Volkskrankheit Abstiegskampf 39,6 Grad Werder

Im Fieberwahn erschien unserem Autor ein alter Bremer Held und leistete ihm einen Schwur. Jetzt weiß er, dass er nicht absteigen wird. Und Werder auch nicht.

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Von Dirk Gieselmann


"Wir steigen nicht ab, Junge", sprach Hansi Gundelach zu mir, als das alte Quecksilberthermometer aus dem Arzneimittelschrank meiner Eltern 39,6 Grad anzeigte. "Indianerehrenwort."

Dass Gundelach eine rote Jeans und Cowboystiefel trug, dass er aussah wie der Aushilfskeyboarder einer Top-40-Band, die soeben beim Schützenfest in Bruchhausen-Vilsen von der Bühne gebuht wurde, obwohl er doch eigentlich der Ersatztorhüter der Meistermannschaft von 1993 war, ließ mich nicht im Geringsten an seinem Schwur zweifeln. Im Gegenteil, sein exotisches Aussehen verlieh ihm die Autorität eines Schamanen aus der fernen Vergangenheit, den die Geister zu mir geschickt hatten. Hierher, ans Krankenbett in meinem Jugendzimmer, in dem ich lag, gepeinigt vom Fieber, einer Lungenentzündung und der Sorge um meinen geliebten SV Werder.

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Ich glaubte Hansi Gundelach, der vom Kicker-Poster an der Wand aus zu mir sprach, jedes Wort. Ich wollte ihm glauben. Und nicht zuletzt wollte ich auch Torsten Legat gehorchen, der wie ein siegreicher Milizionär mit entblößtem Oberkörper auf dem Rasen des Weserstadions lag und mir zuraunte: "Hör auf mal besser auf den Hansi, du Lusche. Sonst..."

Stefan Kohn und Manni Bockenfeld nickten sehr ernst und streng dazu.

Nun ist es mir zugegebenermaßen etwas peinlich, dass ich zum bevorstehenden Duell des SV Werder gegen den Hamburger SV am Samstag (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) keine knallharte Expertise beisteuern kann, sondern nur die dubiose Nacherzählung eines Fiebertraums. Gleichwohl erscheint mir dieser Traum doch als zumindest erwähnenswertes Zeichen, das in einer Branche, die trotz aller Verwissenschaftlichung noch immer vom Aberglauben getrieben ist, in der sich erwachsene Menschen tummeln, die sich vor dem Abstiegsgespenst fürchten und sich, weil es angeblich Glück bringt, immer zuerst den linken Stutzen anziehen, zumindest als skurrile Randbeobachtung aus dem Feld der Esoterik ein wenig Beachtung finden könnte.

Hans-Jürgen "Hansi" Gundelach
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Hans-Jürgen "Hansi" Gundelach

Die Krankheit hatte mich auf einer Reise zu meinen Eltern übermannt. Sie begann plötzlich und unausweichlich, als ich im Supermarkt in der Schlange wartete, wie ein schlimmes Lied im Radio, das man noch hektisch wegzudrehen versucht, aber es läuft auf jedem Sender. Es war, als hätte mir jemand eine Bleiweste übergehängt, ich hustete trocken, die Glieder begannen zu schmerzen, der Puls zu rasen und die Körpertemperatur ins Unermessliche zu steigen. Im Auto wähnte ich mich bereits dem Ende nah, zu Hause aß ich sehr schnell sechs Mandarinen, trank eine Flasche Erkältungssaft auf Ex und kroch unter die Decke.

Doch schon bald, am Abend des Tages, als Werder 0:1 in Freiburg verloren hatte, saß ich keuchend und zitternd einem wortkargen Assistenzarzt in der Notaufnahme des Kreiskrankenhauses Diepholz gegenüber, der wortlos das Wort Pneumonie auf einem gelben Zettel schrieb und ihn mir hinhielt wie eine Entlassung aus dem Leben.

Ich war also geliefert. Was sollte jetzt werden? Mit mir? Und mit dem SV Werder? Stand auf diesem verdammten gelben Zettel vielleicht auch das Wort Abstiegsangst?

Eddie Vedder blieb, wo er war

Krankheiten, so heißt es, wollen einem etwas sagen. Pass auf dich auf, zum Beispiel, arbeite nicht zu viel, schlaf mehr, rauch weniger, iss nicht so fett, geh mal schwimmen. Das sind Botschaften, die ich verstehe, auch wenn ich zu willensschwach bin, um sie immer zu befolgen. Warum ich aber in meinem alten Jugendzimmer darniederlag, unter dem Werder-Poster von 1993, und diese Krankheit durch Hansi Gundelach zu mir sprach, das hatte doch etwas durchaus Orakelhaftes.

Was wollte mir die Lungenentzündung damit sagen?

Ich möchte das, auch wenn unter medizinischen Gesichtspunkten einiges darauf hindeutet, nicht einfach als bloßen Fiebertraum abtun. Schließlich sind mir keine weißen Mäuse erschienen, auch war es nicht Eddie Vedder, der Grunge-Sänger vom Poster nebenan, der so plastisch hervorgetreten ist, sondern die Helden der Meistermannschaft von 1993, und das in der Woche vor dem Derby gegen den HSV. Hansi Gundelach, der gebürtige Gelnhausener, sprach sogar im hessischen Dialekt zu mir, so glaube ich mich zu erinnern. Er muss es also wirklich gewesen sein, höchstpersönlich. Das würde ich genauso öffentlich wiederholen, sollte ich mal als Geisterexperte zum "Doppelpass" eingeladen werden.

Abstiegskampf, die Lungenentzündung der Bundesliga

Ich konnte Gundelach in den Tagen danach leider nicht mehr dazu befragen. Nach seinem Schwur trat er wieder zurück ins Poster und stand dort wie ehedem, einer Statue im Tal der Könige gleich, schweigsam und steinern. Ich muss diese Vision jetzt, allmählich wieder gesundend und doch schon wieder das Abstiegsduell gegen den HSV vor Augen, diese Lungenentzündung der Bundesliga, also selbst deuten.

Was mag das Indianerehrenwort des Hansi Gundelach bloß heißen? Hat es Bestand im wirklichen Leben, diesseits des Fiebers? Kann ich mich darauf auch wirklich verlassen, Hansi?

Wynton Rufer - der eigentliche Held des Autors
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Wynton Rufer - der eigentliche Held des Autors

Ich bin zu folgenden Schlussfolgerungen gelangt.

Es war offenbar falsch zu denken, die Liebe zum SV Werder sei einseitig. Falsch zu denken, dieser Verein würde mich niemals zurücklieben. Wenn ich zu schwach bin, um diese Liebe allein noch zu tragen, die in Zeiten wie diesen zur tonnenschweren Last wird, nimmt er sie mir im letzten Moment doch noch ab, in Gestalt eines Ersatztorhüters in roten Jeans. Nun hätte ich mir zwar gewünscht, dass Wynton Rufer diese Herkulesaufgabe übernehmen würde, mein Held von damals, aber ich möchte nicht allzu wählerisch sein. Das Wichtige ist doch die Gewissheit, dass in jener Stunde, in der mein persönlicher Abstieg drohte, ein Bremer mir mal Mut gemacht hat. Und nicht immer nur andersherum, wie all die Jahre zuvor. Allein dafür hat sich die Lungenentzündung doch schon gelohnt.

Das ist die zweite Erkenntnis: "Wir steigen nicht ab", damit meinte Hansi Gundelach nicht nur den Verein, sondern auch mich als Individuum, als Leidenden, als Patienten. Es war ein krankenschwesterliches "Wir", wie in "Haben wir gut geschlafen?" oder "Wir müssen aber mehr trinken". Es war das große gemeinschaftliche "Wir" der Entität SV Werder. Wenn einer krank ist, sind wir alle krank. Und gemeinsam werden wir wieder gesund. Wir steigen nicht ab, du nicht, ich nicht, wir alle nicht. Indianerehrenwort.

Wir steigen nicht ab!

Und schließlich habe ich gesehen, was wirklich wichtig ist an der Schwelle zwischen der Männergrippe und dem Tod. Mir sind nicht meine Kinder erschienen, nicht meine Frau, nicht mein bester Freund. Nur Hansi war da! Der SV Werder hatte seinen Schamanen geschickt. Weil ich ihn gerufen hatte. Nur ihn. Das ist erschreckend, das ist, vor allem für mir nahestehende Menschen, auch verletztend, so wie jede Wahrheit erschreckend und verletzend sein kann. Und doch ist sie die Wahrheit.

Jetzt bin, auch dank Hansi Gundelach, zurück unter den Lebenden. 100 Prozent Werder. Ich kann die Last der Liebe wieder allein tragen, die Mannschaft kann sich aufs Wesentliche konzentrieren, den Sieg über den Hamburger SV. Ich rufe: Wir steigen nicht ab! Ich rufe das mit voller Überzeugung. Und in der Hoffnung, dass ich nicht doch immer noch Fieber habe.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
RalfHenrichs 24.02.2018
1.
In dieser Saison ist selbst der Abstiegskampf langweilig. Hamburg und vor allem Köln sind ja praktisch schon abgestiegen. Spannend wird es nur um Platz 16, aber auch der bleibt ja meistens in der Bundesliga. Ich denke aber, dass am Ende Werder eh vor Wolfsburg, Mainz und Stuttgart liegen dürfte.
retterdernation 24.02.2018
2. Nix ist entschieden ...
im unteren Drittel der Tabelle. Wir in Berlin zittern mit 30 Punkten. Alles was darunter ist (noch) kämpft genauso um das Überleben in der 1. Liga wie der Tabellenletzte Köln. Da jeder - fast jeden schlagen kann, wird es vermutlich auch nicht so schnell eine Vorentscheidung geben, wer die Dussel der Saison sein werden. Sicherlich kann Werder heute einen großen Schritt nach vorne machen und sicherlich wird man dann in Hamburg, den HSV, das Wetter und die Stadt in Frage stellen. Was natürlich das übrige Land köstlich unterhalten würde, aber entschieden, entschieden ist auch dann noch lange nichts, bei ausbleibenden 10 Spieltagen ... nicht umsonst zittert die Hertha mit jetzt 30 Punkten ...
Franke aus Hamburg 24.02.2018
3. Tja, ....
.... Fieber vernebelt die Sinne. Heute, nach dem Abpfiff werden wir alle schlauer sein. Und was den Nichtabstieg betrifft: Der HSV hat nur noch die Bayern vor der Brust. Bei Werder und Mainz schwimmen noch viel mehr Karpfen im Teich.
hackee1 24.02.2018
4. Nein...
...absteigen wird Werder Bremen nicht, aber das Spiel heute Abend gewinnen, dass wird Bremen auch nicht. Nur der HSV!
andreasm.bn 24.02.2018
5. Wurscht, diese Saison
ist der HSV fällig. Werder steigt nicht ab. Denke eher Mainz.
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