Old Firm in Glasgow Das brisanteste Fußball-Derby der Welt

Dortmund gegen Schalke, HSV gegen Werder? Ist wie Kindergeburtstag im Vergleich zum "Old Firm", dem Derby zwischen Celtic und den Glasgow Rangers. Es geht um Fußball, Religion und Politik. Und es wird laut.

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Ob das mein erstes Old Firm sei, fragte der schottische Kollege, als er mir den Weg zu den Presseplätzen des Ibrox-Stadions in Glasgow zeigte, über eine blaue Stahltreppe, vorbei am Eingang zu einem VIP-Restaurant, raus auf die Tribüne.

Ja, mein erstes Old Firm. Mein erstes Glasgower Derby, Rangers gegen Celtic. "Dann hast du hoffentlich Ohrenschützer dabei", sagte der Kollege und lachte.

Hatte ich natürlich nicht. Aber es wäre keine schlechte Idee gewesen, welche mitzubringen.

Was mich am meisten beeindruckt hat, was ich nicht kannte von Spielen zwischen Dortmund und Schalke, dem Hamburger SV und Werder Bremen oder Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig, war der pure Krach. Das Gebrüll der Fans über 90 Minuten. Zu schreiben, dass jeder Ballgewinn und jede Grätsche wie ein Tor bejubelt worden sei, wäre noch untertrieben.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Torjubel bahnt sich an, erreicht einen Höhepunkt und verflacht dann wieder. Beim Derby in Glasgow schrien die Fans einfach drauflos, bei jeder Gelegenheit. Die Schreie kamen so unvermittelt und waren so laut, dass ich mich fragte, ob hinter den Presseplätzen Lautsprecher ständen, die von der Stadionregie mit Zuschauergebrüll bespielt würden, damit die Reporter auch tatsächlich von der besonderen Stimmung des Derbys in Glasgow schreiben würden. Doch da standen keine Lautsprecher.

Das Duell zwischen Rangers und Celtic, das am Samstag im Celtic Park stattfindet (13 Uhr), gilt als vielleicht brisantestes Spiel der Welt. Weil es um mehr geht als um Fußball. Es geht auch um Religion und Politik. Rangers ist der Klub der protestantischen Unionisten, die sich dem Vereinigten Königreich zugehörig fühlen. Celtic ist der Verein der Katholiken mit irischen Wurzeln und pflegt den Unabhängigkeitsgedanken. Schon stark vereinfacht ist das Thema komplex.

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Old Firm: Gesang und Gepöbel

Keine Rivalen auf Augenhöhe mehr

Wie schwierig die Rivalität zu fassen ist, zeigen die Fahnen und Symbole, die rund um das Spiel zu sehen waren im Ibrox-Stadion und davor. An den Ständen der Straßenhändler mit Rangers-Fanartikeln hingen neben dem dauerpräsenten Union Jack, der Flagge des Vereinigten Königreichs, auch die Fahnen Nordirlands und Israels. Viele Rangers-Fans hatten sich eine Mohnblume angesteckt. Das Symbol, mit dem in Großbritannien im Krieg gefallener Soldaten gedacht wird. Auf der Tribüne der Celtic-Fans waren die Flaggen Irlands, Kataloniens und auch des Baskenlands zu sehen. Vor einem Jahr, bei einem Spiel gegen den israelischen Klub Hapoel Beer Sheva, hing ein Celtics-Fanblock voller Palästina-Flaggen. Wie gesagt: Es ist kompliziert.

In der Vergangenheit war das Duell zwischen Rangers und Celtic von Gewalt geprägt, doch die Verhältnisse haben sich normalisiert, ein Stück weit. Weil der Fußball in Schottland - wie in England - eine Gentrifizierung erfahren hat. Und weil das sportliche Gefälle zwischen den beiden Klubs zu groß geworden ist. Sie sind keine Rivalen auf Augenhöhe mehr. Nach Insolvenz und Zwangsabstieg in die vierte Liga spielen die Rangers, immer noch Rekordmeister, erst seit einem Jahr wieder im Oberhaus.

Celtic-Profi Scott Sinclair (l.) im Zweikampf mit Graham Dorrans
REUTERS

Celtic-Profi Scott Sinclair (l.) im Zweikampf mit Graham Dorrans

In der vergangenen Saison gab es sechs Begegnungen zwischen den beiden Teams, in der Liga und im Pokal, fünf davon gewann Celtic, zweimal sogar 5:1. Da ist der 2:0-Erfolg bei meinem ersten Besuch beim Old Firm durch zwei Tore in der zweiten Halbzeit fast noch gnädig.

"Always look on the bright side of life"

Während bei Derbys in Deutschland überall Polizisten in Kampfmontur zu sehen sind und Straßen gesperrt werden, um verfeindete Fangruppen voneinander fern zu halten, operierten die Sicherheitskräfte in Glasgow deutlich zurückhaltender. Eine Stunde vor dem Spiel konnte ich problemlos um das Stadion herumlaufen. Die Polizisten trugen knallgelbe Westen und waren unbehelmt. Es war kein Blaulicht zu sehen, kein Polizeihubschrauber zu hören. Im Stadion gab es keine Pufferzone zwischen den Fans von Rangers und Celtic, keine Zäune zwischen den Tribünen und dem Rasen. Das Old Firm ist kein Spiel im Hochsicherheitstrakt. Es waren auf den Rängen auch keine Vermummten zu sehen, kein schwarzer Fan-Block, wie es bei deutschen Derbys üblich geworden ist. Pyrotechik spielt beim Fußball in England und Schottland ohnehin quasi keine Rolle.

Was natürlich nicht bedeutet, dass die Stimmung friedvoll gewesen wäre. Im Gegenteil.

Zu Tausenden war auf den Tribünen die Geste zu sehen, die Stefan Effenberg bei der Weltmeisterschaft 1994 einst die verfrühte Abreise beschert hatte. Ebenso das umgedrehte Victory-Zeichen mit Zeige- und Mittelfinger, das in Großbritannien als Geste größter Verachtung gilt. Auch auf der Haupttribüne sprangen die Zuschauer ständig auf, um den Gegner zu beschimpfen. Doch die Rivalität wurde auch auf ironische Weise ausgelebt. Weil das Spiel verloren war, verließen viele Rangers-Fans das Stadion schon vor dem Abpfiff. "Always look on the bright side of life", sangen ihnen Celtics Anhänger zum Abschied hinterher.

Ich hatte keine Ohrenschützer dabei bei meinem ersten Old Firm. Aber die Rangers-Fans hätten in diesem Moment vermutlich gerne welche gehabt.



insgesamt 3 Beiträge
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heinz.murken 30.12.2017
1. Beim nächsten Besuch im UK
steht ein Besuch im Stadion auf meiner „vielleicht mal“ Liste. Obwohl ich Fußball eigentlich nur deport finde. Aber die Briten in Fußballstimmung zu erleben ist vielleicht doch sehens-und hörenswert.
ge1234 30.12.2017
2. Schade...
.... dass es in München keine Derbys mehr gibt! Eine Woche vor dem Derby ging es mit den Frotzeleien und Sprüchen los und erst eine Woche nach dem Derby hörte es wieder auf, quer durch die Familie, den Freundeskreis und die Kollegen. Das Derby selbst immer extrem hitzig und leidenschaftlich, mindestens eine rote Karte und einen Elfmeter gab es eigentlich immer!
nicetomeetme 30.12.2017
3. Pufferzonen
Pufferzonen gab es beim heutigen Old Firm im Celtic Park definitiv. Allerdings mickrige 4 bis 5 Sitzreihen und nicht ganze Blöcke wie in Deutschland. Ich fliege im Februar rüber und bin dann das erste Mal im Celtic Park. Als St. Pauli Fan steht das schon lange auf meiner Liste...
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