Panini-Alben Ein Ronaldinho gegen vier Friedrichs

Kein sportliches Großereignis ohne Panini-Sammelalbum. Auch vor der Fußball-WM werden wieder Tausende Ronaldinhos auf den Schulhöfen die Besitzer wechseln. SPIEGEL ONLINE zeigt eine Auswahl aus den vorigen Jahrzehnten.

Von Jürgen Bröker


Die Summen sind unglaublich. Kürzlich wechselte bei eBay ein Panini-Sammelalbum der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 für 311 Euro den Besitzer. Dabei fehlten mehr als 150 der bunten Starbilder. Vollständige alte Alben erzielen gar vierstellige Beträge. Die Hefte haben Kultstatus. Regelmäßig vor den großen Fußballturnieren schwärmen die Sammler in die Zeitschriften- und Spielwarenläden, Tankstellen und Kiosken der Republik aus, um möglichst schnell alle Sticker der aktuellen Ausgabe zusammen zu bekommen. In diesem Jahr sind dazu 596 Bilder und ein Spezialsticker nötig. So viele wie nie zuvor. Das entsprechende Heft ist gerade veröffentlicht.

Genau ergründen kann Birgit Barner das Panini-Phänomen auch nicht. Vielleicht, so die Sprecherin von Panini-Deutschland, liege es an den sinnlichen Erfahrungen, die zu dieser Sammelleidenschaft dazugehören. Tütchen aufreißen, daran riechen, einkleben. Auch der Ärger über den vierten Philipp Lahm und die Freude über ein Bild des derzeit besten Fußballers der Welt, Ronaldinho, machen den Reiz aus. Sammler werden es nicht glauben wollen, aber das sich hartnäckig haltende Gerücht, dass einige Akteure weniger vertreten sind als andere, dementiert Barner entschieden. "Das gibt es bei uns nicht. Alle Spieler sind gleich verteilt." Dafür sorge ein ausgeklügeltes System in der Konzernzentrale im italienischen Modena.

Während die Hauptzielgruppe bei den jährlich erscheinenden Bundesliga-Alben in erster Linie die 5- bis 14-Jährigen sind, sammeln zu Welt- und Europameisterschaften auch Papa, Opa, Oma und Onkel mit. Vielleicht erinnern sie sich dabei an ihre Schul- und damit intensive Sammelzeit. Damals ging es nicht nur darum, das Album voll zu bekommen. Es ging auch um Macht. Denn wer sein Heft am schnellsten vollständig beklebt hatte, der bestimmte mit seinen doppelten Bildern die Tauschpreise. Panini-Bilder waren die Währung auf den Schulhöfen und in den Jugendzentren. Ein Platini gegen vier Sticker von Hans-Peter Briegel. Ein Rummenigge gegen zwei Tunesier und einen Schotten. Heute machen offizielle und private Tauschbörsen sowie Internetangebote dem Schulhof-Handel Konkurrenz.

30 Millionen Tüten

Fünf Bilder sind in einer der acht Mal zehn Zentimeter großen Tüte, die für 50 Cent an den entsprechenden Verkaufsstellen ausliegen. Rein theoretisch müssten die Sammler also mit 120 Tütchen ihr aktuelles Album komplettieren können. Doch so läuft es nicht. Mit Aufreißen der 10., spätestens der 15. Verpackung, sehen einen die ersten Gesichter ein zweites Mal an. Dann gilt es Tauschpartner zu finden. Wer sich die mühselige Suche im Bekanntenkreis oder auf Tauschbörsen nach noch fehlenden Klebebildern sparen möchte, kann sich auch direkt an Panini wenden. "Wir leiten Anfragen zu bestimmten Bildern weiter nach Italien", sagt Barner. Dort sucht eine Mitarbeiterin dann nach den entsprechenden Raritäten. Eine Garantie, dass das gesuchte Bild noch in den Archiven der Konzernzentrale in Modena schlummert, gibt es aber nicht.

30 Millionen Tüten verkaufte Panini zur vergangenen Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea allein in Deutschland. Eine Marke, die die Italiener auch diesem Jahr anstreben. "Wir gehen mit dieser Auflage in den Markt", sagt Birgit Barner. In der Deutschlandzentrale in Nettetal hofft man auf ein gutes Abschneiden der Mannschaft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Nicht nur als Fan, sondern auch, weil es sich positiv auf die Verkaufszahlen auswirke, so Barner.

Besonders aufreibend ist im Verlag immer die Zeit vor der eigentlichen Produktion. Dann gilt es die entsprechenden Lizenzen zu bekommen. "Für den Druck benötigen wir drei verschiedene Rechte. Von der Fifa, den Nationalmannschaften und den einzelnen Spielern", erklärt Barner. Schon ein Jahr vor dem Start der WM, wenn das Teilnehmerfeld noch gar nicht feststeht, beschäftigt sich Panini mit den entsprechenden Lizenzen. Wie wichtig das ist, zeigen einige kuriose Fälle. So ist es schon vorgekommen, dass zwar die Spieler, nicht aber der nationale Verband sein Einverständnis zum Abdruck gegeben hat.

Die Folge: Die Spieler wurden abgebildet, allerdings nicht in den Nationaltrikots sondern in neutralen T-Shirts. Oder umgekehrt: Der nationale Verband erklärt sich mit dem Abdruck einverstanden, der Spieler verweigert aber seine Zustimmung. So geschehen 2004 zur Europameisterschaft. "Damals hatten wir beispielsweise keine Lizenz von Oliver Kahn", sagt Barner. Obwohl er 2004 die unumstrittene Nummer eins im Deutschen Tor war, fehlte er also im Album.

In diesem Jahr ist Kahn trotz seiner Reservistenrolle im Album vertreten. Dafür sucht der eifrige Sammler vergeblich den Platzhalter für den Sticker der neuen Nummer 1, Jens Lehmann. Bereits im Januar habe man sich in Absprache mit dem DFB auf einen Torhüter festlegen müssen, erklärt Barner. Und der hieß damals Oliver Kahn. Nun hat sich Klinsmann aber für Lehmann entschieden. "Natürlich ist es schade, dass wir nicht die Nummer eins im Heft haben", sagt Barner. Aber Oliver Kahn sei immer noch eine echte Größe. Doch Panini hat reagiert und einen Extrasticker von Jens Lehmann produziert. Die Sammler können den Keeper dort in das Album kleben, wo es ihnen gefällt.

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