Oberligist Wuppertal Zu Hause immer, auswärts nimmer

38 Heimspiele pro Saison? Der Wuppertaler SV darf keine Auswärtspartien absolvieren, weil die Polizei einige Fans des Oberligisten als gewaltbereit einstuft. Dabei halten selbst Gegner wie Experten die offiziellen Zahlen für stark übertrieben.

Wuppertaler Stadion: "Unsere Fans sind sicher nicht alles Schülerlotsen"
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Wuppertaler Stadion: "Unsere Fans sind sicher nicht alles Schülerlotsen"


Das Spiel war gelaufen, die ersten Punkte der Saison eingefahren, da äußerten die Fans des Wuppertaler SV einen letzten Wunsch des Tages: "Jetzt woll'n wir auswärts spielen." Die Forderung ist begründet. Denn wer es mit dem WSV hält, der erlebt dieser Tage keine Spiele bei anderen Gegnern - auch an diesem Wochenende nicht.

Am Wochenende ist der dritte Spieltag der Oberliga Niederrhein absolviert worden. Doch während die übrigen Partien regulär über die Bühne gegangen sind, fiel das Spiel des WSV beim SV Hönnepel-Niedermörmter aus. Schon der Saisonauftakt in Ratingen wurde abgesagt. Und auch das dritte Auswärtsspiel am 1. September beim VfL Rhede findet wohl nicht statt.

Die Schuld daran sollen die Wuppertaler Fans haben. Weil es unter ihnen laut der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei 300 Gewaltbereite gibt, sei die Sicherheit auf den Sportanlagen der Fünftligisten nicht gewährleistet.

Achim Weber kann darüber nur den Kopf schütteln. Der 44-Jährige stand Anfang der neunziger Jahre selbst für den WSV auf dem Platz, nun ist er im Vorstand zuständig für den Bereich Sport. "Unsere Fans sind sicher nicht alles Schülerlotsen, aber die Zahl 300 ist völlig aus der Luft gegriffen", sagt Weber.

Trotz Abstieg die Mitgliederzahlen erhöht

Seit Mai will er zusammen mit anderen einen Neuanfang versuchen. Bis zu seinem Rücktritt vor drei Monaten führte Friedhelm Runge mehr als 20 Jahre eine Art One-Man-Show als Präsident, Sponsor und Mäzen auf. Nun ist der neue Vorstand dabei, "den Wuppertalern ihren Verein zurückzugeben", wie es Weber nennt.

Das kommt an. Trotz der Insolvenz und des Abstiegs in die fünfte Liga ist die Zahl der Mitglieder um zehn Prozent gestiegen, die der Dauerkarten hat sich verdreifacht. Vergangene Woche beim Saisonspiel gegen den FC Kray (2:0) gab es lange Schlangen an den Kassen. Mehr als 3000 Fans wollten den neuen WSV sehen. Vor vier Monaten, eine Liga höher, waren es teils unter 400.

Weber denkt auch an die sportlichen Folgen des Auswärtsspielverbots: "Jeder, der einmal Fußballschuhe anhatte, weiß, wie wichtig es zum Start ist, den Rhythmus zu finden", sagt der Vorstand und spricht von einer "absoluten Wettbewerbsverzerrung". Seit Wochen fordert er von der Polizei sowie dem zuständigen Fußballverband Niederrhein (FVN) eine Lösung. "Aber nicht erst im September, wenn die anderen voll in der Saison sind."

Eine Einigung ist aber nicht in Sicht: "Der WSV ist durch die Insolvenz recht kurzfristig abgestiegen. Uns fehlen ein paar Wochen zur Vorbereitung", erklärt FVN-Sprecher Peter Hambüchen, der aber zugibt: "Wir haben das unterschätzt." Dabei ist die Situation für den Verband nicht neu. In den vergangenen Jahren spielten der KFC Uerdingen sowie Rot-Weiss Essen ebenfalls auf den Sportplätzen der fünften Liga.

"Wir wollen den Druck rausnehmen"

Doch deren Fanszenen wurden von der ZIS anders bewertet. So sorgt wohl vor allem die Zahl 300 für die Absagen. Wo aber kommt sie her? Die ZIS nennt auf Nachfrage die örtlichen Beamten als Quelle. Die Wuppertaler Polizei wiederum verweist auf die Addition aller auffällig gewordenen Personen der vergangenen Jahre. Dabei handele es sich bei zwei Dritteln nicht um gewaltsuchende, sondern um gewaltbereite Fans.

Dem WSV hilft die Unterscheidung wenig, genauso wie den Gegnern. Auch der SV Hönnepel-Niedermörmter, der den WSV am Sonntag empfangen hätte, versteht die Aufregung nicht. "Wir hatten hier gegen Uerdingen und Essen auch keine Probleme", sagt Vorstand Alexander Kehrmann, der sich "vom Verband alleingelassen" fühlt.

Nun will der WSV selbst tätig werden. Der Vorstand hat sich einen Termin im Innenministerium von Nordrhein-Westfalen geben lassen und Polizei, DFB sowie FVN eingeladen. Parallel dazu hat Bernd Gläßel, Polizist und Mitglied im neuen Verwaltungsrat des Vereins, Kontakt zu den nächsten Gegnern aufgenommen. Gläßel war früher szenekundiger Beamter in Wuppertal und hat das Fanprojekt mit aufgebaut.

Er hält die Zahlen der ZIS für übertrieben. "Es sind deutlich weniger als 300", sagt Gläßel, der selbst ein Konzept für die Auswärtsspiele entwickelt hat: Der WSV organisiert den Kartenverkauf für seine Fans, nimmt eigene Ordner mit und kümmert sich um den Gästeblock. Außerdem hat er Gespräche mit Fangruppen geführt. "Wir wollen den Druck rausnehmen."

Vorstand Achim Weber versucht derweil, den Druck auf Verband und Polizei zu erhöhen, und bringt eine Option ins Spiel, die der KFC Uerdingen in der vergangenen Saison mehrmals zog. War der Heimverein nicht in der Lage, die Sicherheitsauflagen umzusetzen, kaufte der KFC den Gegnern das Heimrecht ab. Um die 5000 Euro soll die Krefelder das pro Spiel gekostet haben. Weber fände das zwar unglücklich, "aber wenn es die einzige Möglichkeit ist, eine schnelle Lösung zu finden, drängen wir darauf. Dann haben wir diese Saison halt 38 Heimspiele."



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spiegelreflexion 12.08.2013
1. Wehret den Anfängen!
FJS' Lieblingszitat ist hier angebracht wie nur irgendwo. Mit einem Verbot aller Auswärtsspiele kann man jeden Verein kaputtmachen. Und im Fall des Wuppertaler SV sehe ich keinen Grund, diesen Verein zugrunde zu richten. Nicht mal die ZIS erhebt Vorwürfe gegen den Verein. Deshalb braucht es die die Solidarität aller Fans, weil Fußball Gegner braucht. Wie soll z. B. Schalke ein Revierderby veranstalten ohne den BVB?
merlion666 12.08.2013
2. optional
Oberligist SV Wuppertal? Herr Schwickerath, es heisst Wuppertaler SV!
LapOfGods 12.08.2013
3.
Ok, WSV-Fans sind nicht ohne. Aber hier wird so getan als zögen da Attilas Hunnen über die Sportplätze. Auch mengenmäßig. Jahrelang, auch jahrzehntelang, ist das immer gut gegangen aber im Rahmen des allgemeinen Sicherheitswahns verlieren die Behörden langsam jeden Sinn für die Realität.
Stefan_G 12.08.2013
4. Richtig
Zitat von merlion666Oberligist SV Wuppertal? Herr Schwickerath, es heisst Wuppertaler SV!
Bei Gründung 1954 war die Abkürzung SVW auch schon an den SV Waldhof Mannheim 07 vergeben. Sicher mit ein Grund, warum aus einem SSV, einer TSG und einem SV Borussia nicht einfach ein SV Wuppertal sondern ein Wuppertaler SV wurde.
omop 12.08.2013
5. Fussball kaputtmachen...
scheinen sich die Behörden zum Ziel gesetzt zu haben...lachhaft mit welchen radikalen Maßnahmen Vereine,Spielbetrieb und Fussballkultur kaputtgemacht werden. Jahrzehntelang hat man das scheinbar problemlos gehandelt (auch bei vielen anderen Vereinen),m.E. absolut keine Verhältnismässigkeit.
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