Nordkoreas Fußball-Frauen Mysterium in politischer Mission

Nordkoreas Frauenfußball-Nationalmannschaft hat bei der Weltmeisterschaft in Deutschland vor allem eine politische Auftrag zu erfüllen. Zum Auftakt geht es gleich gegen den Klassenfeind USA - der Druck auf die Spielerinnen ist enorm.

DPA

Kim Kwang-Min ist ein sehr höflicher Mann, der seine wahren Gefühle hinter einer perfekten Maske zu verstecken vermag. Er trägt gerne gedeckte Anzüge, nur der kleine Fleck am Revers wirkt auf den ersten Blick nicht so passend. Aber auch das klärt sich bei näherem Hinsehen schnell: Es ist kein Fleck, sondern ein winziges Konterfei des geliebten Führers Kim Jong Il, das der Nationaltrainer Nordkoreas mit sich führt. So stellte sich der Mann, der seit 2005 den aktuell Achten der Fifa-Weltrangliste im Frauenfußball betreut, nach einer unglücklichen 0:2-Niederlage im Testspiel gegen die DFB-Elf am 21. Mai der deutschen Öffentlichkeit vor.

Kim gab sich nach der Partie, in der er auf einige seiner besten Spielerinnen verzichtet hatte, äußerst zurückhaltend. Den Begriff vom WM-Geheimfavoriten wolle er gern "überhört haben, das gefällt mir gar nicht. Unsere erste Aufgabe besteht darin, gegen die USA, Schweden und Kolumbien eine Todesgruppe zu überstehen". Doch er sei überzeugt, eine "gute WM spielen zu können, auch wenn mein Team jung und unerfahren ist".

Die Übungsleiter anderer Teams gehen da weiter: Für Bundestrainerin Silvia Neid etwa ist die nordkoreanische Auswahl "eine Mannschaft, die bei diesem Turnier ins Viertelfinale kommen kann". Neid erinnert sich noch gut daran, wie mühsam Deutschland diesen Gegner auf dem Weg zum Titel 2007 in China im Viertelfinale aus dem Weg räumte, obwohl es am Ende 3:0 stand. Und die deutsche Nationalspielerin Simone Laudehr sagt: "Die haben die Technik und Taktik, die Physis und die Psyche, um ins Halbfinale zu kommen."

Strahlkraft des Fußballs wird für Propagandazwecke missbraucht

Eine Woche weilte Nordkoreas junge Auswahl bereits im Mai in Deutschland, erst in der Sportschule Wedau dann in einem Hotel in Ingolstadt - doch wie so oft verschanzte sich die Delegation. Es gab weder eine Pressekonferenz noch eine Begrüßung. Dabei hatte DFB-Präsident Theo Zwanziger zuvor im Rahmen der "Welcome Tour" von OK-Präsidentin Steffi Jones in Nordkoreas Hauptstadt Pyongyang ein "Memorandum des Verständnis" mit Nordkoreas Verbandspräsident Ri Jong Mu abgeschlossen. Aber wie weit geht das Verständnis für Offenheit in einem Land der beinahe vollkommenen Abschottung?

Der nordkoreanische Tross bleibt auf Einladung des DFB vom 15. bis 18. Juni in Leipzig, bevor es dann ins offizielle Teamhotel nach Dresden geht. Außerhalb des Spielfelds wird man von den Asiatinnen so gut wie nichts zu sehen bekommen. Das Testspiel am kommenden Dienstag in Halle an der Saale gegen den WM-Teilnehmer England findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auch Medienvertreter sind unerwünscht. Ein zunächst geplantes Testspiel gegen den Bundesliga-Aufsteiger Lok Leipzig kommt auch nicht zustande, genau wie die ursprünglich angedachten Besuche des Leipziger Bildermuseums und der Thomaskirche. Bei so viel Abschottung von der Außenwelt mutet die Aussage von Trainer Kim etwas bizarr an: "Eine Vorbereitung in Europa ist für uns immer eine gute Erfahrung".

Doch selbst mit großer Mühe lässt sich in Europa nicht so viel geheim halten wie daheim im sozialistischen Regime, in dem die Strahlkraft des Fußballs seit längerem für Propagandazwecke missbraucht wird. Den Frauen fällt dabei eine Schlüsselrolle zu, weil sie - anders als die Männer - vor allem dank der intensiven Nachwuchsarbeit seit Jahren in der Weltspitze mitspielen. Die 24-jährige Jo Yun-Mi gilt längst nicht nur als beste Spielerin Asiens, sondern sogar als kommender Weltstar. Sie trägt die Nummer zehn und wie viele ihrer Mitspielerinnen längst auch bunte Fußballschuhe der westlichen Ausrüster.

Kollektivdenken steht über allem

Für Aufsehen sorgte auch Jon Myong-Hwa, die sich 2009 im Alter von 16 Jahren über einen Vermittler bei Turbine Potsdam vorstellte und dort eine Woche lang mittrainierte. Laut dem Weltverband Fifa spielen in Nordkorea ungefähr 500.000 Frauen und Mädchen Fußball. Bereits ab der sechsten Schulklasse wird eine selektive Auswahl und Förderung vorgenommen. Das Kollektivdenken steht in den Mannschaften über allem.

Wahre Hintergründe über den Alltag und das Leben der Fußballerinnen waren bislang kaum zu erhalten, insofern ist es bemerkenswert, welchen Zugang die österreichische Regisseurin Brigitte Weich mit ihrem Dokumentarfilm "Hana, dul, sed…" ("Eins, Zwei, Drei", Anm. d. Red.) erhielt, in der die vier ehemaligen Nationalspielerinnen Ri Jong Hi, Ra Mi Ae, Jin Pyol Hi und Ryan Hyan Ok ihre Geschichten erzählen. In dem Streifen, der seit dem 9. Juni im Kino läuft, werden tiefe Einblicke gewährt, die teilweise beklemmender Natur sind. Offen wird der Drill innerhalb der Diktatur gezeigt, mit dem schon die Kinder auf den Staatsgründer Kim Jong-Il eingeschworen werden.

"Dem geliebten Führer eine Ehre zu bereiten", ist auch der Antrieb für Stürmerin Ri Hyang Ok, die 2001 beim Gewinn der erstmaligen Asienmeisterschaft dabei war, oder die damalige Torfrau Ri Yong Hi. Beide erzählen, wie beseelt sie vom Gedanken waren, beispielsweise China zu überflügeln, und wie sie geweint haben, als dies 2003 in Bangkok auch glückte.

Bei der WM 2011 in Deutschland wurde Nordkorea zum vierten Mal in Folge dem Erzfeind USA zugelost. Gleich das erste Gruppenspiel am 28. Juni in Dresden ist deshalb für Nordkorea das Wichtigste - und dass es in diesem Duell um deutlich mehr als nur ein Fußballspiel geht, macht der Dokumentarfilm deutlich. Vor der Olympia-Qualifikation 2004 gegen Japan sagten die Spielerinnen: "Selbst wenn es das Leben kostet, müssen wir gegen Japan gewinnen."

Damals ging die Partie 0:3 verloren, die vier Nationalspielerinnen waren voller Schuldgefühle ("Wir haben unser eigenes Volk enttäuscht"), mussten ihre Karriere beenden und sich abrupt wieder ins zivile Leben einordnen.

Die älteste von ihnen war gerade einmal 28 Jahre alt.



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Seite 1
krafts 29.11.2010
1.
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Ich gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Kanzla87 29.11.2010
2.
Zitat von kraftsIch gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Aus welchem Grund?
Rockker, 29.11.2010
3.
Ein Wettbwerb aus der Kategorie *EIKS, aber dank den deutschen Medien wird er gehypt zu dem nächsten unsänglichen "Sommermärchen" wo die deutsche NM, alle Gegner sowieso mit 22:0 schlagen wird... *Eigentlich Interessiert Keine Sau
Flosse, 29.11.2010
4. Zu wünschen wäre es...
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Die Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
CaptainSubtext 29.11.2010
5. !
Zitat von FlosseDie Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
mmmmh. Wenn die Damenelf noch nicht mal in der Lage ist gegen eine Vereins-B-Jugend zu gewinnen, wieso.....?
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