-Anhänger werde ich mein ganzes Fußball-Leben nicht das arrogante und überhebliche Verhalten von Werder-Spielern, -Fans und -Verantwortlichen vergessen. Sowas hängt einem nach und dafür kann der ach so sympathische Nord-Verein nicht mit meinem Mitleid rechnen. Wenn es einen Fußball-Gott gibt: Bitte lass Werder absteigen. Hochmut kommt vor dem Fall! Falls es eintritt, gehe ich beichten, versprochen. Und ich werde jeden WSerder-Fan trösten, den ich kenne. Aber erst nachdem ich eine Nacht in Hamburg durchgefeiert habe, mit 50.000 HSV-Fans!!! Bittebittebitte, steig ab Werder!!!
3. Momentaufnahme
nordisch-by-nature 20.02.2011
Im Moment, und das entschädigt für viele Jahre, gibt es einen Fußballgott...und der trägt nicht grün-weiß!!! Nur der HSV!!!
4. ...
glen13 20.02.2011
Zitat von zxmma23Ich finde es von mir selber erbärmlich und schäme mich auch ganz arg – aber ich wünsche nichts mehr als den Abstieg für Werder!!! Als HSV-Anhänger werde ich mein ganzes Fußball-Leben nicht das arrogante und überhebliche Verhalten von Werder-Spielern, -Fans und -Verantwortlichen vergessen. Sowas hängt einem nach und dafür kann der ach so sympathische Nord-Verein nicht mit meinem Mitleid rechnen. Wenn es einen Fußball-Gott gibt: Bitte lass Werder absteigen. Hochmut kommt vor dem Fall! Falls es eintritt, gehe ich beichten, versprochen. Und ich werde jeden WSerder-Fan trösten, den ich kenne. Aber erst nachdem ich eine Nacht in Hamburg durchgefeiert habe, mit 50.000 HSV-Fans!!! Bittebittebitte, steig ab Werder!!!
Ach was. Als HSV Fan sag ich: Werder soll einfach immer einen Platz unter dem HSV stehen.
5. absehbar ...
droinz 20.02.2011
Der Niedergang von Werder Bremen war absehbar. Mit maximal 3 Spielern, die Fußball spielen können, steigt man ab. Frings, Hunt, Fritz, Prödl, Bargfrede, Borowski, Pasanen ... haben größte Probleme mit dem Spielgerät, dem Ball. Die Entwicklung, die z.B. Mainz oder Borussia Dortmund mit er Integration junger, technisch versierter Spieler eingeleitet haben, ist an Werder Bremen völlig vorbeigegangen. Nur auf die Klasse von wenigen Einzelspielern zu setzen (Özil, Pizzaro, Diego)führt irgendwann in die Sackgasse, Deswegen hat es auch gegen die Topmannschaften in der Champions League richtig Klatschen gegeben. Heute steht Werder für den Bratwurstfußball vergangener Jahre!
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