Von Felix Meininghaus, Dortmund
Hamburg - Fußballer-Transfers sind oft ein Verwirrspiel, doch im Falle Nuri Sahins war es besonders dubios: Kommt er zurück zum BVB? Bleibt er in Liverpool? Immer wieder wurden die Verantwortlichen von Borussia Dortmund im Trainingslager des Deutschen Meisters im spanischen La Manga auf die Personalie angesprochen. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, der BVB plane, den verlorenen Sohn heim ins Revier zu holen.
Doch immer, wenn der türkische Nationalspieler zum Thema wurde, dementierten Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc und reagierten äußerst genervt: "Das kann ich nicht bestätigen", hatte Watzke gesagt: "Das löst bei mir nur noch Belustigung und Kopfschütteln aus." Auch Zorc startete fleißig Ablenkungsmanöver: "Ich bin nicht für jedes Gerücht verantwortlich", sagte der 50-Jährige. Er wolle das nicht kommentieren, "das wird mir einfach zu viel".
Doch die Journalisten ließen nicht locker, und als Watzke und Zorc am Freitag mit einer Chartermaschine in die Heimat flogen, wurde immer klarer, dass die Informationen doch richtig waren. Abends um 18.13 Uhr wurde das Theater dann beendet. Watzke, Zorc und Sahin betraten unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen das Podium im Medienraum des Dortmunder Stadions und verkündeten: Bis zum Ende der Saison wird der 24-Jährige vom spanischen Meister ausgeliehen, der Sahin zuletzt bei Liverpool geparkt hatte.
Merkwürdiges Transfergebahren
Aufgrund der Vorgeschichte waren die handelnden Personen in Erklärungsnot geraten. Deshalb beeilte sich Watzke auch, zu Beginn der Pressekonferenz "Legenden vorzubeugen", die ihn und Zorc in den Bereich der Unredlichkeit rücken könnten. Die Borussia, sagte Watzke, habe erst 48 Stunden zuvor "das Signal bekommen, dass auf Seiten von Real Madrid Gesprächsbereitschaft besteht". Da waren zahlreiche Journalisten offenbar tagelang besser informiert.
Auch merkwürdig: Sahin bestätigte später, dass es zwischen seinem Berater Reza Fazeli und ihm auf der einen und dem BVB auf der anderen Seite "seit einer Woche konkrete Gespräche" gegeben habe. Die Personalie Sahin und deren Abwicklung bleibt also weiter undurchsichtig.
Wie auch immer der Deal zustande gekommen sein mag: Bis zum Sommer 2014 wird Nuri Sahin nun das Trikot tragen, in dem er sich nach eigener Aussage mit Abstand am wohlsten fühlt. "Ich habe in Madrid sehr schnell bemerkt, dass ich nur beim BVB sein möchte", sagte Sahin: "Als Mensch und als Fußballer funktioniere ich bei Borussia Dortmund zu 200 Prozent."
Der Kindheitstraum wird zum Alptraum
Sahin berichtete bestens gelaunt über den obligatorischen Medizincheck, bei dem sich "die Schwestern im Krankenhaus so sehr gefreut haben, mich wieder zu sehen, dass ich sofort das Gefühl hatte, zu hundert Prozent die richtige Entscheidung getroffen zu haben."
Bei seinem Stammverein erlebte der geborene Lüdenscheider die bislang erfolgreichste Phase seiner Karriere, inklusive einiger Rekorde. So wurde der Türke im Alter von 16 Jahren und 335 Tagen zum jüngsten Spieler in der Geschichte der Bundesliga und mit 17 Jahren und 82 Tagen zum jüngsten Torschützen. Die riesigen Erwartungen schienen sich alle zu erfüllen, als Sahin in der Meistersaison 2010/2011 Anführer einer mitreißend aufspielenden jungen Mannschaft war und aus einem entfesselten Ensemble noch herausragte.
Die Bundesliga-Kollegen wählten ihn zum Spieler der Saison, wenige Tage später verkündete Sahin das, was er als die "Erfüllung eines Kindheitstraums" bezeichnete: den Wechsel zu Real Madrid. Doch der Traum wurde zum Alptraum.
Sahin hat viele Erben im Dortmunder Team
Sahin begann seine Zeit bei den "Königlichen", die ihn aufgrund einer festgeschriebenen Ablösesumme zum Schnäppchenpreis geholt hatten, mit dem Handicap einer Knieverletzung - und kam auch nach seiner Genesung nie richtig in Fahrt. Trainer José Mourinho machte kein Geheimnis daraus, dass der neue Mann bei ihm keine Wertschätzung genoss. Bereits im März des vergangenen Jahres berichtete SPIEGEL ONLINE, dass sich der BVB in Madrid nach den Konditionen eines Rücktransfers erkundigt habe, von Real allerdings eine Absage erhalten hatte.
Stattdessen wurde Sahin, der in Madrid einen Vertrag bis ins Jahr 2017 unterschrieben hatte, zum englischen Premier-League-Club FC Liverpool ausgeliehen, wo er sich jedoch auch nicht durchsetzen konnte.
Also entschied sich Sahin dazu, zurückzukehren. Bei der Präsentation war ihm anzusehen, wie glücklich ihn die Aussicht macht, wieder mit den alten Kumpels zu spielen. Auch unter der Prämisse, dass sich andere Leistungsträger wie Bender und Gündogan auf seiner Position etabliert haben und die Rolle als Anführer nun Ausnahmespieler wie Mario Götze und Robert Lewandowski inne haben.
"Ich habe in den letzten eineinhalb Jahren zwar nicht regelmäßig gespielt, aber gegen den Ball kicken kann ich schon noch", sagte Sahin bei seiner Vorstellung. Er war so gut gelaunt, dass er sogar einen Bezug auf eine eher unrühmliche Serie nahm: In der Saison 2010/2011 hatte Sahin drei Elfmeter in Folge verschossen. Unter dem Gelächter der Anwesenden verkündete der Heimkehrer: "Sie haben bei Borussia Dortmund einen bombensicheren Elfmeterschützen verpflichtet."
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