Nordirlands Fußball-Legende Simply the Best

Einen Fußballer wie George Best hat Deutschlands Qualifikationsgegner Nordirland nie wieder gehabt. Seine Karriere zerstörte er selbst, in Belfast wird er dennoch bis heute verehrt. Oder gerade deswegen.

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Aus Belfast berichtet


Nach ihm ist der Flughafen von Belfast benennt. Das sagt alles. Wer Nordirlands Hauptstadt als Fluggast besucht, wird von George Best empfangen. Selbst die Airport-Mülleimer tragen seinen Namen. Es gab und gibt in Nordirland nicht viele, die dieses vom Bürgerkrieg über Jahrzehnte geschundene Land vereinen. Dass der Belfast Boy George Best aber einer der Größten des Fußballs war, darüber können sich sogar die Katholiken im Westen und die Protestanten im Osten der Stadt verständigen.

George Best wuchs im Belfaster Stadtteil Cregagh auf, damals ein Arbeiterviertel, noch heute ist das eine Kleine-Leute-Gegend. An der Cregagh Road gibt es nichts, was schick ist, hier ist Gentrifizierung noch ein Fremdwort. Die roten Backsteinhäuschen im Burren Way nebenan sind noch ein bisschen schäbiger als ein paar Ecken weiter am Ravenhill Park, die "For Sale"-Schilder an den Vorgartenzäunen noch ein bisschen häufiger.

Das unscheinbare Haus Burren Way 16 macht da keine Ausnahme, es unterschiedet sich von den Nachbarhäusern nur durch das kleine Gedenkschild: "Family Home of Soccer Legend George Best". Die Straße endet vor einem Fußballplatz, das kann ja nicht anders sein. Das Haus Burren Way 16 ist heute ein kleines Hostel, wer will, kann im Kinderzimmer von George Best übernachten.

100.000 Menschen zur Trauerfeier

Cregagh, das ist der Belfaster Osten, Protestantengebiet, überall weht der Union Jack, die britische Flagge, um die Zugehörigkeit zum Königreich zu demonstrieren. Best wuchs in den Zeiten des Bürgerkriegs auf, mit 15 bereits verließ er die Heimat, um bei Manchester United Fußball zu spielen, hier wurde er zum Helden, zum Fußball-Beatle, zum kickenden Rock'n'Roller, Europas Fußballer des Jahres. Natürlich im Jahr 1968. Es gibt wohl keinen Fußballer, den man dermaßen als 68er bezeichnen könnte, die langen Haare, die ständigen Frauengeschichten. Best ließ es krachen. Mit allem, was dazugehört. Auch mit den Kräften der Selbstzerstörung. Lebe wild und gefährlich.

George Best ist im Jahr 2005 schon mit 59 Jahren gestorben, der Alkohol hat ihn kaputtgemacht, schon als Aktiver hat er nicht getrunken, er hat gesoffen, der Körper machte das irgendwann nicht mehr mit. Zu seiner Beerdigung auf dem Roselawn Cemetery von Belfast kamen 100.000 Menschen. Die Trauerrede hielt Premierminister Tony Blair.

George Best war nie Weltmeister oder Europameister, er war eben Nordire, mit dieser Nationalmannschaft konnte man keine großen Titel erringen. Aber wie er beim Länderspiel im Windsor Park gegen die Engländer Torwart Gordon Banks den Ball aus den Händen spitzelte, wie er den niederländischen Fußballkönig Johan Cruyff schon nach fünf Minuten im Länderspiel getunnelt hat, nachdem er dies vor dem Anpfiff bereits genau so angekündigt hatte, die unwiderstehlichen Flankenläufe vom Flügel nach innen ziehend - Arjen Robben ist dagegen ein Waisenknabe -, das sind die Fußballgeschichten, die sie in Belfast im Gedächtnis behalten. Bands haben ihm eigene Songs gewidmet, der "Belfast Boy" von Don Fardon schaffte es in die britischen Charts. Das T-Shirt mit dem Slogan "Maradona good, Pele better, George Best" gehört in den Kleiderschrank jedes Fußball-Hipsters.

Fußball im Schatten von Rugby und Gaelic Football

Seine Aktion gegen Banks wird es demnächst als Bronzestatue geben, aufgestellt wird sie 2018 am Windsor Park, dort, wo am Abend der Weltmeister Deutschland sein Gastspiel gab (Hier geht es zum Spielbericht).

Belfast ist eigentlich keine genuine Fußballstadt, in Nordirland wurde immer schon vor allem Rugby gespielt, im katholischen Westen der Stadt lieben sie Gaelic Football und Hurling, die irischen Traditionssportarten, in den Pubs hängen die Gäste am Snookertisch herum. Aber auf die Idee, den Flughafen von Belfast nach einem Rugbyspieler zu benennen, wäre man nie gekommen.

Mit 26 Jahren war die Fußballerkarriere von Best bereits vorbei, es gab da schon Tage, an denen er so betrunken war, dass er nicht zum Training erscheinen konnte, seine Ehen waren ein Desaster, im Ausgang seiner Fußballerlaufbahn musste der Hochbegabte durch die Operettenligen dieser Welt tingeln, um zu Geld zu kommen.

In Belfast haben sie ihm das alles verziehen.



insgesamt 8 Beiträge
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widower+2 05.10.2017
1. Da fehlt noch der ihm zugeschriebene Spruch
"Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben ... Den Rest habe ich einfach verprasst." Ein begnadeter Kicker, der sein Talent leider verschleudert hat.
klugscheißer2011 05.10.2017
2. Danke
Zitat von widower+2"Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben ... Den Rest habe ich einfach verprasst." Ein begnadeter Kicker, der sein Talent leider verschleudert hat.
Ja, danke, dass Sie daran gedacht haben, denn das ist auch eines meiner Lieblingszitate eines Prominenten. Kommt bei mir gleich nach Mark Twain: "Verschiebe nicht auf morgen, was Du auch übermorgen erledigen könntest"
arnohorb 05.10.2017
3. The Wedding Present
Die Band The Wedding Present aus Leeds hat George Best sogar zwei ganze Alben gewidmet, ihr 1987 erschienes Debüt "George Best" und ihre Ende September dieses Jahres veröffentlichte komplette Jubiläums-Neuaufnahme des besagten Albums mit dem Titel "George Best 30".
quacochicherichi 05.10.2017
4. Kann man so sehen aber
Zitat von widower+2"Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben ... Den Rest habe ich einfach verprasst." Ein begnadeter Kicker, der sein Talent leider verschleudert hat.
ich finde er hat nichts verschleudert. Klar er hätte eine blitzsaubere Kariere machen können, später ins Trainergeschäft oder Management einsteigen, oder Experte fürs Fernsehen werden. Damit wäre er aber genauso ein Normalo geworden, wie all die anderen Profillosen Profis. So bleibt er unvergessen, weil er so war, wie er war.
fatal.justice 05.10.2017
5. Denke,
Zitat von widower+2"Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben ... Den Rest habe ich einfach verprasst." Ein begnadeter Kicker, der sein Talent leider verschleudert hat.
sein Talent hat er auf den Platz gebracht - und dies recht regelmäßig. Dass er nach seiner sportlichen Karriere den abgründigen Freuden der Berühmtheit erlag, könnte man eventuell - reine Vermutung - unter der Rubrik "Absturz nach Ruhmesentzug" abheften. Es ist offensichtlich kein singuläres Problem, wenn ein Mensch nicht mehr jene Aufmerksamkeit erhält, die er über Jahre für selbstverständlich empfand.
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