PSG vor Champions-League-Aus Pariser Frust-Rituale

Das Hinspiel gegen Real klar verloren, nun fehlt Neymar: Paris Saint-Germain steht vor dem K.o. in der Champions League. Die Zukunft des Klubs steht auf dem Spiel.

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Von , Paris


Paris Saint-Germain pflegt zum Frühlingsanfang ein Ritual. Es beginnt mit dem ersten wichtigen Spiel der Saison: der ersten K.-o.-Runde der Champions League, in der Paris auf einen europäischen Spitzenklub trifft. Das Ergebnis? PSG verliert, so will es die Tradition. Danach entlässt der Klub seinen Trainer, gewinnt die Französische Meisterschaft, kauft einen Superstar im Sommer und fantasiert so lange über den Gewinn der Königsklasse, bis die Gesetzmäßigkeiten erneut zuschlagen.

Dass der erste Teil des Rituals auch an diesem Dienstag gegen Real Madrid (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) fortgesetzt wird, gilt als sicher. PSG hat das Hinspiel bei den Königlichen in Madrid 1:3 verloren. Schlimmer noch: Der Versuch einer Aufholjagd im Rückspiel wird ohne den verletzten Superstar Neymar stattfinden.

Was danach passiert, ist jedoch unsicher: Der reflexhafte Kauf eines weiteren Superstars im Sommer ist diesmal unwahrscheinlich, eher könnte es zum Verkauf von Neymar kommen. Das hängt mit den Transferregularien der Uefa, den Geldgebern aus Katar und Neymar selbst zusammen.

Viele in Paris fragen sich, ob die Investoren auch bei einem erneuten K.o. in der Königsklasse Lust verspüren, weiter Geld in das Projekt PSG zu pumpen? Falls nicht, was passiert dann mit dem Verein, der von den Sponsoren im Jahr 2011 aus dem französischen Mittelmaß geholt worden ist?

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PSG-Investitionen: Katarischer Kaufrausch

Ein Problem der Pariser ist ihre Dominanz in der Ligue 1. Dort gibt es mittlerweile keinen einzigen echten Kontrahenten mehr. Das wurde erst in der vergangenen Woche deutlich, als PSG zwei Mal auf seinen Rivalen Olympique Marseille traf, zuerst in der Liga, dann im Pokal. Die französischen Fernsehanstalten versuchten, künstlich Spannung aufzubauen, sie nennen das Duell "Le Classico". Von Spektakel war dann keine Spur: Paris gewann beide Duelle mühelos 3:0. OM-Keeper Steve Mandanda beschrieb die Machtverhältnisse nach der Pleite folgendermaßen: "Wir sind nicht enttäuscht, Paris ist einfach zu gut."

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PSG vs. Real Madrid

Wer erreicht das Viertelfinale der Champions League?

Das Spiel stand im Schatten eines Mannes, der gar nicht dabei war. Es geht um Neymar, der zum Anpfiff des Pokalspiels in einem Flugzeug saß und Richtung Rio de Janeiro abhob. In seiner Heimat wird er am verletzten Fuß operiert, der Stürmer will auf keinen Fall die Weltmeisterschaft im Sommer in Russland verpassen. Was mit Paris passiert, scheint für ihn nebensächlich.

Verletzter Neymar
REUTERS

Verletzter Neymar

Die Liga ist ohnehin ein Selbstläufer. Aktuell hat PSG 14 Punkte Vorsprung auf Monaco. In wenigen Wochen wird der fünfte Meistertitel seit der Klub-Übernahme perfekt sein, wahrscheinlich kommt der Pokalsieg hinzu. Aber die katarischen Eigner verfolgen größere Ziele: die Champions League. Wie groß die Sehnsucht nach diesem Triumph ist, zeigen die Investitionen des vergangenen Sommers. Neymar kam für 222 Millionen Euro aus Barcelona und eines der größten Talente der Welt, Kylian Mbappé, wurde Monaco entliehen - mit der Zusage, im Sommer 180 Millionen Euro ins Fürstentum zu überweisen.

Die Spielchen der Superstars

Es sind die spektakulärsten Deals der Fußballgeschichte. Möglicherweise sind es auch überflüssige, denn andere starke (und teure) Offensivspieler wie Ángel Di María oder Julian Draxler sitzen nun meist nur noch auf der Bank. Auf anderen Positionen wären Verstärkungen klüger gewesen: Dani Alves ist mit 34 Jahren keine Superkraft mehr, Giovani Lo Celso verkörpert im Mittelfeld keine Weltklasse und für viele andere Stammspieler fehlen geeignete Backups.

Dann ist da noch das Ego der Spitzenkräfte. Einige denken, sie seien größer als der Klub. Stürmerstar Edinson Cavani kam zuletzt verspätet aus dem Winterurlaub, eine Unsitte, die seit den Neunzigerjahren eigentlich aus dem Spitzenfußball verschwunden ist. Auf dem Feld arbeitet der Uruguayer dann genauso wenig nach hinten wie Neymar, der teilweise lustlos über den Platz schleicht. Parallel übt sich der Brasilianer als Gehilfe des Sportdirektors. Um Neymar den Paris-Aufenthalt angenehmer zu gestalten, nahm der Klub im vergangenen Sommer auch seinen Kumpel und Landsmann Alves unter Vertrag. Möglicherweise hat aber auch das nicht gereicht, um ihn langfristig an PSG zu binden. Es halten sich hartnäckige Gerüchte, wonach der 26-Jährige im Sommer zu Real Madrid wechseln wird.

Edinson Cavani
AFP

Edinson Cavani

Auch wirtschaftlich wächst der Verein nicht wie erhofft. Katar sponsert PSG mit 175 Millionen Euro im Jahr, offiziell kommt das Geld von der katarischen Tourismusbehörde. Immerhin, durch die hohen Einnahmen aus diesem Bereich erreicht der Klub einen Umsatz von 486 Millionen Euro, das entspricht aber gerade einmal dem siebthöchsten in Europa - Manchester United, Real Madrid oder Barcelona verdienen über 150 Millionen Euro mehr im Jahr. Vielleicht würden die Kataris noch mehr Geld geben, aber das Financial Fair Play der Uefa hindert sie daran. Dadurch sind weitere Top-Deals im kommenden Sommer eigentlich ausgeschlossen, auch, um einen Ausschluss in den Uefa-Wettbewerben nicht zu riskieren.

Das Projekt PSG dürfte dennoch weitergehen - wenn auch in abgeschwächter Form. Zumal Katar die Freundschaft in die französische Politik aufrechthalten will. Und weiter die Werbetrommel für die Weltmeisterschaft 2022 im eigenen Land rühren und nicht wegen Misshandlung von Gastarbeitern oder der Einschränkung von Freiheitsrechten in Negativschlagzeilen geraten will. Am Ende sind die Ausgaben in Paris auch nur Peanuts, zumindest im Vergleich zu den geschätzten 160 Milliarden Euro für die WM.

Und wenn Katar den Klub doch nicht mehr haben will?

Dann bleibt immer noch ein Verein mit großen Möglichkeiten, mit vielen Talenten aus dem Pariser Umland - und vielen Fans. Wahrscheinlich hat PSG sogar die treuesten Anhänger in ganz Frankreich. Auch wenn einige von ihnen seit der katarischen Übernahme nicht mehr im Stadion waren, gilt die Fanszene als legendär. Kurz: Paris könnte Marseille auch ohne Hilfe aus dem Ausland, ohne Superstars und stattdessen mit einer klüger besetzten Elf schlagen.

Wahrscheinlich würde so ein Team Real oder Barcelona keine Angst einjagen. Aber das ist ja jetzt auch nicht der Fall.

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
ptb29 06.03.2018
1. Die Chance für PSG
Dann wird das Spiel nicht einseitig auf seine Person ausgerichtet. Schade für PSG, da sie im vorigen Jahr unter Mithilfe des Schiris über den Tisch gezogen wurden.
Papazaca 06.03.2018
2. Geld schießt Tore. Aber es gibt keine Garantie
Und da muß ich die Bayern loben (Hmm ...), denn die haben sich kontinuierlich verstärkt, über viele Jahre. Inzwischen haben sie auf fast jeder Position einen Weltklassespieler und einen Ersatz, der oft gleichwertig ist. Und vor allem haben sie einen Trainer, der ein Team geformt hat. Das alles braucht Zeit. PSG hat viel Geld, sehr viel Geld. Aber wenn Neymar ausfällt, können sie Neymar auch nicht annähernd ersetzen. Denn weder hat PSG so eine Bank wie die Bayern noch so einen Trainer. Geld ist also nicht alles. Ich wünsche den Bayern viel Glück, denn sie haben es sich verdient, für viele Jahre kontinuierlicher Arbeit. Und, weil sie einen außergewöhnlichen Trainer haben. Als BVB-Fan bin ich natürlich etwas neidisch. Aber Piano Piano ....
Felix MS 06.03.2018
3. Ökonomische Fakten sind ...
... interessieren mich durchaus, aber wenn ich hier Ihren Autor mal zitieren darf: "Auch wirtschaftlich wächst der Verein nicht wie erhofft. Katar sponsert PSG mit 175 Millionen Euro im Jahr, offiziell kommt das Geld von der katarischen Tourismusbehörde. Immerhin, durch die hohen Einnahmen aus diesem Bereich erreicht der Klub einen Umsatz von 486 Millionen Euro, das entspricht aber gerade einmal dem siebthöchsten in Europa - Manchester United, Real Madrid oder Barcelona verdienen über 150 Millionen Euro mehr im Jahr. " Kann es sein, dass Herr Kuper hier Umsatz und Gewinn (Ergebnis) in einen Topf geworfen hat? Mich würde es freuen, wenn er die Ergebnisse verglichen hätte. Hinzu kommt noch, dass auch sehr, sehr hohe Umsätze so rein gar nichts über die Rentabilität aussagt.
Felix MS 06.03.2018
4. Kann es sein, dass Ihr Autor ...
... hier etwas verwechselt hat und Umsatz und Gewinn in einen Topf geworfen hat? "Auch wirtschaftlich wächst der Verein nicht wie erhofft. Katar sponsert PSG mit 175 Millionen Euro im Jahr, offiziell kommt das Geld von der katarischen Tourismusbehörde. Immerhin, durch die hohen Einnahmen aus diesem Bereich erreicht der Klub einen Umsatz von 486 Millionen Euro, das entspricht aber gerade einmal dem siebthöchsten in Europa - Manchester United, Real Madrid oder Barcelona verdienen über 150 Millionen Euro mehr im Jahr." Das Ergebnis (Gewinn oder Verlust) ergibt sich aus der Differenz zwischen Umsatz und Kosten. Herr Kuper nennt den Umsatz von PSG und sagt dann die Gewinne der anderen Clubs seiten etwa 150 Millionen Euro höher. Von daher wäre es schön, wenn auch der Gewinn von PSG Erwähnung finden würde.
der_gärtner13 06.03.2018
5. Relativ klar, was passieren wird.
Die 3:1 Niederlage ist ja kein Ausrutscher. Das vorangegangene CL Spiel hat man auch 3:1 verloren gegen den FCB. Auch da war der Scheich schon not amused, Gruppensieg hin oder her. Wie es mit dem PSG nach der Saison weiter geht, ist absehbar. Es gibt ja Vergleichsbeispiele. Man braucht nur einen Blick nach Malaga zu werfen um zu sehen, wie die Sache läuft. Es wird mit Geld um sich geworfen bis die Schwarte kracht aber wenn die Sache nicht so läuft wie man sich das ausmalt, ist das Interesse ganz schnell weg. Die Spitzenspieler mussten dann wieder verkauft werden, um den verbliebenen überhaupt noch die im Geldrausch zugesicherten Gehälter zu bezahlen. Als weiteres Beispiel kann man auch Air Berlin sehen. Ein paar Monate vorher noch Bekundungen aussprechen, und dann salopp gesagt 15:30 Freitag-Nachmittag entscheiden doch nichts mehr zu überweisen.
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