Clinch zwischen Klopp und Kahn Champion im verbalen Umschaltspiel

Mit ihrer Auseinandersetzung bescheren Oliver Kahn und Jürgen Klopp Fußballfans einen denkwürdigen TV-Abend. Der Zwei-Minuten-Streit offenbart zweierlei: Dortmunds Trainer verliert die Dauerkarte für das letzte Wort. Und der Experte Kahn schärft endlich sein Profil.

Trainer Klopp (M.), Experte Kahn (r.): "Ich bin überhaupt nicht sensibel"
ZDF

Trainer Klopp (M.), Experte Kahn (r.): "Ich bin überhaupt nicht sensibel"


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Elf Freunde müsst ihr sein. So geht Fußball, das haben wir schon in der F-Jugend gelernt, auch wenn wir da nur zu siebt waren. Zusammenhalten, für den Club, bis die Karriere vorbei ist. Bei den Profis ist das nicht anders. Dort ist es noch schlimmer. Wer in Deutschland nach einer soliden Sportlerlaufbahn immer noch "in Fußball" macht, der gibt den Amigo-Kodex normalerweise nicht auf. Im Gegenteil. Nun heißt es nicht elf Freunde, es heißt: Ach, wir sind doch alle eine Fußballfamilie, was haben wir nicht alles zusammen erlebt.

Dass gemeinsames Erleben kein Grund für Blutsbrüderschaft ist, davon können Thomas Anders und Dieter Bohlen ein Lied singen (oder besser nicht). Trotzdem wird so getan, als hätte jeder TV-Experte schon mit jedem Interviewgast zum Bier an der Hotelbar gesessen. Schulterklopfen, in den Arm nehmen: "Na, Jogi?"

Zusammenhalten fürs Produkt, so könnte der TV-Leitfaden überschrieben sein. Er wurde ausgiebig verteilt. Oliver Kahn müssen sie dennoch vergessen haben. Nach der Niederlage der Dortmunder in der Champions League gegen St. Petersburg, die keinen Einfluss auf das Weiterkommen des BVB hatte, durfte Jürgen Klopp im ZDF seine Sicht des Verhältnisses zu Ex-Nationalspieler und TV-Experte Oliver Kahn darlegen, nachdem dieser die Aussagen des Trainers in der Debatte mit Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer um das Pensum der Bundesligisten "respektlos" und "unverschämt" genannt hatte.

Das Lächeln eines Oscar-Verlierers

Klopp ist ein Meister des versteckten Hiebs hinter der Deckung der Ironie. Auch hier blieb er freundlich, aber eben doch deutlich: "Oli Kahn hat immer in Ligen gespielt, mit denen ich nichts zu tun hatte. Dementsprechend kann er sagen, was er will. Ich glücklicherweise aber auch. Viel mehr gibt es nicht dazu zu sagen." Das fand auch Oliver Welke, es war die Macht der Gewohnheit, nach diesem Schlusswort Klopps flugs die Übertragung für beendet zu erklären. Doch nicht mit Kahn.

Der unterbrach den Moderator und erwiderte: "Wenn man austeilt, muss man auch mal einstecken können und nicht immer so sensibel reagieren." Klopp ist rhetorische Konter dieser Art nicht gewohnt, für gewöhnlich ist er der, der das verbale Umschaltspiel perfekt zur Aufführung bringt. Nun musste er sich das Lächeln eines Oscar-Verlierers aufs Gesicht ziehen, als er sagte: "Ich bin überhaupt nicht sensibel."

Krallen im Streichelzoo der TV-Fußballexperten

Kahn spielte jetzt weiter vertikal und machte endgültig den Klopp. Es folgte ein tiefer Haken, verpackt in gesäuseltes Verständnis: "Ich verstehe Jürgen Klopp. Wenn man als Trainer in so einer Situation ist, wenn man mit vielen Widrigkeiten umgehen muss, das zehrt, das zehrt auch an den Nerven." Klopp war jetzt wirklich bedient.

Ihm blieb nur noch ein "Hat damit gar nichts zu tun", bevor Moderator Welke die Sendung nun wirklich beendete, weil er den ach so schönen Studiofrieden zu Recht in Gefahr sah.

Was von diesen knapp zwei Minuten TV-Wahrheit bleibt, ist ein Trainer Klopp, der erleben musste, dass sympathischer Fußball und geschliffene Rhetorik nicht unweigerlich zur Dauerkarte für das letzte Wort berechtigen. Zurück bleibt vor allem aber ein TV-Experte Kahn, der nach seinem Scharmützel mit Bundestrainer Joachim Löw vor knapp zwei Jahren zeigte, dass er im Streichelzoo der TV-Fußballexperten immer noch die Krallen ausfahren kann, wenn es denn sein muss.

Natürlich spielt hier auch die Rivalität zwischen den Bayern und dem BVB eine Rolle, dennoch ist Kahn zu danken. Dafür, dass er dem Zuschauer hilft, manches besser zu deuten. Dafür, dass er Festgefahrenes wenigstens kurzzeitig aufbricht.

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insgesamt 134 Beiträge
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Seite 1
Art Vandelay 20.03.2014
1.
Man kann da sicherlich ganz viel hineininterpretieren, aber letztlich gilt für beide das, was Oliver Kahn gesagt hat: Wer austeilt, muß auf einstecken.
DerWeisseWal 20.03.2014
2. Rückstoß
Zitat von Art VandelayMan kann da sicherlich ganz viel hineininterpretieren, aber letztlich gilt für beide das, was Oliver Kahn gesagt hat: Wer austeilt, muß auf einstecken.
Genau. Das hätte Sammer berücksichtigen sollen, bevor er beim Loben des FCB den Fehler machte, sein Lob auf subtiler Kritik an den anderen Vereinen aufzubauen.
dbong 20.03.2014
3. Abgesprochen
...eindeutig! Welke hat nur so getan, als wolle er das gespräch beenden. Man konnte es klar merken, - wie er mir seiner Frage bewußt ingeleitet hat ...wie ruhig Kahn geblieben ist... weil er vorbereitet war! Unterhaltsam war es trotzdem nicht. DAzu ist Khan viele zu dröge. Nicht, dass ich Klopp_fan wäre. Aber der hat wenigstens Esprit...wenn er nicht mal wieder den schlechten Verlierer gibt.
aprilhh 20.03.2014
4.
Wie unterschiedlich doch die Wahrnehmung sein kann. Klopp geht in seiner Selbstherrlichkeit auf und verpackt jeden seiner Sätze in Ironie. Das ist eckelhaft. Und mir ist lieber, dass jemand ein bisschen länger überlegt was er sagt, als dieses ständige Dampfplaudern. (Nicht nur Klopp gehört zu dieser Kategorie) Ich mochte Klopp zu seiner Zeit bei Mainz, leider sind ihm die letzten Jahre etwas zu Kopf gestiegen.
schwaebischehausfrau 20.03.2014
5. Abbruch-Niederlage für Kahn...
..gut für Kahn, dass Ringrichter Welke dieses Duell abgebrochen hat. Seine Leistung als "Experte" ist schon unterirdisch schlecht + langweilig genug - gerade im Vergleich zu Scholl, Netzer und Jürgen Klopp selbst, der das ja auch bereits sehr professionell und insbesondere - sehr unterhaltsam - demonstriert hat. Auch inhaltlich kann man Klopp nur Recht geben: Sammer hat, wenn auch indirekt, ganz klar die Arbeit der anderen Bundesliga-Trainer infrage gestellt - und das geht gar nicht. Insofern hat er sich die zugegebnermassen recht derbe Watschn von Klopp zu Recht eingefangen. Sorry, aber zwischen Jürgen Klopp und Oli Kahn liegen einfach mehrere Klassen, da wird ein"Titan" dann leider sehr deutlich entzaubert als kleine Wurst. ..Schade, dass Welke abgebrochen hat!!
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