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Nürnberg-Trainer Ismaël: "Dem Gegner mal den Ball überlassen"

Ein Interview von und

Nürnberg-Coach Ismaël: Top-Talent auf der Trainerbank Fotos
imago

Der Fußballer Valérien Ismaël war Titelsammler bei Bremen und Bayern. Nun soll er als Trainer den 1. FC Nürnberg in die Bundesliga führen. Der Franzose spricht über Pässe zum Gegner, seine Sucht nach Erfolg und Fast Food beim Training.

Bundesligaaufstieg, und das mit einem unerfahrenen Trainer - der 1. FC Nürnberg hat große Ziele, erreichen soll sie der jüngste Coach aller 36 Erst- und Zweitligaklubs: Valérien Ismaël. Der ehemalige Bayernspieler ist 38 Jahre alt und hat noch nie eine Profimannschaft trainiert - ein Wagnis für Nürnbergs Manager Martin Bader: Unter Michael Wiesinger (41 Jahre) begann der Absturz in der vergangenen Saison mit einem Coach ohne viele Einsätze an der Seitenlinie. Ismaël geht seine Mission mit einem klaren (taktischen) Konzept an.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ismaël, Sie sollen den Klub zurück in die Bundesliga führen. Wie wollen Sie das schaffen?

Ismaël: Ich stehe für offensiven Fußball, bin sehr ehrgeizig. Die taktische Grundidee ist, dass wir den Ball haben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Damit dürften Sie ja in der zweiten Bundesliga ziemlich allein dastehen.

Ismaël: Es wird auch Spiele geben, in denen wir allein mit Ballbesitz nicht weit kommen. Dann ist Flexibilität gefragt. Wenn wir den Ball haben, der Gegner aber gut steht, was nützt er uns dann?

SPIEGEL ONLINE: Sie kassieren zumindest kein Gegentor.

Ismaël: Wir wollen aber Tore schießen, nicht nur Gegentore verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Also?

Ismaël: Also sage ich in solchen Momenten zu meinen Spielern, sie sollen dem Gegner mal den Ball überlassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Ismaël: Ja. Mal sehen, wie er reagiert, wenn wir uns zurückziehen. Manchmal muss man von seinem Ideal abrücken. Denn was ist wichtiger - Erfolg oder Schönheit?

Zur Person
Valérien Ismaël, Jahrgang 1975, ist der jüngste Trainer der 36 Erst- und Zweitligisten.

Als Abwehrspieler machte sich der heute 38-Jährige bei Werder Bremen (2003-2005) und Bayern München (2005-2007) einen Namen, gewann dort jeweils das Double aus Meisterschaft und Pokal.

Eine hartnäckige Knieverletzung zwang ihn 2009 zum Karriereende, damals bei Hannover 96. Über das Management des Klubs gelangte der Franzose wieder zurück auf den Platz, als Trainer der U23. Zur Saison 2013/2014 übernahm er die U23 des VfL Wolfsburg und führte sie zur Regionalligamannschaft.

Die UEFA-Pro-Lizenz erhielt er Anfang 2014. Trotz eines Vertrags bis 2016 nahm Ismaël im Juni das Angebot des 1. FC Nürnberg an, es ist seine erste Station als Trainer im Profifußball.
SPIEGEL ONLINE: Die Diskussion kennt Bundestrainer Joachim Löw seit der WM in Brasilien bestens.

Ismaël: Die Fähigkeit zu reagieren, sei es durch eine Auswechslung, eine veränderte Formation oder einen Strategiewechsel: Das ist es, was im modernen Fußball gefragt ist. Thomas Tuchel (ehemaliger Trainer von Mainz 05 - die Red.) war einer der ersten Trainer in Deutschland, der das erkannt hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Trainer überhaupt noch das eine Spielsystem im Kopf?

Ismaël: Der einzige Moment, in dem man das System erkennt, ist der Anstoß. Danach ist alles in Bewegung. Liegt eine Mannschaft in Führung, will sie vielleicht ins Abwehrpressing wechseln und den Gegner kommen lassen. Liegst du zurück, musst du offensiver werden, ins Risiko gehen. Alles verschiebt sich, permanent.

SPIEGEL ONLINE: Allzu viel Flexibilität kann leicht in Chaos münden.

Ismaël: Wir machen Vorgaben. Wenn wir den Ball haben, dürfen meine Spieler nicht nur an den nächsten Pass denken, sie müssen immer einen Schritt weiter sein. Was passiert, wenn wir den Ball verlieren? Deshalb geben wir der Mannschaft ganze Spielzüge als Vorgabe.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie ihr damit nicht jede Kreativität?

Ismaël: Wir haben einige grundlegende Spielzüge, die wiederum variiert werden können. Die Spieler sind gefordert: Sie müssen situativ erkennen, welche Variante die richtige ist. Die Gegner beobachten uns gut, kennen viele unserer Muster. Deswegen ist es wichtig, nicht nur einen Plan A zu haben, sondern auch einen Plan B, C und D. Dafür ist das ständige Wiederholen der Spielzüge im Training wichtig. Die Jungs müssen auf dem Platz mit geschlossenen Augen in der Lage sein, mir zu sagen, wo ihre Mitspieler stehen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Trainer-Vorbilder für Sie?

Ismaël: Keine Vorbilder, aber ich schaue mir genau an, warum der ein oder andere erfolgreich oder schon lange im Geschäft ist.

Ismaël über...
...seinen Start in Nürnberg
"Nach dem Abstieg in die zweite Liga hatte man als Außenstehender das Gefühl, im Verein und in der Stadt herrsche Untergangsstimmung. Überraschenderweise war das überhaupt nicht so. Beim ersten Training kamen 3000 Fans, da habe ich gemerkt, in was für einem Verein ich gelandet bin. Auch die neuen Spieler haben schnell verstanden, was es bedeutet, in Nürnberg zu spielen. Der Abstieg ist Realität. Das haben alle akzeptiert. Nun schauen wir nach vorne."
...den Saisonauftakt gegen Aue
"Man sollte immer das große Ganze sehen. Wichtig ist, dass wir nach 34 Spieltagen auf den ersten beiden Plätzen stehen. Und nicht nach fünf Spieltagen. Aber mit einem erfolgreichen Auftakt gehst du natürlich mit einem guten Gefühl in die kommenden Aufgaben. Und genau das wird unser Ziel sein."
...den Bundesligaaufstieg
"Der Druck ist nicht vergleichbar mit der Situation bei einer U23, wir müssen erst mal eine Mannschaft formen. Aber wir sind von unserer Qualität überzeugt. Wir werden ein Team haben, das das Potenzial hat, den Aufstieg zu schaffen."
SPIEGEL ONLINE: Sie analysieren Ihre Kollegen?

Ismaël: Das sehe ich als Teil meiner Arbeit. Um mich zu verbessern, um weiterzukommen. Ich bin ja erst am Anfang meiner Karriere. Als Trainer kannst du möglicherweise jahrzehntelang arbeiten, deshalb musst du ständig reflektieren und analysieren.

SPIEGEL ONLINE: Also schlägt Erfahrung Jugend?

Ismaël: Nicht unbedingt. Aber nehmen Sie Jupp Heynckes. 2009 hat der FC Bayern ihn aus der Rente geholt, für fünf Spiele. Schon danach bei Bayer Leverkusen hast du gesehen, wie befreit die Profis unter ihm aufgespielt haben. Toni Kroos hat dank ihm einen richtigen Sprung gemacht. Trotz seiner großen Erfahrung ist mit Heynckes etwas passiert.

SPIEGEL ONLINE: Was war es Ihrer Meinung nach?

Ismaël: Man hat gemerkt, dass er sich weiterentwickelt hat. Seine Menschenführung, sein Umgang mit den Spielern war entspannter.

SPIEGEL ONLINE: Als großer Taktiker war Heynckes nicht bekannt, trotzdem hatte er unglaublichen Erfolg. Ist Menschenführung am Ende doch wichtiger im Fußball?

Ismaël: Es ist am wichtigsten, die Stärken und Schwächen zu erkennen - die eigenen als Trainer und die deiner Spieler. Das Zwischenmenschliche ist der Schlüssel. Sich zu öffnen, sich weiterzuentwickeln, das zeigt die Qualität eines Trainers. Sturheit schadet.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als extrem ehrgeizig, akribisch und zielstrebig. Woher kommt Ihr Antrieb?

Ismaël: Ich bin mit der U17 von Racing Straßburg französischer Meister geworden. Das Gefühl war großartig, es hat mich geprägt. Seitdem habe ich immer wieder nach diesem Gefühl gesucht.

SPIEGEL ONLINE: Die Sucht nach Erfolg.

Ismaël: Genau. Ich wollte es immer wieder haben. Dem Erfolg habe ich alles untergeordnet. Doch in Frankreich habe ich darunter gelitten, dass die Disziplin bei anderen Spielern nicht so war wie in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie.

Ismaël: Manche Kollegen sind zu spät gekommen, einige haben Fast Food zum Training mitgebracht. Da habe ich mich gefragt: Wo bin ich hier?

SPIEGEL ONLINE: Wäre der Spieler Ismaël mit dem Trainer Ismaël zurechtgekommen?

Ismaël: Ich glaube, die beide wären gut miteinander klargekommen (lacht). Ich glaube, ich hätte dann einen Spieler, den ich eher bremsen denn einpeitschen müsste. Ob er dann so gespielt hätte, wie ich mir das als Trainer vorstelle, weiß ich nicht.

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Schafft der 1. FC Nürnberg mit Valérien Ismaël den Bundesliga-Aufstieg?

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Zu große Aufgabe.
frank_w._abagnale 03.08.2014
So sehr ich den sympathischen Spanier und Ex-Hamburger schätze. Mit der Truppe vom Degerloch wird er den Aufstieg nicht schaffen. Zu viele gute Spieler wurden weggeschickt, zu wenig Ersatz geholt. Die Ansprüche der Pfälzer Fans wird er so kaum erfüllen können.
2. Sympathischer Typ
airmac 03.08.2014
Alles Gute Valerién!
3. ????
hugo.z.hackenbush 03.08.2014
Degerloch? Pfälzer? Ich dachte, er ist in Nürnberg. ..
4. franzose, nürnberg, franken...
dr.drum 03.08.2014
da scheint jemand stark verwirrt zu sein...
5. @spon
learner78 03.08.2014
Es heißt Club!!! In Franken auch gerne Glubb. Aber bestimmt nicht "der Klub". Sowas tut beim lesen in den Augen weg!!!!!
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