BVB-Stürmer Alcácer Seine Tore widmet er dem Himmel

Paco Alcácer begeistert die Fans des BVB, in seiner Heimat aber sind sie verblüfft über seinen Erfolg. Von einem, der sein Glück in Barcelona verlor und in Dortmund fand.

AFP

Von Sid Lowe


Beinahe das letzte, was Paco Alcácer senior in seinem Leben sah, war das, was er sich am Sehnlichsten gewünscht hatte.

Alcácer arbeitete in einer Landwirtschaft in Torrent, in der Nähe von Valencia, aber eigentlich hatte er es zum Fußballprofi bringen wollen. Der Tag, an dem er starb, war zugleich der Tag, an dem sein Sohn Paco junior es schaffte.

Es war Sommer 2011, als Paco Alcácer jr. der Durchbruch gelang. Bei der U19-Europameisterschaft wurde er im Endspiel gegen Tschechien beim Stand von 0:1 eingewechselt und schoss Spanien mit zwei Treffern zum Titel. Kurz darauf feierte er bei einer Vorbereitungspartie seines Jugendklubs, dem FC Valencia, sein Profidebüt. Die eigenen Fans im Stadion Mestalla empfingen den Finalhelden mit Standing Ovations. Alcácer gelang ein Tor.

Nach dem Spiel warteten Pacos Eltern auf ihren Sohn, gemeinsam wollten sie bei einem Essen feiern. Ein paar Schritte gingen sie spazieren, dann brach Paco Senior zusammen.

Nach jedem Tor deutet er zum Himmel

Im Stadion hatten Pacos Teamkollegen davon nichts mitbekommen; sie sprachen über diesen beeindruckenden Jungen, darüber, wie gut er gewesen war, was er eines Tages würde erreichen können - schüchtern war er, leise, fast ängstlich, und doch ein geborener Torjäger. Klubärzte, die die Hilferufe der Familie hörten, eilten herbei, vergeblich. Paco Alcácer senior hatte einen Herzinfarkt erlitten, er starb mit 44 Jahren, sein Sohn war da gerade 17 Jahre alt.

Beim FC Valencia sagten sie Alcácer damals, er könne sich eine Auszeit nehmen so lange er wolle. Er fehlte keine ganze Woche. Er brauchte das Training, den Alltag, hieß es. "Immer wenn ich das Spielfeld betrete, denke ich an ihn", sagte Alcácer einmal. Er sei sicher, sein Vater helfe ihm dort. Bis heute deutet der Stürmer nach jedem erzielten Tor zum Himmel.

Zuletzt tat er das ziemlich häufig. In der Bundesliga trifft er im Schnitt alle 29,1 Minuten, für die spanische Nationalmannschaft dauerte es seit der WM im Schnitt 38,6 Minuten. Wettbewerbsübergreifend schoss er elf Tore in weniger als 500 Minuten.

Von Dortmunds Ersatzbank ins Nationalteam

Im Oktober feierte der 25-Jährige seine Rückkehr ins Nationalteam nach zweijähriger Abstinenz, dabei hatte er für seinen Klub, Borussia Dortmund, bis dahin noch nie in der Startelf gestanden. Beim BVB ist er meist Joker, auch am Abend, wenn Dortmund Bayern München empfängt (18.30 Uhr; TV: Sky; Liveticker SPIEGEL ONLINE), könnte er zunächst auf der Bank sitzen. Trotzdem führt Alcácer seit Wochen die Torjägerliste der Bundesliga mit an. Spanische Medien reagierten überrascht. "Die triumphale Rückkehr des Paco Alcácer", schrieb "Sport" nach seinen jüngsten Auftritten in der Nationalmannschaft. Die "Marca" nannte ihn "Paco Alkaiser".

Zur Person
  • Carlos Diaz-Recio
    Der Journalist Sid Lowe gilt als einer der profiliertesten Kenner des spanischen Fußballs. Der Brite lebt in Madrid und berichtet von dort regelmäßig für den "Guardian" und andere Medien. Lowe ist zudem Autor des Bestsellers "Fear and Loathing in La Liga" und tritt regelmäßig als Experte in Radio- und TV-Sendungen auf.

Warum diese Verblüffung? Alcácers Torquote war ungeheuer gut, das schon. Aber dass er ein hervorragender Angreifer ist, wusste jeder, der ihn in den vergangenen Jahren beobachtet hatte.

Alcácer war nie der beste Spieler in seiner Mannschaft. Selbst in der Jugend in Valencia stand er im Schatten eines seiner Mitspieler, dem heutigen Real-Star Isco. Alcácer ist weder besonders schnell noch groß, ihm fehlt auch die Kraft anderer Stürmer. Wenn er versuche, ins Dribbling zu gehen, könne es vorkommen, dass er über den Ball stolpert, sagte Alcácer einst über sich selbst. Er ist auch niemand, der Spiele an sich reißt und an dem Blicke hängen bleiben. Manchmal nimmt man ihn gar nicht wahr. Bis er trifft.

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BVB-Stürmer Alcácer: In Spanien nennen sie ihn "Paco Alkaiser"

Toreschießen, das ist die Konstante in Alcácers Karriere. Er war stets einer der Besten, wenn es um Intuition ging, Spielintelligenz, Laufwege. Qualitäten, die erst auffallen, wenn man als Zuschauer bewusst auf sie achtet. Und die für seine Gegenspieler kaum zu verteidigen sind. Als Abwehrspieler mag man ahnen, was Alcácer vorhat, man weiß vielleicht sogar, dass er bald einen bestimmten Weg machen wird. Nur wann? Irgendwie entwischt Alcácer seinen Bewachern immerzu.

Das Besondere an seinen bisherigen Saisontreffern ist, wie unterschiedlich sie waren: Volleyschüsse, Schlenzer, Abstauber, ein direkter Freistoß. Gerade über diesen Kunstschuss beim 4:3-Sieg über Augsburg wunderte man sich in Spanien, für solche Freistöße war Alcácer eigentlich nicht bekannt. Was Selbstvertrauen nicht alles bewirken kann.

"Ich habe Barcelona verlassen, um glücklich zu sein"

In Barcelona, wo Alcácer in zwei Jahren in sämtlichen Wettbewerben nur 22-mal in der Startelf stand, wirkte er mitunter verloren. "Ich habe Barcelona verlassen, um glücklich zu sein", sagte er in der vergangenen Woche.

War Barcelona eine Nummer zu groß für ihn? Mag sein. Aber wer sagt schon ab, wenn Barça anfragt? Dass er dort sein Glück nicht fand, heißt nicht, dass er bei den Katalanen nicht trotzdem oft getroffen hätte. Wenn er spielte, schoss Alcácer Tore. Allein, er erhielt selten die Gelegenheit dazu.

Er wusste, worauf er sich eingelassen hatte. Seine Konkurrenten hießen Lionel Messi, Luis Suárez, Neymar, und als dieser nach Paris wechselte, kamen Ousmane Dembélé und später Philippe Coutinho. Alles herausragende Spieler.

Alcácer brauchte Spielzeit; "Minuten bekommen", wie er es ausdrückte. Und Deutschland rief, die offenen Arme des Westfalenstadions. Wo mit den Minuten die Tore kamen, jede halbe Stunde eins - und jedes einzelne von ihnen dem Himmel gewidmet.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Oihme 10.11.2018
1. Lasst bitte ...
... diese völlig überzogene Hype um Alcacer! Mit Yarmolenko war es im letzten Jahr auch so: Bombenstart beim BVB, ins unermessliche gesteigerte Erwartungshaltung - und plötzlich hielt er dem Druck nicht mehr Stand, verkrampfte und traf das leere Gehäuse nicht mehr! Die logische Folge, wenn man von einem Stürmer alle 15-30 Minuten ein Tor erwartet und dann öffentlich darüber diskutiert, warum das nicht klappte.. Wenn ein Mittelstürmer in der Bundesliga in der Saison alle zwei Spiele trifft und mit 17-20 Treffern in die Sommerpause geht, gilt das doch auch als prima Qualitätsnachweis, oder? Gerade in der allerersten Saison.
meresi 10.11.2018
2. Seine Tore
wird der BVB heute gut gebrauchen können, denn: Bayern kommt um sich den Frust von der Seele zu spielen, das bedeutet nichts Gutes. So gefährlich wie ein angeschossener Eber...
gammoncrack 10.11.2018
3. Das sehe ich genau so.
Zitat von Oihme... diese völlig überzogene Hype um Alcacer! Mit Yarmolenko war es im letzten Jahr auch so: Bombenstart beim BVB, ins unermessliche gesteigerte Erwartungshaltung - und plötzlich hielt er dem Druck nicht mehr Stand, verkrampfte und traf das leere Gehäuse nicht mehr! Die logische Folge, wenn man von einem Stürmer alle 15-30 Minuten ein Tor erwartet und dann öffentlich darüber diskutiert, warum das nicht klappte.. Wenn ein Mittelstürmer in der Bundesliga in der Saison alle zwei Spiele trifft und mit 17-20 Treffern in die Sommerpause geht, gilt das doch auch als prima Qualitätsnachweis, oder? Gerade in der allerersten Saison.
Niemand hat seinerzeit von Lewandowski nach seinen 5 Toren in ein paar Minuten erwartet, dass er das nun an jedem Spieltag wiederholt. Warum man hier bei Paco Alcácer eine derartige Erwartungshaltung an den Tag legt, ist mir schleierhaft. Ich hoffe, dass er in den kommenden Spielen wichtige Tore macht, und wenn es eben nur ab und zu ist, reicht das vollkommen aus. Außerdem halte ich es für viel wichtiger, dass er in der gegnerischen Defensive Kräfte bindet und somit für andere den Weg frei macht. Dann schießt er eben kein Tor, dafür andere. Und dann kommen wieder etliche und reden von einem Fehlkauf. Witzig!
FaselFaselFasel 10.11.2018
4. Warten wir mal ab
Nach seiner sensationellen Quote ist es in den letzten Spielen deutlich abgelaut. Es hat schon seine Gründe weshalb es bei Barca gar nicht geklappt hat. Das Dortmunder System hat zwar vielen mäßigen Stürmern die Möglichkeit zum glänzen gegeben (siehe Aubameyang), aber noch habe ich große Zweifel an Alcacer. Dass die Dortmunder heute gewinnen, glaube ich dennoch.
FaselFaselFasel 10.11.2018
5.
Zitat von meresiwird der BVB heute gut gebrauchen können, denn: Bayern kommt um sich den Frust von der Seele zu spielen, das bedeutet nichts Gutes. So gefährlich wie ein angeschossener Eber...
Das Problem der Bayern ist ja die mangelhafte Leistung, dass durch mangelhafte Vorbereitung enstanden ist. Es ist nicht so dass die Bayern einfach mal das Tempo höher schalten müssen. Das können sie nämlich ncht. Dazu braucht es wohl eine gute Vorbereitung in der Winterpause. Deshalb ist der Sieg für Dortmund heute so wichtig, denn in der Rückrunde erwarte ich wieder starke Bayern. Doch bis dahin sind sie sehr verwundbar. Und nicht nur gegenüber Dortmund. Ich glaube sie werden noch so manches Unentschieden und sogar Niederlage erleben in den sechs Spielen nach Dortmund.
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