Fußball in Norwegen Wie die erste Frau an der Spitze der Nationalteams mit Hass umgeht

Spielerin, Kommentatorin - nun übernimmt Lise Klaveness als erste Chefin die sportliche Leitung beider Fußballnationalteams in Norwegen. Soziale Medien helfen ihr, verbale Verletzungen zu ertragen.

imago sportfotodienst

Ein Interview von Sabrina Knoll


In Norwegen sorgt eine TV-Serie für Aufsehen. In "Heimebane" (zu Deutsch etwa: Heimspielstätte) verlässt eine Trainerin ihr erfolgreiches Frauenteam, um der erste weibliche Coach einer Herrenmannschaft in Norwegens erster Liga zu werden. Mit harten Bandagen muss sie in dem mehrfach ausgezeichneten Drama gegen absurde Vorurteile in einer vordergründig so emanzipierten Gesellschaft kämpfen. Eine Frau an der Spitze eines erstklassigen Männer-Fußballteams - alles nur Fiktion? Noch ja.

Doch der norwegische Fußballverband hat eine andere historische Entscheidung gefällt. Mit Lise Klaveness wird erstmals eine Frau Chefin der Nationalteams - dem der Männer und dem der Frauen.

Zur Person
  • Julia Marie Naglestad/ NRK
    Lise Klaveness, 37, spielte für Top-Klubs in Norwegen und Schweden, hat nationale Meisterschaften und Pokale gewonnen und 72 Spiele für die Nationalmannschaft absolviert. 2012 beendete sie ihre aktive Karriere. Sie war als Athletik-Trainerin und Schiedsrichterin tätig, kommentiert für den norwegischen Rundfunk, arbeitet als Anwältin und Richterin - ihre "Existenz in der realen Welt", wie sie es nennt. Im September tauscht die ihren Job als Juristin bei der norwegischen Zentralbank gegen den Posten Direktorin Elite-Fußball im norwegische Verband.

SPIEGEL ONLINE: Frau Klaveness, wer ist am besten für den Job als Direktorin Elite-Fußball im norwegischen Fußball geeignet: die ehemalige Nationalspielerin Lise Klaveness, die Schiedsrichterin, die Anwältin, die Richterin oder die Kommentatorin Lise Klaveness?

Lise Klaveness: Ich hoffe, wir alle. Ausschlaggebend war für mich aber, dass der Verband jemanden mit wissenschaftlichem Hintergrund gesucht hat und dass er meine Erfahrung als Anwältin brauchte. Dass ich eine Fußball-Vergangenheit habe, ist sicher hilfreich, aber der Verband wollte eben keinen Sportmanager. Sie suchten jemanden, der langfristige Strukturen aufbaut.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie und Ihre Arbeit besonders kritisch beäugt werden - als Frau auf dieser prominenten Position?

Klaveness: Natürlich ist der Fokus auf mich als erste Frau in einer solchen Position ein anderer. Aber das ist ja eher eine administrative Aufgabe. Ich glaube nicht, dass der Aufschrei so groß sein wird. Ich selbst sehe den Job als ganz normale Führungsposition. Und mich als ganz normale Chefin von ganz normalen Leuten, die morgens zur Arbeit gehen.

Lise Klaveness ist es gewohnt, dass einige Menschen glauben, sie als Frau könne nicht die Richtige für einen Job im Fußballbusiness sein. Ganz ähnlich wie Claudia Neumann im deutschen Fernsehen war sie in Norwegen die erste Frau am Fußball-Mikrofon. Auch sie wurde beschimpft und beleidigt. "Hexe verbrenne" gehörte zu den harmloseren Kommentaren. In Russland hat sie erstmals WM-Spiele der Männer kommentiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit 15 Jahren im Rundfunk präsent, haben bereits viel Kritik einstecken müssen. Wie reagieren Sie darauf?

Klaveness: Ich war 22 Jahre, als ich angefangen habe zu kommentieren. Damals fühlte es sich schlimmer an. Da gab es Zeiten, in denen ich mich gar nicht mehr auf dem Bildschirm zeigen wollte. Heute kann ich diese Last viel leichter tragen. Klar geht dir das auch noch mal nahe, wenn du müde bist oder erschöpft, aber ich habe mich darauf vorbereitet. Sportlich und mental. Daher hat es heute keine große Wirkung mehr auf mich. Man muss auch sagen: In 99 Prozent der Fälle waren die Reaktionen diesmal überwältigend positiv.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie erstmals WM-Spiele der Männer kommentiert, und wieder arbeiteten sich die Trolle an Ihnen ab. Hat sich gar nichts verändert?

Klaveness: Jedes Mal, wenn ich etwas zum ersten Mal gemacht habe, waren es so ziemlich dieselben barschen und verletzenden Kommentare. Aber, und das hat sich verändert: Für jeden dieser Auswüchse ist mir ein prominenter Fußball-Mann beigesprungen. Früher, als es noch keine sozialen Medien gab, war man sehr viel einsamer in diesen Situationen. Ich selbst habe auch nicht so richtig darüber gesprochen oder jemandem davon erzählt. Jetzt melden sich endlich auch die Männer in den Vierzigern zu Wort. Denen wird zugehört. Sie übernehmen heute mehr Verantwortung, riskieren es, sich diesen Leuten entgegenzustellen. Das war früher nicht der Fall. Und das ist eigentlich ja auch der Grund, warum ich diese Arbeit mache.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Klaveness: Ich will sehen, wie die Fußball-Community mit Fragen der Gleichberechtigung umgeht. Ich möchte ein Teil dieses Prozesses sein. Und ich bin stolz darauf. Klar gibt es einige Abende, wo man denkt: Es sind jetzt mehr als zehn Jahre - und sie reden immer noch über meine Stimme, darüber, wie ich aussehe, mich anziehe. Aber ich versuche, meine Emotionen rauszuhalten. Es geht nicht um mich, es geht um den Fußball. Das ist mein Sport, den ich mir ausgesucht habe. Und der gehört nicht allein den Männern. Er gehört all denen, die ihn lieben. Und ich spiele länger als die meisten, die mich kritisieren.

Lise Klaveness war zwölf Jahre alt, als sie sich in den Fußball verliebte. Ihr Vater war Trainer einer Jugendmannschaft. Und Tochter Lise wollte mitmachen. Doch sie habe schnell gemerkt, dass ihr Vater sie für nicht gut genug hielt. Das sei nicht abwertend oder gar missbilligend gewesen, einfach ein Blick, ein Ausdruck, wie man ihn als Kind eben sofort wahrnimmt - und der aus einem wenig talentierten aber umso ehrgeizigeren Mädchen schon mal eine Nationalspielerin machen kann.

Der Ball und die junge Lise - es wurde eine sehr enge Beziehung. Überall habe sie ihn mit hingenommen, ins Bett, ja, sogar zur Beerdigung des Großvaters. Den Schulweg brachte sie jonglierend hinter sich. Fiel der Ball runter, musste sie wieder dort anfangen, wo sie ihn verloren hatte. Da konnten die drei Kilometer schon mal sehr lang werden. Sicher keine gesunde Art zu trainieren, das weiß auch Klaveness. Aber so hatte sie innerhalb von zwei Jahren das wettgemacht, was andere ihr voraushatten, die schon viel länger dabei waren. Mit 16 Jahren spielte sie in der ersten Liga. Viele sagen, es liegt auch an ihr und ihrer Leidenschaft für den Sport, dass Fußball in Norwegen der größte Mädchen- und Frauensport des Landes ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich stets für Gleichberechtigung eingesetzt. Wird das auch ein primäres Anliegen für den neuen Job sein?

Klaveness: Nicht wirklich, nein.

SPIEGEL ONLINE: Nein?

Klaveness: Der Vorstand hat mir versichert, dass Gleichberechtigung kein Thema sein soll - sondern Standard. Schließlich entspricht das auch den Werten des Verbands, daher haben wir in Norwegen auch gleiche Bezahlung für beide Teams durchgesetzt. Auf Klubebene kann man vielleicht anders argumentieren, da können wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen. Aber im Verband repräsentieren sie alle unser Land. Da gibt es kein A-Team und eine B-Marke. Natürlich gibt es unterschiedliche Herausforderungen. Aber bei Budgets oder Fragen der Ausstattung sollten wir nicht mit unterschiedlichem Maß messen. Gleichberechtigung ist ein großer Teil meiner persönlichen Motivation. Aber für mich ist es sehr wichtig, nicht mit politischen Ansichten in den Job zu gehen. Mir geht es in erster Linie darum, den Elite-Fußball in Norwegen besser für die Zukunft aufzustellen, damit er nicht noch mehr an Boden verliert.

Der norwegische Fußballverband hat krisenbehaftete Jahre hinter sich - auf Verbandsebene ebenso wie sportlich. Die Nationalmannschaft der Männer ist die Nummer 53 in der Weltrangliste von 206 Teams, während die Frauen auf Rang 14 von 140 geführt werden. Die Männer sollen sich nach 1998 endlich wieder für eine WM qualifizieren. Die Endrunde einer EM erreichten die Männer bisher nur einmal, 2000 scheiterten sie als Gruppendritte in der Vorrunde. Die Frauen sind zwar regelmäßig international vertreten, sollen aber an jene erfolgreichen Jahre anknüpfen, in denen sie Weltmeisterinnen (1995), Europameisterinnen (1987, 1993) und Olympiasiegerinnen (2000) wurden.

Lise Klaveness sagt, die Chance, die Entwicklung der besten Frauen und Männer des Landes voranzutreiben, sei für sie ein Privileg. Tatsächlich sei der norwegische Fußball in vielerlei Hinsicht ein Erfolg, nur wenige Länder etwa hätten relativ gesehen eine so hohe Zahl an organisierten Spielern. Allerdings schnitten die A-Teams und Top-Klubs international schlechter ab, als man vor diesem Hintergrund erwarten könne.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie haben die volle Unterstützung vom Verband. Es gibt doch sicher auch bei Ihnen jene, die an alten Machtstrukturen festhalten wollen, die sagen: Das haben wir schon immer so gemacht. Wie begegnen Sie denen?

Klaveness: Ich bin nicht naiv. Ich erwarte, dass ich sehr klar und deutlich sein muss in dem, was ich mir vorstelle. Aber ich habe mir auch vorgenommen, nicht die Schwierigkeiten vor den Möglichkeiten zu sehen. Menschen und Meinungen ändern sich. Der Vorstand hat gesagt: Gleichberechtigung ist wichtig für uns. Daran werde ich sie wenn nötig erinnern. Ein Wandel ist möglich. Und es hilft niemandem, wenn ich voreingenommen an die Aufgabe rangehe. Ja, Strukturen können problematisch sein. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Menschen innerhalb dieser Strukturen sehr wohl gute Dinge erreichen wollen.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
hr.cacau 18.07.2018
1. Na dann...
viel Erfolg! Ich persönlich hätte ja auch gerne Silvia Neid als Nachfolgerin von Joachim Löw gesehen. Eine Frau mit viel Sachverstand und Erfahrung. Das wäre natürlich ein mediales Erdbeben gewesen, ganz zu schweigen von den Sozialen Medien. Ich drücke die Daumen, dass die norwegische Dame ihre Aufgabe so gut bewältigt, dass die kritischen Stimmen verstummen.
im_ernst_56 18.07.2018
2. Norwegischer Fußball
Ich bin gespannt, ob Frau Klaveness es schafft, den norwegischen Männerfußball aus seiner aktuellen Drittklassigkeit herauszuholen. Nr. 53 der Fifa-Weltrangliste (hinter Burkina Faso) und seit 18 bzw. 20 Jahren für keine EM und WM mehr qualifiziert. Das kleinere Island ist weit enteilt, von Schweden ganz zu schweigen. Ich frage mich allerdings, ob es Frau Klaveness tatsächlich um den sportlichen Erfolg oder vor allem um Gleichberechtigung geht. Am liebsten würde sie wohl auch auf Klubebene für gleiche Gehälter sorgen. Apropos Klubebene: Ich erinnere mich, dass Rosenborg Trondheim, der norwegische Rekordmeister, auch in der Champions-League spielte. Das ist ebenfalls lange her. Wäre norwegische Fußball insgesamt besser aufgestellt, hätte der Verband sich wahrscheinlich überlegt, ob das Experiment mit Frau Klaveness wagt.
pa22 18.07.2018
3. Silvia Neid
Wer weiß vielleicht hätte sie einen besseren Job in Russland gemacht
AufJedenFall 18.07.2018
4.
Nadann schauen wir mal was sie so erreichen kann. Viel schlechter als ihr Vorgänger wird sie aber wohl kaum sein können. Der norwegische fussball ist international etwa so bedeutsam wie der vatikanische. Hoffen wir mal, dass sie die nötige Infrastruktur schafft und die richtigen Personen auf die richtigen Stellen packt.
Luvbread 18.07.2018
5. Wie Sie damit umgeht?
Wie jeder andere auch, der im Rampenlicht steht. Dieser einseitige Feminismus ist mit langsam zuwider.
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