Von Christian Paul
Hamburg - Volker Finke war sich sicher, er sprach voller Überzeugung. Gerade hatte der 1. FC Köln das Rhein-Derby bei Bayer Leverkusen gewonnen, der schwache Saisonstart unter dem neuen Trainer Stale Solbakken war vergessen. Und der Sportdirektor nahm bemerkenswerte Worte in den Mund: "Voraussetzung für konzeptionelle Arbeit ist, dass man sich Zeit nimmt." Das war am 21. September.
Heute, etwa acht Wochen später, sind die Kölner wieder weit von Konzepten, Ruhe und Gelassenheit entfernt.
"Ich muss mich selbst sortieren", sagte Finke am Sonntag. "Ich hatte das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind." Die Schockstarre des 63-Jährige hatte einen Grund: die Mitgliederversammlung des Vereins. Ohne Vorankündigung gab Präsident Wolfgang Overath dort seinen sofortigen Rücktritt bekannt.
Das Chaos ist zurück in Köln. Das zeigte auch der weitere Verlauf der Versammlung. Im aufgeheizten Publikum in der Kölner Lanxess Arena kam es zu Tumulten. Ordner mussten mehrmals eingreifen, um aufgebrachte Mitglieder zu besänftigen. Angeblich wurden mehrere von ihnen abgeführt. Offenbar liegen die Nerven blank am Rhein.
"Ich bitte den Verwaltungsrat um Verständnis, dass wir vorher darüber nicht gesprochen haben", sagte Overath, der genau wie seine Präsidiumskollegen Friedrich Neukirch und Jürgen Glowacz nicht mehr für den Bundesligisten tätig sein wird. Noch in der vergangenen Woche hatte der 68-jährige Overath erklärt, dass er bis zum turnusmäßigen Ende seiner Amtszeit im Jahr 2013 weitermachen wolle. Es waren Worte mit geringer Halbwertszeit.
Overaths Amtszeit wenig erfolgreich
Overaths Gründe für diesen Schritt bleiben vage. "Ich wurde in einer Art und Weise verunglimpft, wie ich es vorher nie erlebt habe. Es nervt, wenn man von einer kleinen Gruppe immer wieder attackiert wird", sagte er und klang wie jemand, der seinen ehrenamtlichen Einsatz für den Club nicht genügend gewürdigt sah. Gemeint war wohl auch die Gruppe "FC-Reloaded", die mehr Mitspracherecht im Verein fordert. Natürlich werde er "immer mit dem Herzen" am FC hängen.
Ein neues Präsidium wird mit hoher Wahrscheinlichkeit erst 2012 bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gewählt. Bis dahin werden der neue Verwaltungsrat-Vorsitzende Werner Wolf und dessen Stellvertreter Josef Sanktjohanser den Verein kommissarisch führen. Was aber bleibt vom großen FC-Idol?
Sicher, Overath war beliebt in Köln, vor allem als Spieler. Er wurde mit dem Club Deutscher Meister und Pokalsieger. Als Funktionär war er allerdings nicht ansatzweise so erfolgreich. Als Overath 2004 das Präsidentenamt beim damaligen Zweitligisten antrat, tat er das mit einem Vier-Jahres-Plan, an dessen Ende die Qualifikation für den Europacup stehen sollte. So etwas klingt in Köln immer gut. Die Realität, das hat auch Overath nicht ändern können, sieht wie so oft anders aus.
Hoher Preis für Podolski
Zusammengefasst liest sich die sportliche Bilanz unter seiner Führung fast so ernüchternd wie die seiner ebenso glücklosen Vorgänger Klaus Hartmann und Albert Caspers: Sechs Trainer hat Overath in sieben Jahren verschlissen, 2006 stieg der Club sogar erneut in die zweite Liga ab und muss seit seiner Rückkehr im Jahr 2008 regelmäßig um den Klassenerhalt bangen. Das liegt auch daran, dass es unter Overath kaum eine Weiterentwicklung der Mannschaft gab.
Lange las sich der Kader wie eine Zusammenstellung alternder und überschätzter Profis (Evanilson, Maniche, Petit, Radu). Der umstrittene Manager Michael Meier, der während seiner Zeit bei Borussia Dortmund maßgeblichen Anteil an der dramatischen Überschuldung des Revierclubs hatte, wurde 2010 entlassen - von Overath. Dessen größtes Verdienst als Präsident in Köln könnte nun darin bestehen, Lukas Podolski verpflichtet zu haben. Die Identifikationsfigur hatte Overath 2009 für zehn Millionen Euro vom FC Bayern in die Heimat zurückgeholt, die Fans waren begeistert.
Doch für die Folklore zahlte man einen hohen Preis. Der Nationalspieler konnte nur durch die Hilfe von Sponsoren verpflichtet werden. Der Verein hat heute etwa 30 Millionen Euro Schulden und ein Stadion, das ihm nicht gehört. Trotzdem glaubt Overath den Club gerüstet. "Der 1. FC Köln ist für die Zukunft gut aufgestellt. Die von uns verpflichtete sportliche Leitung mit Sportdirektor Volker Finke und Trainer Stale Solbakken macht einen tollen Job. Die Mannschaft hat genügend Potential", sagte er am Sonntag.
Immerhin damit scheint er nach den Eindrücken des ersten Saisondrittels recht zu haben. Köln steht im gesicherten Mittelfeld der Tabelle, verfügt in Torwart Michael Rensing, Verteidiger Geromel und Podolski über eine gute Achse und spielt unter dem Norweger Solbakken sogar streckenweise ansehnlichen Fußball.
"Maat et joot", macht es gut, so verabschiedete sich Overath am Sonntag von den Kölner Vereinsmitgliedern. "Macht es besser" hätte auch nicht so schön geklungen.
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