Kreisliga-Erfolgsstory TC Freisenbruch Hier bestimmen die Fans, wer spielt

Startelf bestimmen, Spieler verpflichten, Trainer feuern: Beim TC Freisenbruch machen das die Fans - online, wie in einem Computerspiel. Und es funktioniert.

Andreas Teichmann/ laif

Aus Essen berichtet


"Zuerst nehmt ihr mir die gute Laune, dann die Geduld. Es wäre besser für euch, wenn ich in der zweiten Halbzeit nicht auch noch den Verstand verliere."
(Halbzeitansprache beim Computerspiel "Anstoß 3")

Mike Möllensiep hat keinen Grund, in der Halbzeit auszurasten. Der Ex-Profi des FC Schalke ist Trainer des TC Freisenbruch. Als Tabellenführer der Kreisliga B Süd in Essen hat Freisenbruch nach 16 Spielen acht Punkte Vorsprung auf Verfolger Teutonia Überruhr und wird ziemlich sicher in die A-Liga aufsteigen. Was nach einer normalen Amateurfußball-Erfolgsgeschichte klingt, ist einzigartig in Deutschland. Freisenbruch wird von einer Online-Community gemanagt, nach dem Vorbild des Computerspiels "Anstoß 3". Möllensiep muss die Mannschaft so aufstellen, wie es ihm per Abstimmung vorgegeben wird.

Wie kann das funktionieren?

Der ehemalige Bergbaustandort Freisenbruch liegt im Osten von Essen - direkt an der Grenze zu Wattenscheid. Rot-Weiss Essen, SG Wattenscheid, was nach verblasster Fußballtradition klingt, könnte für den visionären Dorfklub ein Glücksfall sein: Positiv besetzte Fußballnews werden im Ruhrgebiet im Schatten von Borussia Dortmund und Schalke 04 dringend gesucht.

Nach Fußball sieht es bei einem Besuch in Freisenbruch aber zunächst nicht aus. Über einen schmalen Weg geht es unter einer Brücke in ein Wäldchen hinein. Der Herbstspaziergang wird dann jäh gestoppt: "Herzlich Willkommen im Waldstadion."

Die Heimat des TC Freisenbruch wirkt in Zeiten der Hochglanz-Bundesliga und der Kunstrasenschwemme im Amateurfußball wie ein Rückzugsort für Fußballromantiker.

Ein verbeultes Schild verbietet das Befahren der Sportanlage. Vergitterte Fenster am Vereinsheim. Ein Unterstand, der maximal 30 Zuschauern gleichzeitig gute Sicht und Schutz vor Regen bietet. Kabinen, die das Böllenfalltor in Darmstadt luxuriös wirken lassen. Eine zehnstufige Treppe, die direkt auf das Spielfeld führt, das über mehrere Meter von einer Bruchsteinmauer und ansonsten von steilen grasbewachsenen Hängen begrenzt wird. Und vor allem: ein roter Ascheplatz, der Gedanken an vergangene Grätschen hochkommen lässt. Welcher aschegeplagte Fußballer hat sich nicht schon mal Steine aus seinem Knie gepult?

Und trotzdem weckt der Charme des Waldstadions Bergmannsbusch die Lust, selbst wieder die Fußballschuhe zu schnüren. Das hat Peter Schäfer, Sportlicher Leiter des TC Freisenbruch und einer der Initiatoren des realen Fußballmanagers, bei der Vereinswahl einkalkuliert. "Ich habe noch niemanden erlebt", erzählt Schäfer beim Spiel gegen Fortuna Bredeney, "der sich trotz der äußeren Bedingungen mit Asche und heruntergekommener Anlage nicht wohlgefühlt hat."

Ein Blick in die Kabine des TC Freisenbruch
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Ein Blick in die Kabine des TC Freisenbruch

Für Freisenbruch als Heimat des Managerspiels sprachen laut Schäfer, der die Idee zusammen mit Peter Wingen und Gerrit Kremer nach zweijähriger Vorlaufzeit zum Leben erweckte, aber noch weitere, ganz sachliche Argumente: "Die Anlage bietet freies W-Lan, der Verein nutzt das Stadion allein und es gibt in unmittelbarer Nähe eine Bahnanbindung, was für Fans außerhalb Essens ein wichtiges Argument sein kann." Macher Schäfer, der mit Trainingsanzug und Wollmütze am Spielfeldrand steht, will dabei trotz seiner sachlichen Art die Nähe zu den Spielern und zum Fußball demonstrieren.

Die Idee, Fußballmanager in einem realen Klub entscheiden zu lassen, wurde nicht in Essen geboren. "Wir haben uns damit auseinandergesetzt", fasst Schäfer zusammen, "und schnell gemerkt, dass unsere Vorläufer entweder nicht konsequent oder nicht attraktiv umgesetzt wurden." Bei Ebbsfleet United in England brach das Interesse der zwischenzeitlich mehr als 30.000 Manager 2010 nach drei Jahren Mitbestimmung massiv ein und das von Regisseur Sönke Wortmann initiierte Projekt "Deinfussballclub" bei Fortuna Köln scheiterte zwei Jahre später an der fehlenden Entscheidungsgewalt. Letztlich hatte dort doch der Trainer über die Aufstellung entschieden.

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In Freisenbruch ist das anders. Wer sich dort für einen Monatsbeitrag von fünf Euro als Manager registriert, kann per Abstimmung über Eintrittspreise, Spieltermine, Tormusik oder Merchandising-Produkte entscheiden - zumindest mitentscheiden. Vor allem ist Trainer Möllensiep aber in Sachen Aufstellung und Spielsystem an das Votum der Online-Manager gebunden. Zwei Stunden vor Anpfiff erfährt der 40-Jährige, welche elf Spieler er auf die Asche schicken muss.

Darin sieht Möllensiep, der auch in Sachen Einwechslungen erst nach der Halbzeitpause frei entscheiden darf, sogar einen Reiz seiner Aufgabe. "Ich muss nicht wie sonst eine Mannschaft oder noch zwei, drei Ersatzspieler vorbereiten", erzählt der Trainer, nachdem er beim 1:1 gegen Bredeney den ersten Punkteverlust der Saison verkraften musste. "Meine Pflicht ist es, den gesamten Kader so vorzubereiten, als würde jeder spielen." Außerdem lobt er die Übereinstimmung mit seinen Vorschlägen: "Wenn ein oder zwei Spieler anders aufgestellt werden, als ich es getan hätte, ist das kein Problem."

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Dabei tut der Verein vieles, um seine Manager bestmöglich auf die Aufgaben vorzubereiten. Denn auch wenn die Mehrheit der aktuell 231 Mitspieler aus Essen kommt, so gibt es eben auch Manager aus München, Marburg oder Münster. Die Community kann, nachdem sie von Trainer Möllensiep mit den Worten "Tach Chef" begrüßt wurde, folgende Informationen abrufen:

  • Berichte über jedes Training mit Beteiligung, Inhalten und Noten des Trainers für die Spieler,
  • Regelmäßige Videointerviews mit Möllensiep und wechselnden Spielern,
  • Aufstellungsempfehlungen des Trainers,
  • Statistiken zu allen Spielern im Kader,
  • Liveticker zu den Spielen,
  • Videozusammenfassungen und komplette Spiele im Re-Live.

Damit einher geht eine mediale Aufmerksamkeit, die zum Kalkül der Initiatoren um Peter Schäfer gehört und für Möllensiep, der zuvor in höheren Ligen aktiv war, und andere ambitionierte Spieler den Reiz ausmacht. Möllensiep war 1997 Mitglied des Schalker Eurofighter-Kaders und genießt die Rückkehr in die Schlagzeilen: "Das kenne ich aus meiner Zeit als Profi." Und da nimmt es der Trainer auch in Kauf, sich ständig von den Online-Managern bewerten zu lassen. Fällt das "Trainervertrauen", per Schieberegler auf der Webseite justierbar, unter 15 Prozent, wird der Verein zum Handeln aufgefordert. Derzeit liegt der Wert bei 93 Prozent.

Doch zurück zum Drumherum in Freisenbruch, von dem auch Stephan Stilleke schwärmt. "Da werden viele tolle Dinge veranstaltet", sagt der Torhüter, der eigentlich nur Torwarttrainer in Freisenbruch werden wollte, sich dann aber von der Euphorie im Klub anstecken ließ. "Wir stehen viel mehr im Fokus als früher oder in anderen Vereinen."

Schon vor dem Start des Managerspiels im vergangenen Juli hatte der Kreisligist mit kuriosen Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. "Jedem Verein sollte bewusst sein, dass er auch Imagearbeit zu machen hat", sagt Schäfer beiläufig - und feuert umgehend wieder seine Mannschaft an. So gibt es interessanterweise einen Energydrink, obwohl der Sportliche Leiter RB Leipzig als Gegenentwurf seines Projekts bezeichnet. Zwei Essener Autoren haben einen Krimi geschrieben, der im Waldstadion des TC Freisenbruch spielt. Und mit einer selbsternannten "Top-100"-Kampagne hat sich der Verein mit aktuell 4106 Facebook-Fans auf Platz 115 unter allen deutschen Fußballklubs katapultiert. "Bei Facebook sind wir schon Regionalliga", sagt Schäfer - nicht ohne Stolz in der Stimme.

Die Online-Manager werden während der Spiele mit einem Liveticker bedient.
Andreas Teichmann/ laif

Die Online-Manager werden während der Spiele mit einem Liveticker bedient.

Und wie sahen die Reaktionen aus in einem Verein, der 1902 gegründet wurde und auf die ehrenamtliche Arbeit der Basis angewiesen ist? Konrad Rodenstock, Vorstandsmitglied seit 40 Jahren, kann anfängliche Skepsis nicht leugnen. "Dann war aber schnell klar: Das ist ein Sechser im Lotto für den Verein", sagt der 58-Jährige. "Fast alle im Verein haben die große Chance gesehen, aus dem Niemandsland der Kreisliga B herauszukommen."

In diese Niederungen hatte sich der Verein auch ein Stück weit selbst manövriert. Vor zehn Jahren begann die Stadt Essen - wie andere Kommunen im Ruhrgebiet - Fußballvereine auf Sportanlagen zusammenzulegen, um freigewordene Flächen anderweitig verwenden zu können. Der TC Freisenbruch wehrte sich erfolgreich gegen diese Pläne. "Seitdem müssen wir aber alles selber bezahlen", berichtet Rodenstock, "von einer kleinen Schraube über defekte Flutlichtbirnen bis zum Warmwasserkessel." Dadurch war zu wenig Geld für sportliche Belange vorhanden - es drohte sogar der Abstieg in die Kreisliga C.

Der plötzlich wieder vorhandene sportliche Erfolg ist auch der entscheidende Faktor für die Zufriedenheit im gesamten Verein. Laut Rodenstock gab es schon bei der ersten Präsentation "keine offene Ablehnung" gegen das Managerspiel, nun kämen selbst die alteingesessenen Freisenbrucher "gerne zum Platz und sind stolz". Oder wie es Peter Schäfer ausdrückt: "Es gibt keinerlei Opposition im Verein."

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Restlos überzeugt ist auch Online-Manager Luca Glindmeyer. Der 22-Jährige zog vor wenigen Monaten nach Essen, wurde in sozialen Medien auf das Projekt aufmerksam und bringt sich mittlerweile als Jugendtrainer und Verantwortlicher für die Einlauf- und Tormusik aktiv ins Vereinsleben ein. "Wenn die verlieren ist das wie meine eigene Niederlage", erzählt Glindmeyer, die Augen immer auf das Spielfeld gerichtet, um sofort "Freed from desire" bei einem Treffer seiner Mannschaft abspielen zu können.

Besonders spannend findet der Manager der ersten Stunde die kommende Transferperiode. Der aktuelle Kader wurde noch von Möllensiep und Schäfer zusammengestellt - das wird sich aber, zumindest in Teilen, ändern. "Ich vermute", sagt Glindmeyer, "dass die Verantwortlichen im Verein Spieler vorschlagen werden und dass auch wir Manager Spieler vorschlagen und dann werden die User darüber abstimmen."

Der Verein ist da schon einen Schritt weiter. In Sachen Verlängerung bestehender Spielerverträge können die Online-Manager bereits auf der Webseite ihre Favoriten benennen - hohe Prozentzahlen sind für Schäfer dann Arbeitsaufträge, mit den Spielern zu verhandeln. In einem zweiten Schritt wird der Sportliche Leiter "unsere favorisierten Neuzugänge vorstellen und die Community kann dann entscheiden". Und es gibt die Idee, einen Kaderplatz über eine Castingshow zu vergeben.

Möllensiep ist es in der Frage wichtig, die Macht der Manager zu beschränken. "Ich möchte die Spieler vorher sehen und kennenlernen", sagt der Trainer in Badeschlappen - und mit ernster Miene. "Denn sie müssen ja auch nicht nur sportlich zu uns passen. Und es geht natürlich nicht, dass ein Manager alleine Spieler anschleppt und die Community dann darüber abstimmt. Wir müssen eine Vorauswahl treffen und dann kann darüber abgestimmt werden." Eine kleine Einschränkung macht Möllensiep dann doch: "Aber wir wehren uns natürlich auch nicht dagegen, wenn mal einer eine gute Idee hat."

Trotzdem liegt in der Kaderzusammenstellung ein mögliches Konfliktpotenzial zwischen Verein und Online-Manager. Denn analog zu Fortuna Köln endet die Macht der Community an einem bestimmten Punkt - wenn auch deutlich später. Das gilt auch für die Themenauswahl bei den Abstimmungen. Vorschlagen und diskutieren kann die Community alles, doch es gibt Grenzen. "Was wir umsetzen können, machen wir natürlich", sagt Initiator Schäfer. "Das hat aber Grenzen, wir sind ja als Vorstand auch vertretungsberechtigt und können nicht einfach alles machen."

Wie entscheiden die Manager in der Transferperiode?
Andreas Teichmann/ laif

Wie entscheiden die Manager in der Transferperiode?

Bedeckt halten sich die Verantwortlichen bei der Frage nach langfristigen Zielen. Der Aufstieg in die Kreisliga A ist fest eingeplant, da klingen die Worte von Vorstand Rodenstock, Trainer Möllensiep, Torwart Stilleke, Sportlichem Leiter Schäfer und Online-Manager Glindmeyer allesamt gleich.

Doch was kommt dann? Bezirksliga? Westfalenliga? Oder ist mit so einem Projekt noch mehr möglich? "Theoretisch ist es ja auch denkbar, dass statt 200 auch 20.000 Manager mitmachen", sagt Schäfer. "Und dann hat man natürlich auch finanziell ganz andere Möglichkeiten."

Für die Macher in Freisenbruch ist es ohnehin wichtig, den Online-Managern immer wieder neue Anreize zu geben. "Bei den klassischen Managerspielen kann ich an einem Abend eine ganze Saison spielen", erinnert sich Schäfer an seine eigene Vergangenheit als "Anstoß-3"-Manager. "Das können wir nicht bieten, wir haben eine Winterpause und es gibt Phasen, wo länger nichts passiert." Deshalb gibt es ein internes Managerranking mit Punkten für Aktivität im Spiel und der Möglichkeit einer eigenen Pokalvitrine.

Nicht eingeplant ist dabei sportlicher Misserfolg. Wer durch die Kreisliga B fliegt, kann seine Community leichter bei Laune halten als ein Bezirksligist, der gegen den Abstieg spielt. Rodenstock bleibt gelassen: "Wir haben ja nichts zu verlieren. Wir haben die erste und zweite Mannschaft, wir haben die Jugend und wir haben ein Umfeld im Verein - es würde also trotzdem weitergehen."

Und die Online-Manager hätten sicher nichts dagegen, wenn es mal einen Mitschnitt von Möllensieps Halbzeitausraster geben würde.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
wdiwdi 02.12.2016
1. 231 Mitglieder, 5 Euro/Monat
Mit anderen Worten, für abgerundet 1000 Euro und mit 200 autogenerierten Sockenpuppen kann man sicherstellen, dass dieser Verein mindestens 4 Spiele verliert. Das ist selbst für die Kreisliga B im Abstiegskampf ein verlockendes Angebot.
Putsche 02.12.2016
2.
Essen liegt nicht in Westfalen (auch wenn es mal einige Stadtteile gab, die zu Westfalen zählten) und damit würde der TC Freisenbruch auch nicht in der Westfalenliga, sonder in der Oberliga Nordrhein spielen. Ansonsten ein schöner Artikel.
didi2212 02.12.2016
3. Tolle Idee für den Amateufussball,
aber in den oberen Ligen, wo der oft ahnungslose Finanzadel die Geldbörse zückt, um dann den Verantwortlichen ins Geschäft zu quatschen, kaum realisierbar.
Vereinscheck.de 06.12.2016
4.
Wir haben hier bereits darüber berichtet: https://vereinscheck.de/blog/einen-sportverein-wie-ein-computerspiel-aufbauen-ja-das-geht-fussballmanager-2-0
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