Hertha-Gegner Östersund Fußball, die Volksbühne

Bei Herthas Europa-League-Gegner Östersunds FK ist vieles anders: Die Profis spielen Theater und singen, kein Spieler hat mehr als 100.000 Euro gekostet. Nächstes Ziel: die Champions League.

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Man hat zuletzt ziemlich oft gehört, dass das Fußball-Business verrückt geworden sei. Insofern gehört schon etwas dazu, wenn man in dieser vermeintlich verrückten Branche als "der verrückteste Fußballverein in Europa" bezeichnet wird. Das hat die "Berliner Morgenpost" über Östersunds FK dieser Tage geschrieben, und so furchtbar falsch liegt die Zeitung bei ihrem Urteil über den heutigen Europa-League-Gegner von Hertha BSC (19 Uhr Sky, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) nicht.

Es gibt Journalisten, die sind extra nach Schweden gefahren, um sich zu überzeugen, dass es diesen Verein wirklich gibt und er nicht nur eine gut ausgedachte Story ist. Ja, es gibt sie alle, den Präsidenten Daniel Kindberg, den Mannschaftskapitän Brwa Nouri, den Trainer Graham Potter und die Kulturbeauftragte Martina Wahlen. Die Geschichte von Östersunds FK ist auch und vor allem die Geschichte dieser vier Menschen.

2010 steckte der Verein in der vierten schwedischen Liga fest, wer in Östersund aufwächst, dort oben im Jämtland 500 Kilometer nördlich von Stockholm, der fährt Ski, aber für Fußball hat sich hier jahrelang kein Mensch interessiert. Daniel Kindberg war damals schon der Klubboss - er wollte das unbedingt ändern. Und dann kamen er und seine Mitarbeiter auf die Idee mit der Kultur.

Einziger Verein mit einer Kulturbeauftragten

Fußball und Kultur, das müsste man doch zusammenbringen können, so wurde Martina Wahlen zur ersten Kulturbeauftragten im europäischen Fußball. Am Anfang ging sie mit den Spielern ins Theater, man besuchte Konzerte, aber so richtig zündete das noch nicht. Es war die Schriftstellerin Martina Haag, die Kindberg den bahnbrechenden Hinweis gab: Die Profis müssten selbst auf die Bühne. Wer sich zutraut, vor Leuten aufzutreten, der wagt auch auf dem Fußballplatz ungewöhnliche Dinge.

Und so gibt es seitdem Jahr für Jahr eine Aufführung im November, mittlerweile ist das in der 50.000-Einwohner-Stadt ein gesellschaftliches Ereignis geworden. Die Spieler singen, sie haben ein Buch mit selbst herausgegebenen Geschichten geschrieben, es gab eine Fotoausstellung. In diesem Jahr wird gerappt. Die Teilnahme ist Pflicht, oder wie Kindberg es mit der Höflichkeit der Skandinavier sagt: "Es muss keiner mitmachen. Aber wer nicht mitmacht, wird halt gefeuert."

Kapitän Brwa Nouri hat mitgemacht. Mit Begeisterung sogar, er sagt, das Kulturding habe sein Leben verändert. Es heißt über die Spieler von Östersund, es sei ein Kader von anderswo Gescheiterten, und Nouri würde das über sich selbst auch sagen. Er hat früher in Stockholm gedealt, ist ein paar Mal aufgeflogen, der Fußball und die Kultur hätten ihm wieder einen neuen Sinn gegeben, sagt er. Mittlerweile hat das Projekt der "Kulturkicker" ("Berliner Zeitung") europaweit Aufmerksamkeit erregt. Zum Abschlusstraining vor dem Herthaspiel waren die internationalen Medien vor Ort und bestaunten selbst normale Aufwärmübungen, als werde in Östersund der Fußball neu erfunden.

Hertha-Coach erwartet "heißen Tanz"

Ein bisschen ist es ja auch so. Keiner im Aufgebot des Teams hat mehr als 100.000 Euro gekostet, das Stadion fasst gerade 9000 Zuschauer, der Etat des Klubs liegt bei lächerlichen fünfeinhalb Millionen Euro. Gegner Hertha BSC haushaltet mit 122 Millionen Euro. Und dennoch steht diese Mannschaft in der Gruppenphase der Europa League, das erste Gruppenspiel in Luhansk hat man 2:0 gewonnen, und Hertha-Trainer Pal Dardai spricht respektvoll von einem "heißen Tanz", den sein Team im kühlen Schweden erwarte.

Graham Potter wird so etwas gerne hören. Er hört in letzter Zeit auch oft die Worte "Wunder" und "Märchen", wenn von seiner Arbeit die Rede ist, und das hängt nicht damit zusammen, dass er den Nachnamen des Zauberers aus J.K. Rowlings Buchklassikern trägt. Den 42jährigen Schotten verschlug es 2010 ins Järmtland, als Profi hat er ein U21-Länderspiel für Schottland vorzuweisen, Östersund ist seine erste Trainerstation, Östersund war viertklassig, eine gute und risikofreie Gelegenheit auszuprobieren, ob er das kann, eine Profimannschaft zu coachen.

Er kann das ganz offenbar, unter ihm stieg Östersund erst in die dritte, dann in die zweite, 2015 in die erste Liga auf und gewann gleich den Pokal. Mit dem Pokalsieg war das Team berechtigt, die Europa-League-Qualifikation zu spielen: Dort hat Potters Elf erst Galatasaray Istanbul, dann den SC Fola Esch und dann Paok Saloniki ausgeschaltet. Besonders gegen die Türken waren das bühnenreife Vorstellungen.

Dass der sportliche Höhenflug mit den Theateraufführungen, den Gesangsdarbietungen und Fotoausstellungen zusammenhängt, davon sind sie bei Östersund alle überzeugt. "Das Kulturprojekt hat die Chemie in der Mannschaft komplett verändert", sagt Martina Wahlen. Und das Selbstbewusstsein dazu. Kindberg hat als nächstes Ziel mal ganz lässig ausgegeben: "Wir werden Champions League spielen." Wie gesagt: Wir werden, nicht: wir wollen. In Östersund, auf der Bühne des Jahres, traut man sich mittlerweile fast alles zu. Auch einen Sieg über das Berliner Ensemble.



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Metalfan 28.09.2017
1. Kleine Korrektur:
Zunächst wurde Galatasaray, dann Fola Esch aus Luxemburg und zuletzt PAOK Saloniki ausgeschaltet.
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