Nordderby Werder vs. HSV Wer kämpft, verliert

Beim Nordderby zwischen Bremen und Hamburg herrscht Abstiegskampf, mal wieder. Die besseren Aussichten hat Werder. Der Grund sitzt auf der Trainerbank.

Ulisses Garcia (Werder Bremen, links) im Hinspiel gegen André Hahn
imago/MIS

Ulisses Garcia (Werder Bremen, links) im Hinspiel gegen André Hahn

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Die Angst geht um in der Hansestadt, aber das ist keine Überraschung. Der Abstieg aus der Bundesliga droht schließlich schon seit Jahren. Was wirklich überrascht: Die Angst geht zwar um in der Hansestadt, aber nur in einer, Hamburg. In Bremen, so scheint es, herrscht bei Fans wie Medien die Überzeugung, dass es Werder nicht erwischen wird.

Zwar hat Bremen tatsächlich sechs Punkte mehr als der Hamburger SV. Nach dem Mainzer Unentschieden vom Freitag steht Werder aber auf dem Relegationsrang. Ganz rational ist ein allzu großer Optimismus vor dem Nordderby gegen den HSV (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) eigentlich nicht. Aber er lässt sich erklären.

Dass die Stimmung so grundverschieden ist bei den Rivalen, hat viel mit den beiden Trainern der Klubs zu tun. Florian Kohfeldt und Bernd Hollerbach sind während der Saison ins Amt gekommen, wie gut sie als Bundesligatrainer letztlich funktionieren, lässt sich noch nicht recht bewerten.

In einer "Kohfeldt-Tabelle" stünde Bremen auf Platz acht

Was aber ihre Eignung für die jeweilige Aufgabe betrifft, zeichnet sich eine Tendenz ab. Und die lässt für den HSV nichts Gutes erahnen.

Oktober 2017, von der Zuversicht im Bremer Umfeld ist noch nichts zu spüren. Alexander Nouri hat Werder entwerdert. Die Defensive hat der Trainer zwar stabilisiert, der Preis dafür aber ist hoch: In zehn Ligaspielen erzielt Bremen drei Tore und gewinnt davon keines.

Nouri musste gehen, Bremen hatte damit zum dritten Mal in vier Jahren seinen Trainer mitten in der Hinrunde entlassen. Eine Personalpolitik, die man eigentlich mit dem Hamburger Rivalen verbindet. Seither spielt Bremen aber tatsächlich besser. In einer Tabelle, in der nur die Spieltage seit dem Trainerwechsel einfließen würden, stünde Bremen auf Platz acht, den Europacuprängen näher als der Abstiegszone.

Florian Kohfeldt
DPA

Florian Kohfeldt

Vor dem Derby sagte Kohfeldt nun einen bemerkenswerten Satz: "Ich denke, dass wir mit dem Ball Lösungen finden werden, um den HSV in Bedrängnis zu bringen." Bemerkenswert ist er wegen drei kleiner Worte: mit dem Ball. Aktuell verstehen sich viele Mannschaft so gut aufs Ballgewinnen und Kontern, dass im Umkehrschluss die Sorge vor dem Ballverlust den Stil der Liga prägt. Das galt auch für Nouri.

In Kohfeldt hat Werder einen Trainer folgen lassen, der genau hier ansetzt. Der Torschnitt betrug unter Nouri 0,3 pro Ligapartie, unter Kohfeldt fallen im Schnitt 1,4 Treffer. Die Zahl der Abschlüsse ist zwar etwa gleich geblieben, die Qualität der Chancen hat sich aber erhöht, statt zuvor 3,2 Schüssen pro Spiel kommen nun 5,2 aufs gegnerische Tor. Gleichzeitig kassiert Bremen seit dem Trainerwechsel im Schnitt sogar einen Schuss weniger aufs eigene Tor (4,8 statt zuvor 5,7).

Januar 2018, nachdem Hamburg als Vorletzter gegen Schlusslicht Köln verliert, ist Trainer Markus Gisdol beim HSV Geschichte. Als Nachfolger präsentiert der Klub Bernd Hollerbach. Kompakt verteidigen, sei "die Basis seines Spiels", sagte Sportdirektor Jens Todt über den Coach nach dessen Premiere in Leipzig (1:1).

War das die Prämisse, die sich die sportliche Leitung bei der Suche nach einem neuen Coach auferlegt hatte? Das wäre eine Fehleinschätzung. Unter Gisdol kassierte Hamburg 28 Gegentore in 19 Spielen, kein schlechter Wert. Die 15 erzielten Treffer klangen hingegen nach Abstieg.

(Nicht aufgeführt: Hollerbach, 0,5 Punkte pro Spiel)

Trotzdem verpflichtete der Klub einen Coach, dessen Ex-Mannschaft Würzburg selbst in der Aufstiegssaison 2015/2016 in Liga drei auf einen mageren Schnitt von 1,1 Toren kam, einen Wert, der in der folgenden Zweitligasaison noch unterboten wurde (0,9). Wie soll dieser Trainer dem harmlosesten Bundesligisten das Toreschießen beibringen?

Die ersten Wochen unter Hollerbach sind entsprechend verlaufen. Der Coach bevorzugt ein System mit drei zentralen Abwehrspielern, zwei Flügelverteidigern und zwei Sechsern. Das sind sieben defensiv ausgerichtete Spieler - und viel Last auf den Schultern der verbliebenen Angreifer. Tatsächlich kommt die Mannschaft sogar noch seltener zum Abschluss als unter Gisdol (10,3 statt 11,8 Schüsse) und bringt den Ball seltener aufs Tor (2,5-mal statt 4,1-mal).

Bernd Hollerbach
DPA

Bernd Hollerbach

Dass die Abwehr dabei sogar mehr Abschlüsse aufs Tor zulässt als vor dem Trainerwechsel, 5,3 statt 3,7, klingt alarmierend. Erklären lässt sich das allerdings auch mit dem Spielplan: Hollerbachs Gegner hießen Leipzig, Hannover, Dortmund, Leverkusen. Vergleicht man allein die Daten aus diesen vier Partien mit jenen aus den jeweiligen Hinspielen, erreicht der HSV unter Hollerbach und Gisdol nahezu die gleichen Werte. Um Gisdol-Resultate einzufahren, hätte sich der Klub nicht von Gisdol trennen zu brauchen.

Im Nordderby bietet sich dem HSV Gelegenheit, die Bilanz aufzuhübschen. Doch wenn sich Hamburg einen psychologischen Effekt erhofft haben sollte, muss man festhalten: Er hat nicht eingesetzt.

Das wäre auch zu kurz gedacht. Fußballspielen besteht nicht nur aus Psychologie und Wille, sondern auch aus Fußballspielen. Wer nur kämpft, verliert. Für den Moment scheint es, als hätten sie das in der Hansestadt verstanden. Aber eben nur in der einen.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
swandue 24.02.2018
1.
Dann sollte sich Werder schon mal Gedanken machen, wer im Herbst 2018 neuer Trainer werden könnte. Da wird es genauso abwärts gehen wie mit Dutt, Skripnik und Nouri. Als Beobachter sollte man schauen, wo man darauf wetten kann.
hamburger.jung 24.02.2018
2.
Ganz ehrlich, ich weiß auch nicht was wir mit Hollerbach sollen. Der hätte doch jedes Spiel verloren wenn der Videoschiri nicht 2x sehr nett zu uns gewesen wäre. Wenn ich sehe wie gut Werder in Dortmund war und auch in München sehr ordentlich gespielt hat, sehe ich schwarz für heute. Die haben mehr Substanz.
swandue 24.02.2018
3.
Zitat von hamburger.jungGanz ehrlich, ich weiß auch nicht was wir mit Hollerbach sollen. Der hätte doch jedes Spiel verloren wenn der Videoschiri nicht 2x sehr nett zu uns gewesen wäre. Wenn ich sehe wie gut Werder in Dortmund war und auch in München sehr ordentlich gespielt hat, sehe ich schwarz für heute. Die haben mehr Substanz.
Als Hamburger Nr. 1 sollte es möglich sein, eine gute Rolle in Deutschland zu spielen. Und wenn der HSV, der Meister, Pokalsieger, Europapokalsieger (fünf europäische Endspiele, die letzten drei in vier Jahren - 1979/80, 1981/82 und 1982/83) vergangener Tage, das macht, dann werden ihm Millionen Fußballfreunde die Daumen drücken, dass er sich durchsetzt gegen alle Plastikklubs und auch mal gegen die Übermacht aus dem Süden. Aber ein HSV, der jahrelang hinten rumgurkt, der Augsburg, Freiburg und Mainz von hinten sieht, der mehrfach nur so gerade eben noch den Kopf aus der Schlinge zieht, der ist eine Lachnummer, den will man irgendwann nicht mehr sehen.
willimasoagen 24.02.2018
4.
Zitat von hamburger.jungGanz ehrlich, ich weiß auch nicht was wir mit Hollerbach sollen. Der hätte doch jedes Spiel verloren wenn der Videoschiri nicht 2x sehr nett zu uns gewesen wäre. Wenn ich sehe wie gut Werder in Dortmund war und auch in München sehr ordentlich gespielt hat, sehe ich schwarz für heute. Die haben mehr Substanz.
Die Nerven und der Kampfgeist werden wohl heute den Ausschlag geben. Die spielerischen Momente werden wir vermissen. Schade, dass Bremen in Freiburg nicht mutiger nach vorn gespielt hat, und verschaukelt wurde. Egal wie es ausgeht, möge der heute Bessere gewinnen. Munter bleiben.
locust 24.02.2018
5. ...?...
Ich sag mal so: Auf ein gutes Spiel und 0 Punkte für den HSV. Der hat schon seit Jahren nichts mehr in Liga 1 zu suchen.
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